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TV-Kritik: Günther Jauch : Todesfalle Mittelmeer

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Günther Jauch diskutierte am Sonntag mit seinen Gästen über das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer. Bild: Imago

Selbstgewissheit auf allen Seiten prägt die Debatte über die Lehren, die aus dem Flüchtlingsunglück im Mittelmeer zu ziehen sind. Das zeigte auch die Diskussion bei Günther Jauch. Ein Gast aus Brandenburg sorgte jedoch für eine Überraschung in der Sendung.

          Die deutsche Handels- und Kriegsmarine bewältigte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die wahrscheinlich größte Evakuierungsaktion in der Geschichte der Menschheit. Mitten im Krieg gelangten so 2,4 Millionen Menschen aus dem früheren deutschen Osten in den Westen. Dabei gingen 245 Schiffe mit 40.000 Passagieren verloren. So zynisch es klingt: Die Flucht über das Mittelmeer ist heute, statistisch betrachtet, wesentlich riskanter als die über die Ostsee im Jahr 1945. Der Schweizer Journalist Roger Köppel sprach bei Günter Jauch von der „Todesfalle Mittelmeer“. Man war sich nur nicht einig, wer die Verantwortung dafür trägt.

          Das Dilemma der EU

          Dabei war aber auf allen Seiten eines zu spüren: Jeder ist sich seiner Sache sehr sicher. Wahrscheinlich aber nur aus dem Grund, weil niemand die Verantwortung für seine Vorschläge übernehmen muss. So diagnostizierte Köppel zwar mit guten Gründen die Sogwirkung von Rettungsprogrammen für das Mittelmeer, wie es die italienische Kriegsmarine bis Ende vergangenen Jahres praktizierte. Immer mehr Menschen versuchen über Nordafrika auf Schiffen Europa zu erreichen, die noch nicht einmal den Namen Seelenverkäufer verdienten. Dabei sind sie auf die Hilfe jener Schwerkriminellen angewiesen, die sich Schlepper nennen und für ihre Dienste fürstlich entlohnt werden. Die in Deutschland aufgewachsene Syrerin Maya Alkhechen nannte den Preis für ihre Überfahrt von Ägypten nach Italien. 2.000 Dollar für einen Erwachsenen, 500 Dollar für ein Kind. Das betrachten wohl nicht nur Schwerkriminelle als ein hervorragendes Geschäftsmodell mit traumhaften Renditen.

          Wer will eigentlich ernsthaft bestreiten, dass hier die EU in einem moralischen Dilemma steckt? Je intensiver sie die Rettung dieser Flüchtlinge betreibt, umso skrupelloser werden die Schlepper vorgehen. Dann werden Menschen auf Schlauchboote in der Erwartung gesteckt, dass sie auf hoher See schon gerettet werden. Wenn sie aber elendig ersaufen, werden sich die Schlepper dafür nicht verantwortlich fühlen. Köppel, und mit ihm die meisten anderen Europäer, allerdings auch nicht. Sie schlafen trotzdem bestens.

          Durch Unterlassen töten?

          Frau Alkhechen machte aber an ihrem eigenen Schicksal eines deutlich: Flüchtlinge werden diesen Weg trotzdem nehmen. Sie sind den Schleppern sogar dankbar, weil dieser Weg über das Mittelmeer mittlerweile fast die einzige Möglichkeit geworden ist, um noch nach Europa zu gelangen. Dabei sind die Motive für diese Flucht fast schon irrelevant zu nennen: In Afrika will man dem Elend in gleicher Weise entkommen, wie in Syrien oder dem Irak dem Bürgerkrieg. Nur es sind gerade nicht die Ärmsten der Armen, die 2.000 Dollar für eine illegale Einreise nach Europa aufbringen können. Heribert Prantl, Journalist der „Süddeutschen Zeitung“, kämpft seit Jahrzehnten für ein liberales Asylrecht in Deutschland. Er wirft der EU vor, mit ihrer Tatenlosigkeit durch „Unterlassen zu töten.“

          Aber er machte sich gestern Abend etwas vor, wenn er die Not der syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge beschwor, dagegen die Wirtschaftsmigration aus Afrika nicht gemeint haben wollte. In dem der Sendung vorgeschalteten Brennpunkt wurde ein anderes Bild gezeichnet. In dem Drehkreuz der Flucht über das Mittelmeer, dem gescheiterten Staat Libyen, geht es zumeist um Flüchtlinge aus dem Senegal oder Nigeria. Syrien oder der Irak spielen dort kaum eine Rolle. Was fordert jetzt also Prantl? Diese Menschen zu retten, um ihre Asylanträge sogleich abzulehnen? Werden sie dann nicht versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern, um das zu verhindern? Oder in Europa das Leben eines Illegalen zu führen, das immer noch besser ist als das in der früheren Heimat?

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