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TV-Kritik: „Günther Jauch“ : Glück ist eben doch nur ein Wort

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch: Reden über „Glücksmomente“ am Sonntagabend Bild: dpa

Der Stoff, aus dem die Träume sind: Was Glück ist, weiß man nach dem Talk bei Günther Jauch noch immer nicht. Einig waren sich die Gäste darin, dass man es durch Ehrgeiz und Konkurrenzdenken nicht findet.

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          Günther Jauch und seine Redaktion haben sich auf die Suche nach dem Glück gemacht, und schon bei der Auswahl der Studiogäste haben sie sich entschieden, das Glück nicht bei denen zu suchen, die Erster geworden sind bei Wettbewerben oder die es von ganz unten in der sozialen Hierarchie nach oben geschafft haben. Am Sonntagabend wurde das Glück ganz bewusst an anderer Stelle gesucht: Es ging um das Glück im Unglück, das Glück im Verlust.

          Eine solche Eingrenzung ist legitim, schließlich ist Glück ein weit gefasster, um nicht zu sagen schwammiger Begriff, ein Wort wie eine Projektionsfläche - und zwar für ganz unterschiedliche und unbestimmte Sehnsüchte. Irgendwo muss man das Thema einer einstündigen Talkshow in so einem Fall einschränken, man kann vielleicht nicht durch Labore tingeln, Hirnforscher bemühen, Überlebende von Katastrophen, Lottogewinner und dann noch Sozialwissenschaftler befragen. Grenzt man das Thema ein, macht man den großen Begriff Glück in einem kleinen Studio handhabbar. Und Jauchs Talk nach dem Tatort sollte das Thema sicher nicht erschöpfend klären, sie diente diesmal eigentlich nur als Appetizer für die aktuelle ARD-Themenwoche über das Glück. Allerdings wurde die Frage, die der Sendung vorangestellt war (“Glückssache Leben - worauf kommt es wirklich an?“) auf diese Weise eben auch nicht beantwortet.

          Macht Geld glücklich?

          An den Studiogästen selbst lag das sicher nicht. Juliane Koepcke, Samuel Koch und Kerstin Klein waren eingeladen, um darüber zu sprechen, wie sich Glück noch erleben lässt, wenn man von einem schweren Schicksalsschlag getroffen worden ist. Juliane Koepcke hat 1971, als Siebzehnjährige, als einzige Passagierin einen Flugzeugabsturz aus 3000 Metern Höhe überlebt, hat dabei ihre Mutter verloren und ist schließlich elf Tage durch den peruanischen Dschungel geirrt, bevor sie wie durch ein Wunder gerettet wurde. Samuel Koch ist seit seinem Unfall bei „Wetten, dass...?“ vor drei Jahren querschnittsgelähmt. Und Kerstin Klein verlor ihren elfjährigen Sohn nach dessen jahrelanger Krebserkrankung. Ihre Geschichten trugen diese Gäste mit einer erschütternden Offenheit und Klarsichtigkeit vor, zum Thema Lebensglück steuerten sie kluge Gedanken bei und schafften es sogar einige Male, die beiden anderen Gäste, die als Experten die Diskussion begleiteten, Anke Engelke und Eckart von Hirschhausen, in ihren Ansichten weise zu korrigieren.

          So trat der Mediziner und Comedian Eckart von Hirschhausen etwa für die verbreitete Ansicht ein, Geld mache letztlich eben doch nicht glücklich. Zu seiner Linken meldete sich der 26-jährige Samuel Koch zu Wort: „Ich hätte manchmal weniger Glücksmomente, wenn ich die Mobilität nicht hätte.“ Und für die brauche er Geld. Und Anke Engelke, die davor warnte, sich ständig mit anderen zu vergleichen, fand bei Juliane Koepcke zwar zustimmendes Nicken, aber auch die lapidare Bemerkung, natürlich vergleiche jeder sich immer mit anderen.

          Diese kleinen Beispiele für die Konversation auf der Bühne zeigen, welche Richtung die ganze Sendung nahm: Von Hirschhausen, der ein Buch und ein Bühnenprogramm über das Glück geschrieben hat und Anke Engelke, die sich für eine Fernsehreportage auf die Suche nach dem Glück gemacht hat, durften Tipps geben, um damit Günther Jauchs Eingangsfrage zu beantworten: „Können wir dem Glück irgendwie nachhelfen?“ Sie plädierten beide nachdrücklich dafür, das eigene Leben zu hinterfragen, mehr Miteinander zu wagen, sich nicht der Flexibilität der modernen Arbeitswelt zu unterwerfen - und vor allem den schlimmen Ehrgeiz bitte mal endlich abzulegen. Mitgebracht hatten sie Gegenentwürfe, Engelke aus ihrer Reportage „Sowas wie Glück“, die sie unter anderem in eine Kinderkrebsstation und zu der bewusst arbeitsteilig lebenden Gemeinschaft Tempelhof führte, von Hirschhausen aus anderen Ländern, vor allem skandinavischen, wo die Menschen sich glücklicher fühlen als in Deutschland, was, so von Hirschhausen, nichts mit materiellem Reichtum zu tun habe, sondern mit einer Umverteilung, die der Gesellschaft insgesamt zugute kommt.

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