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TV-Kritik: Günther Jauch : Ohne Rücktritt

  • -Aktualisiert am

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) Bild: dpa

Nach dem Misshandlungsskandal in einer Asylunterkunft nimmt Günther Jauch NRW-Innenminister Jäger in die Mangel. Richtig gut wird die Sendung aber erst durch die Geschichte einer Syrerin, die zum zweiten Mal nach Deutschland geflüchtet ist.

          3 Min.

          Es gibt einen Moment, ungefähr nach 15 Sendeminuten, da scheint Günther Jauch tatsächlich ein bisschen verblüfft. Eben hat Jauch den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD) gefragt, ob er wegen des Misshandlungsskandals in der Flüchtlingsunterkunft in Burbach nicht zurücktreten müsse.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Frage soll einer der Höhepunkt der Sendung mit dem Titel „Der Folter-Skandal - versagt unsere Flüchtlingspolitik?“ sein. Und deshalb hat Jauchs Redaktion alles gut vorbereitet. Das Skandalvideo wird eingespielt, auf dem private Wachleute einen Mann in der Burbacher Flüchtlingsunterkunft zwingen, sich auf eine mit Erbrochenem verschmutzte Matratze zu legen. Das Foto wird gezeigt, auf dem ein Sicherheitsmann einem gefesselt am Boden liegenden Asylbewerber einen Fuß in den Nacken stellt. Ein (unbescholtener) ehemaliger Wachmann im Studio schildert die katastrophalen hygienischen Zustände im Heim, berichtet, dass es oft Schlägereien zwischen den Flüchtlingen gab und manchmal die Sicherheitsleute Opfer von Übergriffen wurden. Jauch nimmt den nordrhein-westfälischen Innenminister hart in die Mangel.

          September 2014 : Prüfung von Sicherheitspersonal

          Auch Jauch kann sich nicht vorstellen, dass Jäger keine Ahnung gehabt haben will von den Zuständen in den Flüchtlingsunterkünften des Landes. Und die Briefe des Dortmunder Oberbürgermeisters hält Jauch dem Innenminister natürlich auch noch vor. Schon im Sommer 2013 hatte der Oberbürgermeister in einem Brief an Jäger geschrieben, das Krisenmanagement des Landes bei der Erstunterbringung der stetig steigenden Zahl von Flüchtlingen „erscheint unkoordiniert“. Und erst am 26. August schrieb der Dortmunder Oberbürgermeister an Jäger: „Ich vermisse nach wie vor ein effizientes Krisenmanagement und stelle ein gewisse Trägheit angesichts zahlreicher Problemstellungen fest.“ Jäger ist also ziemlich in der Defensive. Er weist auf seine „Task Force“ hin, die nun alles kontrollieren soll, auf Standards, die „hochgezogen“ werden.

          Die Frage aller Fragen

          Jauch möchte nun hören, dass Jäger sagt, er sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Aber welcher Minister ist je in eine Talkrunde gekommen, um seinen Rücktritt zu erklären? Und Jäger hat sich auf die Frage aller Fragen natürlich vorbereiten können, schließlich liegt ja keine Frage näher. Jäger sagt: „Ich übernehme keine Verantwortung, ich habe die Verantwortung für mehrere zehntausend Mitarbeiter in meinem Bereich.“ Jauch entgegnet nach einem Moment mit einer weiteren Frage. „Dann kommt ein Rücktritt nie in Frage?“ Bald darauf ist die Sache dann endgültig abgehakt.

          Grünen-Chef Cem Özdemir ist sehr darauf bedacht, den rot-grünen Koalitionsfrieden in Düsseldorf nicht zu gefährden.
          Grünen-Chef Cem Özdemir ist sehr darauf bedacht, den rot-grünen Koalitionsfrieden in Düsseldorf nicht zu gefährden. : Bild: dpa

          Vielleicht wäre Innenminister Jäger ein bisschen länger in der Bredouille geblieben, wenn für die CDU statt Thomas Strobl aus Baden-Württemberg der andere Bundes-Vize Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen zu Jauch gekommen wäre. Laschet treibt Jäger schon seit Tagen vor sich her. Strobl dagegen lässt den nordrhein-westfälischen Innenminister recht billig davon kommen.

          Grünen-Chef Cem Özdemir wiederum ist sehr darauf bedacht, den rot-grünen Koalitionsfrieden in Düsseldorf nicht zu gefährden, wehrt sich deshalb gegen „parteipolitisches Ping-Pong-Spiel“. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie sich Özdemir hätte aufregen müssen, wenn ein Fall Burbach unter einem Innenminister der CDU passiert wäre! So aber spricht Özdemir lieber über das große Ganze und bekommt dafür erstaunlicherweise den meisten Beifall des Publikums. Jauch befragt den Spitzen-Grünen noch nicht einmal eingehend zum innerparteilichen Asylkonflikt über die Frage der sogenannten sicheren Herkunftsländer.

          Die Geschichte der Maya Alkhechen

          Dass die Sendung trotzdem gelingt, hat mit den Politiker-Gästen wenig zu tun. Es ist zum einen der Jauch-Redaktion zu verdanken, die das Thema gut aufbereitet hat: die Einspielfilme und Grafiken etwa zu den Flüchtlingszahlen, den Herkunftsländern oder den Fluchtwegen sind informativ. Zum anderen sind es die beiden weiblichen Gäste, die die Sendung positiv prägen, nachdem die Frage der Fragen gestellt und der nordrhein-westfälische Innenminister im Amt geblieben ist. Michaela Vogelreuther, die Leiterin des Sozialamts Fürth, berichtet anschaulich, wie so es immer noch besser Flüchtlinge in einem ehemaligen Möbelhaus unterzubringen, statt in einer Turnhalle. Maya Alkhechen erzählt die atemberaubende Geschichte ihrer doppelten Flucht.

          In dieser Geschichte ist fast alles enthalten, was man wissen muss, um ein tieferes Verständnis für die Themen Flucht und Asyl zu entwickeln. 1989 war Alkhechen als kleines Mädchen mit ihren Eltern schon einmal aus Syrien nach Deutschland geflohen. Maya Alkhechen ging in Essen zur Schule, machte sogar Abitur und hätte gerne Medizin studiert. Doch wegen ihres Status‘ als Flüchtling blieb ihr das verwehrt. Mit 22 ging sie nach Syrien zurück, weil sie dachte, dort eine Perspektive zu haben. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Vor dem Bürgerkrieg flüchtete sie sich nun nach Ägypten. In einem völlig überfüllten Schlepper-Boot ging es über das Mittelmeer nach Italien.

          Sieben lange Tage dauerte die Überfahrt, weil der überlastete Bootsmotor immer wieder ausfiel. Sieben lange Tage war sie in Angst, eines ihrer Kinder zu verlieren. Sieben lange Tage lebte sie in der Furcht, das Boot könnte kentern, die Wellen könnten sie verschlingen. Eigentlich hätte Alkhechen mit ihrer Familie in Italien bleiben müssen. Aber die Italiener ließen sie einfach laufen – wie so viele andere Flüchtlinge auch. Die junge Frau nennt Essen ihre Heimat. Um in ihre Heimat zurückzukehren, war sie gezwungen, sich kriminellen Schleppern auszuliefern. Um in ihre Heimat zurückzukehren musste sie illegal einreisen. Anschaulicher hat man die Ausprägungen und Auswirkungen der europäischen Flüchtlingspolitik bisher selten dargelegt bekommen.

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