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TV-Kritik: Günther Jauch : Warum Väter ihre Familien töten

  • -Aktualisiert am

TV-Moderator Günther Jauch diskutierte mit seinen Gästen über die Hintergründe sogenannter Mord/Selbstmord-Delikte Bild: dpa

Was bringt einen Mann dazu, erst Frau und Kinder und dann sich selbst umzubringen? Bei Günther Jauch standen psychologische Antworten im Vordergrund. Andere Aspekte wurden dabei übersehen.

          Doreen Salomon lebte 15 Jahre mit ihrem Ehemann zusammen, ihr gemeinsames Kind war fünf Jahre alt. Kurze Zeit nach der Trennung brachte der Vater, ein Krankenpfleger, erst seinen Sohn mit einer tödlichen Injektion um und vergiftete dann auch sich selber über einen Tropf. Für die trauernde Mutter besteht kein Zweifel: ihr Mann wollte sich an ihr für die Trennung rächen, indem er ihr das Liebste nahm, was sie hatte, ihr Kind. Sie zweifelt im Gespräch mit Günther Jauch auch nicht daran, dass der Vater seinen Sohn liebte, „aber es war eine Besitzerliebe“, nicht eine Liebe, die den anderen achtete und in seiner Eigenständigkeit respektierte.

          Salomon, die nach der Tat monatelang in der Klinik verbrachte, die ihren Beruf als Krankenschwester nicht mehr ausüben kann, weil sie Spritzen und Infusionen sofort daran erinnern, wie sie ihren toten Sohn und ihren toten Mann aufgefunden hatte, gelingt es in der Sendung von Jauch konzentriert und beherrscht die nicht allzu überraschenden Fragen zu beantworten, die ihr gestellt werden. Sie gibt Auskunft über die Reaktionen der Umwelt, über Zeichen, die man vorher nicht sehen, hinterher aber erkennen konnte und über die Bedeutung von Trauergruppen, in denen man offen über alle Gefühle, auch über Hass sprechen kann.

          Sie erweist sich in dem Gespräch als psychisch schwer verletzte, aber nicht als gebrochene Frau: „Ich bin zu jung um zu sagen, das Leben ist vorbei.“ Eine Frage stellt ihr Jauch aber nicht: Warum tritt sie in dieser Talksendung überhaupt auf? Vielleicht hätte ihre Antwort auf diese nicht gestellte Frage der Sendung die Orientierung geben können, die ihr fehlte.

          Was erklärt eine narzistische Persönlichkeitsstörung?

          Die Talkrunde, an der noch die Linzer Psychiaterin Heidi Kastner, die „Zeit“-Reporterin Amrai Coen, der Schauspieler Andreas Schmidt – er spielte im vorangegangenen Polizeiruf Arne Kreuz, der seine Kinder, Schwiegereltern und seine Frau umgebracht hatte – und der ehemaligen Leiter einer Mordkommission Axel Petermann beteiligt waren, lieferte zwar Informationsbrocken und Einschätzungen, vermittelte aber weder ein Interesse noch eine Perspektive. Im vorangegangenen „Polizeiruf“ war das Thema „Mord mit anschließendem (geplanten) Selbstmord“ trotz einiger etwas papieren wirkender Erklärungsansätze spannend etabliert worden – als ambitionierte Unterhaltung.

          Von Jauch wurden die Thesen der Rostocker Ermittlerin König aufgegriffen, ein Gespräch der Gäste miteinander oder auch nur mit Jauch entwickelte sich dann aber nicht. Der Moderator fragte auch in einzelnen Punkten nicht nach, die die Diskussion vielleicht weiter getrieben hätten. Dabei hätte Schmidts Aussage, er sei als Schauspieler ein Anwalt seiner Figuren, denen er von innen heraus recht geben müsse, durchaus ein Anknüpfungspunkt sein können. Denn was heißt das, wenn in der gleichen Runde jemand sitzt, der Opfer eines solchen Täters geworden ist?

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