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TV-Kritik: Günther Jauch : Unsere Kinder

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dpa

Günther Jauch hat sich in seiner Sendung mit Kinderpornographie beschäftigt. Er stellte der Politik berechtigte Fragen – und seinen Zuschauern.

          5 Min.

          Ob heute Morgen der Staatsanwalt die Redaktionsräume sowie die Privatwohnungen von Günther Jauch und seinen Mitarbeitern durchsucht? Es gibt dort kinderpornographisches Material der BKA-Kategorie 1 zu finden. Jungen mit erigiertem Penis und Mädchen mit gespreizten Beinen. Veröffentlicht in einer Ausgabe des „Zeit-Magazins“ aus dem Jahre 1973. Zwar hat Jauch diese Bilder nur verpixelt gezeigt, also nicht verbreitet, aber ohne Zweifel besessen. Das reicht nicht nur für ein Ermittlungsverfahren, sondern sogar für eine Verurteilung aus. Ein Irrtum anzunehmen, Kinderpornographie wäre allein ein Online-Delikt. Es reicht das gedruckte Papier.

          Natürlich wird Jauch keine Strafverfolgung zu fürchten haben, wenn man auch nichts mehr ausschließen will. Aber mittlerweile ist es wirklich nicht mehr sicher, ob der Erwerb dieser Zeit-Ausgabe nicht schon strafbar wäre oder wenigstens das Auffinden eines solchen Exemplars während einer Hausdurchsuchung zum Verdacht der Strafbarkeit im Sinne des §184 b StGB führte. Dort ist die „Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften“ normiert. Jauch wies auf diese Zeit-Ausgabe hin, um den Sexualpsychologen Christoph J. Ahlers nach dem seit 1973 veränderten gesellschaftspolitischen Klima zu fragen. Dieser erklärte das mit der Chiffre „1968“. Damals habe man auf die Repression und Verklemmtheit früherer Jahrzehnte reagiert und das Pendel sei irrtümlich in die „Permissive Sexualität“ umgeschlagen. Ahlers plädierte dafür, in unserer Sexualmoral endlich „die Mitte“ zu finden.

          „Lustobjekt Kind - Was tun gegen das böse Geschäft mit nackten Jungen und Mädchen?“

          So hieß das Thema bei Jauch. Und die Sendung war ein Gewinn, um diese Mitte zwar vielleicht nicht zu finden, aber wenigstens auszuloten. Ahlers nannte dabei die entscheidenden Punkte. So sei an der sexuellen Orientierung von Pädophilen genauso wenig etwas zu ändern, wie an der von Heterosexuellen. Erstere seien auch keineswegs triebhafter als der heterosexuelle Normalbürger. Sie können allerdings ihre Sexualität nicht ausleben, weil diese direkt oder mittelbar durch das Konsumieren von Kinderpornographie auf den Missbrauch von Kindern beruht. Daher müsse, so Ahlers, es allein darum gehen, sexuelle Neigungen zu kontrollieren. Das ist übrigens für heterosexuelle Männer in gleicher Weise zu konstatieren. Sie dürfen nicht einfach Frauen vergewaltigen.

          Und in der Debatte um den Aufschrei wurde zudem deutlich, wie schwierig der Umgang zwischen Männern und Frauen sein kann, selbst wenn an einvernehmlicher Sexualität unter Erwachsenen noch nicht einmal gedacht wird. Oder vielleicht nur der Mann daran denkt. Die Hälfte der Missbrauchsfälle an Kindern werde aber noch nicht einmal von Pädophilen begangen, so Ahlers und der NDR-Journalist Sebastian Bellwinkel, sondern als „Ersatzhandlungen“ von Männern mit ansonsten normaler Sexualität. Der Rechtsanwalt Udo Vetter wies zudem darauf hin, dass nach seiner Erfahrung die meisten Täter aus diesem Deliktfeld den „mittleren und gehobenen Gesellschaftsschichten“ stammten. Auch der These einer Kinderporno-Mafia konnte Vetter wenig abgewinnen. Kinderpornographie geschehe zumeist in Form von Tauschgeschäften unter Interessierten. Insoweit sei der Fall des Sebastian Edathy, der Filme und Fotos in Kanada regulär einkaufte, gerade nicht repräsentativ für das sonstige Tatgeschehen.

          Debatte als Ausdruck einer Hysterie

          Im Laufe der Sendung wurde im Grunde alles dementiert, was seit der Veröffentlichung des Kriminalfalls Edathy vor zwei Wochen politisch diskutiert worden ist. So konnte es auch niemanden verwundern, dass die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig eine fast schon bemitleidenswerte Vorstellung abgab. Sie hatte nur ein Argument, und das wiederholte sie häufig. Es ginge „um unsere Kinder“. Sie müssten vor der sexuellen Ausbeutung geschützt werden. Nur galt das schon vor der Affäre Edathy – und war schon vor Jahren das Thema gewesen als es um den sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche gegangen war. Bellwinkel wies auf den von einem Runden Tisch verabschiedeten „Maßnahmeplan“ hin, der noch nicht umgesetzt worden sei. Oder die unzureichende Ausstattung der Polizei für eine effektive Strafverfolgung. Wobei Vetter mit guten Gründen fragte, ob die „Wellenbewegungen“ (Bellwinkel) in der Kinderpornographie-Debatte nicht zu einer Fehlsteuerung polizeilicher Kapazitäten führe. Er stellte damit letztlich eine unerhörte Frage: Nämlich die Debatte als Ausdruck einer Hysterie zu begreifen.

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