https://www.faz.net/-gsb-848mo

TV-Kritik: Günther Jauch : Weichspüler-Rhetorik und gefällige Inszenierungen

  • -Aktualisiert am

Weichspüler-Rhetorik ist längst normal

Insofern geht es in der Politik nicht um Lösungen, sondern lediglich um den Anschein, sich um Probleme zu kümmern. Das hat für die politische Rhetorik Konsequenzen. Es ging unter anderem um die Frage, warum Konflikte in der Politik nicht mehr offen ausgetragen werden. Frau Käßmann wies sogar auf Franz Josef Strauß hin, um die übliche gewordene Weichspüler-Rhetorik zu kontrastieren.

Nur liegt das keineswegs an den heute fehlenden Grundsatzkonflikten, wie Altmaier meinte. Die gibt es immer noch. Vielmehr hat man die Vorteile erkannt, wenn man möglichst wenige Angriffspunkte bietet. Man musste den Kanzleramtsminister nur beim Thema Ägypten zuhören, um zu wissen, was damit gemeint ist. Er teilte selbstredend die Kritik an al Sisi, die ja nicht nur Frau Eladly artikuliert hat. Allerdings wohl nur im Prinzip, sozusagen. In Wirklichkeit hatte die Bundesregierung ein fundamentales Interesse am Sturz der Muslimbrüder, um die weitere Destabilisierung des Mittleren Ostens zu verhindern. Das ist mehr als al Sisi in Berlin zu empfangen, um mit ihm im Gespräch zu bleiben. Ein Franz Josef Strauß hätte mit solchen Wahrheiten keine Probleme gehabt, woraus sich aber eine so ernsthafte wie kontroverse Debatte über die deutsche und westliche Außenpolitik entwickelt hätte. Heute lässt man solche Widersprüche lieber mit Altmaier rhetorisch unter den Tisch fallen, weil die Kontroverse ansonsten stichhaltige Begründungen erfordert. Vor allem dann, wenn am gleichen Tag die westliche Wertegemeinschaft auf Schloss Elmau inszeniert werden soll.

Blutleere Debatten

So musste es niemanden wundern, wenn Altmaier für Frau Eladly als Vertreterin der Jugend und der sogenannten Zivilgesellschaft das entsprechende Verständnis aufbrachte. Es ist dieses altväterliche Wohlwollen, das jede ernsthafte Diskussion wie eine klebrige Masse im Keim erstickt. Frau Eladly hätte eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient gehabt, die sich nicht nur in Belanglosigkeiten erschöpft hätte. So hätte man sie fragen können, wie sie die Politik der Muslimbrüder beurteilt. Ob sie diese in gleicher Weise verurteilt, wie die gegenwärtigen Machthaber. Man kann schließlich über al Sisi nicht ohne diesen Hintergrund ernsthaft diskutieren wollen. Daraus hätte sich eine gute Diskussion ergeben können, etwa über die Bedeutung demokratischer Wahlen in Gesellschaften ohne eine entsprechende politische Kultur. Frau Eladly machte nämlich zugleich deutlich, was unsere Gesellschaft eigentlich ausmacht. „In Ägypten hatten die Menschen keinen Einfluss auf den politischen Prozess“, so Frau Eladly, aber genau das habe sie „in Deutschland schätzen gelernt“.

Zu dieser westlichen Kultur gehören allerdings jene Inszenierungen, die in den Pressekonferenzen im Bundeskanzleramt genauso zu finden sind wie beim Spektakel auf Schloss Elmau. Aber welche Inszenierung bot uns jetzt die „Deutsch-Ägyptische Union für Demokratie“ im Berliner Kanzleramt? Diese Frage wurde bei Jauch noch nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet. So wurde diese Sendung ein gelungenes Beispiel dafür, warum politische Debatten mittlerweile so blutleer wirken. Wahrscheinlich fehlt uns wirklich ein Franz Josef Strauß.

Weitere Themen

Topmeldungen

Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.
Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.