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TV-Kritik: Günther Jauch : Klauen die Islamisten unsere Autos?

Pegida-Demonstranten am 8.12.2014 in Dresden. Was wollen die Protestler eigentlich? Bild: Reuters

Was hat es mit den Montagsdemos der „Pegida“ auf sich? Sind das alles Nazis? Ist es die Mitte der Gesellschaft, die da vor der „Islamisierung“ warnt? In der ARD wurden solche Fragen vor allem für den AfD-Chef Bernd Lucke interessant.

          Die Macher der „heute show“ des ZDF hatten eine ebenso witzige wie kluge Idee. Da die Demonstranten bei den Versammlungen der Pegida-Bewegung bekanntlich nicht mit hiesigen Journalisten reden wollen oder dürfen, setzte sich der Reporter des Satire-Magazins Carsten van Ryssen kurzerhand eine Russen-Mütze auf, stöpselte ein „RT Deutsch“-Schildchen an sein Mikro und siehe da: Die Leute redeten. Wie objektiv Russia Today sei, die hiesige Presse hingegen „Verräter“, bekam er zu hören. Kriminelle Ausländer sollten natürlich raus. Und sei es (angeblich) ein Serbe, der einem Demonstranten (angeblich) das Auto geklaut hatte. Aber der, fand Carsten van Ryssen heraus, war zumindest kein Islamist. Wenigstens etwas.

          Der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke. Seine Disziplin in der Sendung von Günther Jauch: Sowohl-als-auch-ja-aber-man-wird-doch-noch-sagen-dürfen, sich den Pelz waschen, aber nicht nass werden wollen.
          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In der Talkshow von Günther Jauch kam der Politikberater Michael Spreng auf diese Szene zu sprechen, den sie hat viel mit dem zu tun, was Jauch verhandelte: „Frustbürger und Fremdenfeinde – Wie gefährlich sind die neuen Straßen-Proteste?“ lautete das Thema.

          Was wollen die Pegida-Demonstranten?

          Die Frage war offen gestellt, lädt aber selbstverständlich auch gleich zu Missverständnissen ein. Sind die Proteste gefährlich? Oder sind es die Protestierenden? Für wen sind sie gefährlich? Für die großen Parteien oder für die Demokratie? Sind die Forderungen der Pegida von Gefahr oder sind es deren Anführer? Oder sind die Anliegen berechtigt? Stammen die Demonstranten aus der „Mitte der Gesellschaft“? Am meisten zu schaffen machten solche Fragen in der Sendung – und nicht nur dort – dem AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke. Ihm konnte man an diesem Abend beim „Flip-Flop“ zu sehen, wie es der CDU-Politiker Jens Spahn nannte. Man könnte auch sagen: Herumeiern, Sowohl-als-auch-ja-aber-man-wird-doch-noch-sagen-dürfen, sich den Pelz waschen, aber nicht nass werden wollen.

          Es ist ein Potpourri populärer Forderungen, die, aus dem Zusammenhang gerissen, selbstverständlich oder vernünftig klingen, in der Summe und Zusammenstellung aber genau den Codices entsprechen, mit denen Vereinfacher vor allem von Rechts außen Stimmung machen.

          Nicht nass werden wollen heißt, die Forderungen, welche die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in einen Neunzehn-Punkte-Positionspapier gegossen haben, für sinnvoll zu halten, aber sich zugleich gegen jedwede Ressentiments aussprechen.

          Bei Pegida geht es um ein Plädoyer „für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten“ genauso wie „für die Aufstockung der Mittel für die Polizei“, „für die Ausschöpfung und Umsetzung der vorhandenen Gesetze zum Thema Asyl und Abschiebung“, „für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten“, „für sexuelle Selbstbestimmung“,  „gegen dieses wahnwitzige ,Gender Mainstreaming‘“ und „gegen Hassprediger, egal welcher Religion zugehörig!“ Es ist ein Potpourri populärer Forderungen, die, aus dem Zusammenhang gerissen, selbstverständlich oder vernünftig klingen, in der Summe und Zusammenstellung aber genau den Codices entsprechen, mit denen Vereinfacher vor allem von Rechts außen Stimmung machen.

          Jens Spahn von der CDU forderte, es dürfe „keinen Rabatt auf unsere Werte“ geben.

          Gesine Schwan (SPD), Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, machte bei Jauch anfangs den Fehler, den Linke bei solchen Themen und Phänomenen gerne machen: Die CDU sei schlecht beraten, derlei Parolen aufzunehmen, sie zündele, sagte sie. Wenn man auf die Beklopptheiten schaut, auf welche die CSU immer wieder mal verfällt, wie etwa, dass Ausländer gefälligst auch in der Familie die deutsche Sprache pflegen sollten, kann man das natürlich sagen. Doch es führt leider nicht weiter, wenn man die Union anweist, sie solle den rechten Rand gefälligst in Schach halten, bei der nächsten Gelegenheit aber auf den schwachbrüstigen Slogans herumreitet, die mit der Versuch gebiert, rechts der Mitte am Stammtisch mitzuhalten. Gut beraten wären die demokratischen Parteien, würden sie gemeinsam Überzeugungsarbeit leisten – für die Vorteile der Europäischen Union und der Einwanderung, zum Beispiel.

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