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TV-Kritik: „Günther Jauch“ : Wen greift Putin als nächstes an?

TV-Moderator Günther Jauch Bild: dpa

Bei Günther Jauch kommt es zum spannenden diplomatischen Gipfeltreffen – mit dem Botschafter der Ukraine, Russlands und dem CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen. Der hat am Ende eine Prophezeiung parat, die für 2015 nichts Gutes verheißt.

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          Auf der Besetzungsliste von Günther Jauchs Talkshow am Sonntagabend war einiges los. Das Thema stand fest – um die Krise in der Ukraine sollte es gehen: „Merkels Mission – Wie groß ist die Hoffnung auf Frieden?“
          Doch wer dazu sprechen sollte, das ergab sich erst nach und nach im Hin und Her. Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Berlin, sollte dabei sein; Norbert Röttgen von der CDU, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag; Katja Kipping, die Parteivorsitzende der Linken, und der Chefredakteur von „Bild.de“, Julian Reichelt.

          Der Russe kommt

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die beiden Letztgenannten mussten dann weichen. Ein anderer Gast hatte zugesagt, neben den zu Recht nur noch Melnyk und Röttgen passten: der russische Botschafter Wladimir M. Grinin, der den deutschen Zuschauern seit geraumer Zeit erklärt, welche Absichten Wladimir Putin verfolgt. Beziehungsweise an dessen Ausführungen man immer wunderbar ablesen kann, wie groß die Diskrepanz zwischen den Worten und Taten aus dem Kreml gerade ist.

          Diplomatisches Gipfeltreffen bei Jauch also: Melnyk, Grinin, Röttgen – Ukraine, Russland und Deutschland. Um die Verhandlungsführer des Abkommens Minsk II zu repräsentieren, hätte es nur noch eines Franzosen bedurft. Große Außenpolitik, bei der es um alles geht – um Krieg und Frieden, um die Zukunft der Ukraine und Europas -, das war der Gegenstand der Debatte. Die Antworten, die der Moderator auf seine Fragen aus der kleinen Runde bekam, vermittelten einen Eindruck davon, worum es in der Diplomatie geht: erst einmal einen gemeinsamen Nenner, eine gemeinsame Sprache  finden, um dann  Vorschläge zu unterbreiten, wie man einen Konflikt löst.

          „Das Wüten der Nationalsozialisten“

          Wie schwierig das im Umgang mit Russland ist, stellt Botschafter Grinin während der Sendung eindrucksvoll unter Beweis. Warum der in dem Abkommen Minsk II vereinbarte Waffenstillstand erst nach zwei Tagen in Kraft trat, will Jauch wissen. Grinin weiß es nicht. Ob das vielleicht den von Russland mit Waffen und Soldaten unterstützten Separatisten nützen sollte? Dazu kann Grinin nichts sagen (Röttgen schon: Es ging darum, 5000 bis 8000 eingeschlossene ukrainische Soldaten niederzukämpfen). Dass die Russen in der Ostukraine seien, mit Waffen und Mann und Maus? „Es gibt keine Beweise.“ Die hochmodernen Waffen der Separatisten, Panzer, Raketen-Systeme? „Die Waffen kann man überall finden“, sagt Grinin, man könne sie kaufen, es könnten auch welche sein, die die ukrainische Armee zurückgelassen habe.

          Die Revolution aus dem Maidan in Kiew ist in Grinins Augen  ein „Staatsstreich“ dem militärische Strafaktionen der „Sieger-Regierung“ folgten. Vom „Wüten der Nationalsozialisten“ spricht Grinin und davon, dass sich dagegen in der Ostukraine Widerstand gebildet habe. Die russischen Soldaten auf der Krim seien nur eingesetzt worden, „um die Ordnung zu sichern“.

          Diese Lesart ist nicht neu, wir haben sie vielfach gehört. Doch sie in einem solchen Augenblick noch einmal vorgeführt zu bekommen und zu hören, dass die Kiewer Regierung nun schleunigst direkt mit den Separatisten verhandeln müsse, macht deutlich, warum die Bundeskanzlerin nicht von einem Durchbruch zum Frieden, sondern von einem Hoffnungsschimmer spricht. Mehr kann es nicht werden, solange Russland seine Expansion als Verteidigung ausgibt.

          „Glanzstunde der deutschen Diplomatie“

          Wie schwach die ukrainische Regierung dasteht, die nun sogar eine neue Verfassung auf den Weg bringen muss, kann man an diesem Abend dem Botschafter Melnik ansehen. Die Ukraine wolle Frieden, sagt er, ohne Angela Merkels Einsatz sähe es schlimm aus. „Das war die Glanzstunde der deutschen und der europäischen Diplomatie“, sagt Melnyk. Nun komme es darauf an, dass die internationalen Beobachter der OSZE die Lage in der Ostukraine begutachteten und sein Land seine Grenze zu Russland selbst bewachen könne. Und Waffenlieferungen, etwa aus den Vereinigten Staaten? Die seien „zentral“.

          Das sind sie für die deutsche Politik selbstverständlich nicht, wie Norbert Röttgen eiligst ausführt, es dabei aber vermeidet, im Gegensatz zu dem zuletzt bei Jauch aufgetretenen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, mit Muskeln zu spielen (Motto: Amis haltet Euch raus!), die Europa gar nicht hat. Keine Waffen für die Ukraine, weil das Putin nur noch mehr reize und die Russen militärisch nicht zu schlagen seien, Sanktionen als Drohkulisse – da stellt Jauch die naheliegende Frage: „Glauben Sie wirklich, dass Putin sich davon vom Krieg abhalten lässt?“

          Da wird Norbert Röttgen, der die Widersprüchlichkeit der westlichen Haltung gar nicht leugnet, unerwartet deutlich. 2014 sei nach 1989 die nächste Zäsur gewesen, sagt er. Das Jahr, in dem die „Globalisierung der Gefahr“ bei jedem angekommen sei, von der Ukraine bis zum islamistischen Terror bis zu „Charlie Hebdo“.  Was in unserem Land bekanntlich nicht alle wahrhaben und viele lieber von allem verschont werden wollen. Ob er das verstehen könne, will Jauch von Röttgen wissen. Verstehen ja, gutheißen nein, gerade nicht für die Bundesrepublik: „Eine große Schweiz ist vielleicht ein großer Wunsch, vor allem aber eine große Illusion.“

          Und wie sind die Aussichten für heute ? Die fasst Röttgen in einen Satz, der nicht nur an diesem Abend nachhallt: „Putins Ziel für 2015 ist ganz klar – die Spaltung des Westens“.

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