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TV-Kritik: Günther Jauch : Keine ermordeten Putin-Freunde

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Der russische Journalist Kondratijew, dessen Sender NTW unter anderem schmutzige Diffamierungskampagnen gegen die Opposition führt, füllte seine Rolle als Verteidiger des Kremls souverän aus. Als die Rede auf die „Atmosphäre des Hasses“ kam, die von den staatstreuen Sendern geschaffen wurde, drehte er den Spieß um. Hass gebe es doch auch auf Seiten der Opposition gegen Putin. Und um die Pressefreiheit sei es auch nicht so schlecht bestellt: „Im Großen und Ganzen haben die Journalisten die Möglichkeit zum Ausdruck zu bringen, was sie denken.“

Daumen hoch für die Pressefreiheit in Russland. Der russische Journalist Kondratijew füllte seine Rolle als Verteidiger des Kremls souverän aus.

Das sah Alfred Reingoldowitsch Koch naturgemäß etwas anders. Der mittlerweile in Deutschland lebende Freund Boris Nemzows war - wie auch Nemzow selbst - unter Jelzin stellvertretender Ministerpräsident geworden. Zu Beginn von Putins Präsidentschaft leitete Koch die Gasprom-Tochter Gasprom-Media, die den bis dahin unabhängigen Sender NTW übernahm und in einen kremltreuen Sender und später in ein Propaganda-Organ verwandelte. Es sei einer der Gründe gewesen, so Koch, warum er sich vom Putin-System abwandte.

Ein anderer war die Verhaftung des Oligarchen Michail Chordorkowskij. Sie hätten sich in der liberal-konservativen Partei „Union der Rechten Kräfte“ im Wahlkampf 2003 gemeinsam mit Nemzow gegen diese Verhaftung ausgesprochen. Anschließend hätten sie keinen einzigen Auftritt im Fernsehen mehr bekommen und verloren.

Kasparow verurteilt Merkels Besuch in Moskau

Jauch hatte noch einen weiteren Putin-Gegner im Angebot, wenn auch nur in einer nicht ganz stabilen Skype-Verbindung aus New York: Der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow, der Putin gerade im amerikanischen Senat als „Krebsgeschwür“ bezeichnet hatte. Er beantwortete die Frage der Sendung sehr klar. „Eine Diktator trägt die Verantwortung für die Vernichtung seiner politischen Gegner, auch wenn er den Mord nicht beauftragt hat.“ Kasparow verurteilte auch den Besuch Hollandes und Merkels in Moskau vor den Verhandlungen von Minsk: „Man darf keine Veranstaltungen mit ihm zusammen abhalten.“ Dies rief wiederum Platzeck auf den Plan, der widersprach und den Dialog beschwor.

Die zweite Frau in der Sendung hätte es verdient, in diesem Artikel früher erwähnt zu werden. Ina Ruck, lange Jahre ARD-Korrespondentin in Moskau, war Jauchs Joker. Sie sprach kundig und anschaulich über den Zustand der russischen Demokratie und griff immer wieder korrigierend ein, zum Beispiel wenn Kondratijew ein allzu rosiges Bild derselben zu zeichnen versuchte. Natürlich könne die Opposition demonstrieren, es hätten doch schließlich Zehntausende in der Moskauer Innenstadt getan am Sonntag nach Nemzows Tod, behauptete der russische Fernsehkommentator. „Das war ein Trauermarsch. Sonst wäre das nie erlaubt worden“, sagt Ruck, nicht im Bild, aber hörbar.

Ina Ruck stimmte Matthias Platzeck in einem Punkt zu, als dieser nämlich zum Ende forderte, die EU solle endlich eine Visa-Freiheit für junge Russen einführen, damit diese auch reisen und sehen können, wie es sich anderswo lebt. Auch Jauch wirkte sichtlich erleichtert, die Sendung zum deprimierenden Thema doch noch mit einer konstruktiven Forderung beenden zu können. Doch Schanna Nemzowa, die als Ehrengast gegenüber den Diskutanten saß, nahm ihm in ihren Schlussworten den Wind aus den Segeln. Die wenigsten Russen könnten sich Reisen leisten, erinnerte sie. Und Putin habe kein Interesse daran, dass Russen reisen. „Dieses Regime möchte die Isolation.“

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