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TV-Kritik: Günther Jauch : Weichspüler-Rhetorik und gefällige Inszenierungen

  • -Aktualisiert am

Prost, Mr. President, auf die Weltpolitik Bild: Reuters

Wird überhaupt noch ernsthaft diskutiert, oder vor allem inszeniert? Günther Jauch bezweifelte, dass die Politik noch Probleme lösen kann. Aber das betrifft auch seine eigene Sendung.

          Die schönsten Inszenierungen sind bekanntlich die, die nicht als solche auffallen. Wer es klug anstellt, kommt damit sogar zu Günther Jauch. So etwa die junge Medizinstudentin Fagr Eladly. Sie wurde während der Pressekonferenz des ägyptischen Staatspräsidenten al Sisi im Bundeskanzleramt weltweit bekannt als sie ihn „Mörder“ und „Faschisten“ nannte, außerdem „Nieder mit der Militärdiktatur“ rief. Bei Jauch wiederholte sie noch einmal ihre Motivation. Sie habe kritische Fragen stellen wollen, die aber nicht zugelassen worden waren.

          Frau Eladly war als freie Journalistin nach Berlin gekommen, um dort im Auftrag eines Radiosenders aus Wiesbaden über den Staatsbesuch zu berichten. Sie ist gebürtige Ägypterin, Mitglied bei den Jungsozialisten, und außerdem in einer Organisation namens „Deutsch-Ägyptische Union für Demokratie“ aktiv. Sie trägt ein Kopftuch, was angesichts der traditionellen frauenpolitischen Beschlusslage der Jusos recht originell anmutet.

          Wer ist diese Frau eigentlich?

          Frau Eladly nutzte die Gelegenheit, um mehr oder minder konsensfähige Erläuterungen zum Thema der Sendung beizusteuern. Es ging anlässlich des G-7-Gipfels um die „Welt in Unordnung. Kann die Politik noch Krisen lösen?“ Da hatte Frau Eladly eine interessante Funktion. Sie ist jung, eine Frau, Migrantin und politisch aktiv. Dabei sogar in einer Partei und einer Organisation der Zivilgesellschaft. Damit lieferte sie das passende Kontrastprogramm zu den üblichen Gästen aus dem Establishment.

          Nur wie soll man eigentlich ernsthaft diskutieren, wenn man den politischen Hintergrund so elegant umschifft, wie es bei Frau Eladly der Fall war? Mit wem hat man es eigentlich bei der „Deutsch-Ägyptischen Union für Demokratie“ zu tun? Wirklich mit am westlichen Rechtsstaat orientierten Liberalen? Sie schien zudem recht seltsame Vorstellungen über besagte Pressekonferenz zu haben, die sie als „Inszenierung und Schauspiel“ empfand. Frau Eladly kann nicht ernsthaft geglaubt haben, dort diskutierten mit ihr die Kanzlerin und der ägyptische Präsident über die Lage in Ägypten. Diese Vorstellung strapazierte selbst bei einer jungen Frau den gesunden Menschenverstand. 

          Wer gehört zur Zivilgesellschaft?

          Aber über den Wolken wird bekanntlich alles nichtig und klein. Dann stimmt auch das, was die frühere Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, über die Zivilgesellschaft als Gegenpol zur etablierten Politik zu sagen hatte. Nur um wen handelt es sich dabei eigentlich? Wirklich nur um die von ihr erwähnten Flüchtlingsinitiativen? Gehört Pegida nicht auch dazu? Die Zivilgesellschaft ist keine Wertegemeinschaft, die sich auf evangelischen Kirchentagen trifft, sondern das Ergebnis einer pluralistischen Gesellschaft. Dort finden sich alle möglichen Interessen, Meinungen und Ideologien, die um die Deutungshoheit und für die Durchsetzung ihrer Positionen kämpfen. Dort findet man nicht das Gute in einer Gesellschaft, wie Frau Käßmann meinte, sondern nur deren Vielfalt. Allerdings nutzen dabei alle Gruppen die Mechanismen der Mediengesellschaft. Das ist nicht anders als in der Politik.

          Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, nannte den G-7-Gipfel auf Schloss Elmau ein „Kameradschaftstreffen unter Gleichgesinnten“ und eine „absurde Inszenierung“, wo 17.000 Polizisten sieben demokratisch gewählte Regierungschefs schützen müssen. Das Treffen als informeller Meinungsaustausch hätte tatsächlich auch im Kanzleramt in Berlin stattfinden können, wie Steingart meinte. Das Gegenargument des Kanzleramtsministers Peter Altmaier, das Informations- und Mitteilungsbedürfnis der Journalisten sei letztlich für das überdimensionierte Spektakel verantwortlich, ist wohlfeiles Gerede. Selbstredend könnten sich Politiker informell unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen, wenn sie das wollten. Wer soll sie daran hindern? Nur inszeniert man diese G-7-Gipfel gerade für die Öffentlichkeit, um dem heimischen Publikum schöne Bilder und passende Botschaften zu präsentieren. Das kann der amerikanische Präsident mit dem alkoholfreien Weißbier sein, und die G-7 als westliche Wertegemeinschaft mit allerdings geschrumpfter weltpolitischer Bedeutung.

          Weichspüler-Rhetorik ist längst normal

          Insofern geht es in der Politik nicht um Lösungen, sondern lediglich um den Anschein, sich um Probleme zu kümmern. Das hat für die politische Rhetorik Konsequenzen. Es ging unter anderem um die Frage, warum Konflikte in der Politik nicht mehr offen ausgetragen werden. Frau Käßmann wies sogar auf Franz Josef Strauß hin, um die übliche gewordene Weichspüler-Rhetorik zu kontrastieren.

          Nur liegt das keineswegs an den heute fehlenden Grundsatzkonflikten, wie Altmaier meinte. Die gibt es immer noch. Vielmehr hat man die Vorteile erkannt, wenn man möglichst wenige Angriffspunkte bietet. Man musste den Kanzleramtsminister nur beim Thema Ägypten zuhören, um zu wissen, was damit gemeint ist. Er teilte selbstredend die Kritik an al Sisi, die ja nicht nur Frau Eladly artikuliert hat. Allerdings wohl nur im Prinzip, sozusagen. In Wirklichkeit hatte die Bundesregierung ein fundamentales Interesse am Sturz der Muslimbrüder, um die weitere Destabilisierung des Mittleren Ostens zu verhindern. Das ist mehr als al Sisi in Berlin zu empfangen, um mit ihm im Gespräch zu bleiben. Ein Franz Josef Strauß hätte mit solchen Wahrheiten keine Probleme gehabt, woraus sich aber eine so ernsthafte wie kontroverse Debatte über die deutsche und westliche Außenpolitik entwickelt hätte. Heute lässt man solche Widersprüche lieber mit Altmaier rhetorisch unter den Tisch fallen, weil die Kontroverse ansonsten stichhaltige Begründungen erfordert. Vor allem dann, wenn am gleichen Tag die westliche Wertegemeinschaft auf Schloss Elmau inszeniert werden soll.

          Blutleere Debatten

          So musste es niemanden wundern, wenn Altmaier für Frau Eladly als Vertreterin der Jugend und der sogenannten Zivilgesellschaft das entsprechende Verständnis aufbrachte. Es ist dieses altväterliche Wohlwollen, das jede ernsthafte Diskussion wie eine klebrige Masse im Keim erstickt. Frau Eladly hätte eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient gehabt, die sich nicht nur in Belanglosigkeiten erschöpft hätte. So hätte man sie fragen können, wie sie die Politik der Muslimbrüder beurteilt. Ob sie diese in gleicher Weise verurteilt, wie die gegenwärtigen Machthaber. Man kann schließlich über al Sisi nicht ohne diesen Hintergrund ernsthaft diskutieren wollen. Daraus hätte sich eine gute Diskussion ergeben können, etwa über die Bedeutung demokratischer Wahlen in Gesellschaften ohne eine entsprechende politische Kultur. Frau Eladly machte nämlich zugleich deutlich, was unsere Gesellschaft eigentlich ausmacht. „In Ägypten hatten die Menschen keinen Einfluss auf den politischen Prozess“, so Frau Eladly, aber genau das habe sie „in Deutschland schätzen gelernt“.

          Zu dieser westlichen Kultur gehören allerdings jene Inszenierungen, die in den Pressekonferenzen im Bundeskanzleramt genauso zu finden sind wie beim Spektakel auf Schloss Elmau. Aber welche Inszenierung bot uns jetzt die „Deutsch-Ägyptische Union für Demokratie“ im Berliner Kanzleramt? Diese Frage wurde bei Jauch noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. So wurde diese Sendung ein gelungenes Beispiel dafür, warum politische Debatten mittlerweile so blutleer wirken. Wahrscheinlich fehlt uns wirklich ein Franz Josef Strauß.

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