TV-Kritik: Günther Jauch : Ganz viele Bausteine des Miteinanders
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Wahrscheinlich zu beschäftigt, um „Günther Jauch“ zu gucken: Wladimir Putin Bild: REUTERS
Ob man Putin „noch stoppen“ kann, wusste die Runde bei „Günther Jauch“ nicht. Aber reden soll der Westen mit ihm. Ob das reicht?
In einem kantigen Artikel für die „Internationale Politik“, die Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“, stieß der Berliner Historiker Heinrich August Winkler unlängst die „Putin-Versteher“ der Talkshowrepublik mit der Stirn auf einen unangenehmen Gedanken. Sie bewegten sich in den Fußstapfen der demokratiefeindlichen Intellektuellen der Zwischenkriegsjahre, ohne es zu merken – ihre Rechtfertigungsbemühungen ließen Putin zum „Schirmherr der reaktionären Kräfte in Europa“ werden, sie beförderten die „Rückkehr des völkischen Nationalismus“ und setzten den Zusammenhalt der Europäischen Union und der NATO aufs Spiel: „Sein Projekt einer Eurasischen Union ist ein Ausdruck von Neoimperialismus.“
Bei Günther Jauch freilich, der am Sonntag danach fragte, ob Putin „noch zu stoppen“ sei, sprach bloß Klaus-Helge Donath, der Russland-Korrespondent der „tageszeitung“, ohne meditative Verrenkungen von dem, was der russische Präsident im Schild führen könnte. Im Ausgang sei Putins Politik zwar innenpolitisch motiviert, sagte er. Putin wolle die EU aber „aus den Angeln“ heben: „Er baut an einer neuen reaktionären Internationalen, das ist das Ziel.“ Seine Ziele gingen „über die Ukraine hinaus.“
Gesteinigt mit dampfenden Textbrocken
Donath hielt es für unabdingbar, diesem Mann zu begegnen, indem man Härte zeigt und die „nichtvollzogenen Rüstungen der vergangenen Jahre“ nachholt. Für den Vorschlag war er im Leser-Kommentarfeld der taz bereits mit dampfenden Textbrocken gesteinigt worden. Dort schrieb er: „Der Westen würde nur wiederholen, was US-Präsident Ronald Reagan in den 1980ern vorexerzierte. Totrüsten ohne Tote.“ Bei Jauch wirkten seine Worte freilich nur wie ein Echo auf die Worte des NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.
Ansonsten war die Talkshow-Runde um diplomatische Töne bemüht, so als sei sie von Rasmussens designiertem Nachfolger Jens Stoltenberg, einem Mann, der in der Energie-Politik seiner Heimat erfolgreich Wert auf das Gespräch mit Russland gelegt hat, in der angemessenen Tonlage gebrieft worden. „Ich kann nicht von Spitzenleistungen auf beiden Seiten reden, um diese Krise in den Griff bekommen“, sagte zum Beispiel Fritz Pleitgen, der in den Jahren der Entspannungspolitik, in den siebziger Jahren, Russland-Korrespondent der ARD war. Er vermisst in der europäischen Diplomatie den Versuch, sich in die russische Perspektive und historischen Erfahrung der Jahre nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetreiches hineinzufühlen. Sonst hätte man die Ukraine schon längst als „Brückenland“ zwischen Europa und Russland angesprochen.
Prügelpädagogik des vorletzten Jahrhunderts
Der Sozialdemokrat Erhard Eppler betonte ebenfalls das russische „Gefühl des Abgelehntwerdens, Ausgestoßenwerdens, teilweise auch des Gedemütigtwerdens“. Der drohende Bürgerkrieg in der Ukraine, von dem am Wochenende mit den „unmenschlichen“ Bildern aus Odessa einen Vorgeschmack bekommen habe, sei nicht mit der „Prügelpädagogik des vorletzten Jahrhunderts“ abzuwenden.
Vielmehr müsse man „als Europäer gemeinsam mit den Russen“ skizzieren, wie die Ukraine mit Europa und Russland verbunden sein könne. Bislang habe man immer nur die „falschen Fragen“ an Putin gestellt, was auch an der Beteiligung der ukrainischen Regierung an den Gesprächen liege. Für den kopfschüttelnden Klaus-Helge Donath klang das „nach Hitler-Stalin-Pakt“, nur eben mit der Ukraine statt Polen auf der zu zerteilenden Karte.
„Ganz, ganz viele Bausteine des Miteinanders“
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schien sich bis dahin, mütterlich-pastoral, nur zu den Erleichterungstränen der befreiten Militärbeobachter und den „ganz, ganz vielen Bausteinen des Miteinanders“ geäußert zu haben, die Putin dereinst in Richtung Westen gelegt habe. Die Verhandlungen, die zur Befreiung der Bundeswehrleute führten, schien sie als Hoffnungsschimmer für „mehr solcher Erlebnisse“ des Miteinanders mit Russland zu betrachten; wie das zu der Beobachtung passte, die Festsetzung ihrer Männer sei „kein Zufall“ und Werk von Profis, sagte sie nicht.
Immerhin aber verscheuchte sie den Gedanken an eine Lösung des Konfliktes ohne Beteiligung der Ukraine: „Sie ist ein souveräner Staat. Das sollten wir nicht vergessen.“ Die Frage nach der nachzuholenden Aufrüstung blies sie ebenfalls locker vom Tisch, schon weil die Forderung die tatsächliche Stärke der NATO unterschätze. Sanktionen seien die bessere Antwort.
Nur einer kann Putin stoppen
Und Wahlen, natürlich. Das sagte Marina Weisband, die früherere politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, die aus der Ukraine stammt, an den Aufstand der Zivilgesellschaft auf dem Majdan erinnerte und die Radikalisierung auf den Straßen der Ukraine beklagte. Dabei meinte sie auch die Revolutionäre, deren Sache von gewaltbereiten Kreisen unterlaufen werden.
Die ukrainische Regierung gehe allerdings auf die Stimmung im Osten des Landes ein, indem sie neue föderale Strukturen erarbeite. Nun habe es Putin in der Hand, zu einer De-Eskalation der Lage beizutragen. Auch der habe zwar seine Interessen. Für die Vorbereitung der notwendigen echten, mit westlichen, russischen und unabhängigen OSZE-Beobachtern durchzuführenden Wahlen in der Ukraine aber gehe es ohne seine Mitwirkung nicht ab.
Nur einer kann Putin stoppen, soll das alles womöglich heißen: Wladimir Putin.