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TV-Kritik: Günther Jauch : Doppelwähler und EU-Putschisten

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch lud zur Runde der Europaversteher Bild: dpa

Mit sieben Prozent ist die AfD keine „Volkspartei“, aber ihre Wähler sollte man ernst nehmen, hieß es bei Günther Jauch. Peer Steinbrück wurde trotzdem laut.

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          Da muss die Wahl also wiederholt werden, oder wie? Und das alles nur wegen Giovanni di Lorenzo, einem Mann, der als Journalist und Talkshowgast arbeitet, zwei Pässe hat, einen für Deutschland, einen für Italien, und weil er zwei Pässe hat, ging er zur Europawahl nicht nur zweimal wählen – er erzählte es auch noch, als ihn Günther Jauch in den vielen langen Stunden, die zwischen dem Ende des deutschen und des italienischen Wahltages liegen, in seiner Talkrunde zum Thema „Die Denkzettel-Wahl – Abrechnung mit Europa“ begrüßte. Kurzes Stutzen. Die Runde staunt. Tatsächlich, di Lorenzo hat zweimal gewählt. Einmal im italienischen Konsulat. Einmal in einer Grundschule.

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          Kann das sein? Ganz korrekt jedenfalls, fand ein Jauch-Mitarbeiter bis zum Ende der Sendung heraus, ist es nicht. Streng genommen, sei es sogar gefängnisverdächtig. Wie hatte die „WAZ“ das noch vor zwei Tagen geschrieben, nachdem ein holländischer Journalist finnischer Abstammung über eben diesen Wahlbetrug nachgedacht hatte? „Das wäre zwar illegal. Aber weil es in Europa kein einheitliches Melde- und Wahlrecht gibt, kann es weder überprüft noch verhindert werden.“

          Bitte die Kirche im Dorf lassen

          Beim Hinweis auf das Europawahlgesetz schluckte di Lorenzo, bat aber eindrücklich darum, die Kirche im Dorf zu belassen. Europas Problem seien nicht „die paar Hanseln“, die theoretisch zwei Stimmen abgeben konnten. Vermutlich stimmt das. Zwar kam die deutschen Euro-Skeptiker in Form der „Alternative für Deutschland“ bei der Wahl nicht über die Zahl von Wählern hinaus, die sie schon bei der Buntestagswahl mobilisiert hatte. Aber sieben Prozent ist „schon eine ganze Menge von Wählern“, sagte di Lorenzo. Von dem Zuspruch gar nicht erst zu reden, den anti-europäische Populisten in Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Österreich oder Italien an diesem Sonntag bekommen haben dürften.

          Sich in dieser Situation wie Wolfgang Schäuble, der abermals heftig gegen die Demagogie der AfD austeilende Finanzminister Angela Merkels, damit zu trösten, dass die AfD nicht so stark abgeschnitten habe wie von manchem erwartet, hält di Lorenzo für fatal. Die etablierten Parteien versäumen, sich mit den Sorgen der AfD-Wähler, mit den Zweiflern aus der „konservativen Mitte der Gesellschaft“, ernsthaft auseinanderzusetzen.

          Überall anti-europäische Signale

          Schlimmer noch, sagte die Schriftstellerin Juli Zeh: Indem sie im Wahlkampf auf deutsche Gesichter wie Angela Merkel setze und „wider besseres Wissen Vorurteile gegen die EU reproduziere“ (man höre doch nie, sagte sie, dass Brüssel weniger Beamte habe als Nordrhein-Westfalen, und dass die meisten Standardisierungs-Vorhaben von den Staaten und Branchenvertretern angestoßen werden, werde ebenfalls bewusst unterschlagen), hätten die großen Parteien sie mit „anti-europäischen Signalen“ gespielt, statt mit echter Leidenschaft für Europa zu werben.

          Schäuble entgegnete, dann müsse man aber auch über den Wahl-Slogan der SPD reden: „Nur wenn Sie Martin Schulz und die SPD wählen, kann ein Deutscher Präsident der EU-Kommission werden.“ Woraufhin Jauch ein Zeitungsinterview zeigte, in dem Altkanzler Helmut Schmidt das EU-Parlament zum „Putsch“ gegen die EU-Maschinerie auffordert. Was wiederum zu feuerwehrartigen Relativierungen Peer Steinbrücks und der politischen Forderung Giovanni di Lorenzos führte: „Meinungsfreiheit, selbst für Helmut Schmidt!“ Da haben sie aber ein Fass aufgemacht!

          Die Suche nach der richtigen Sprache

          Doch noch einmal sagte „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: Über die Euro-Skepsis müsse man mit den Skeptikern reden. So ungemütlich das ist. Ob er das so meinte wie von Günther Jauch vorgemacht? Der hatte für zwei Minuten einen smarten IT-Berater aus Oberursel eingeladen, einen Familienvater, der so gar nicht in das gängige Bild des seniorenpullitragenden AfD-Wählers passen mochte und erzählte, die „Alternative für Deutschland“ aus Frust über die nicht-eingelösten Wahlversprechen der FDP und den Euro-Rettungskurs der Bundesregierung gewählt zu haben. Ein Europa der „Völker des Nordens, ohne Euro, sei ihm lieber als das Euro-Europa, das für den Süden aufkommen wolle, sagte er.

          Trotz des brav gereckten Zeigefingers kam er nicht mehr zu Wort, nachdem ihn Peer Steinbrück, ein bisschen nach dem Vorbild des Youtube-Sternchens Frank-Walter Steinmeier, mit einer Dicke-Bertha-haften Kanonensalve an die Argumente für den Euro und die Krisenhilfe erinnert hatte.

          Ist genau das die Leidenschaft, die viele vermissen? Wenn nicht, hat Steinbrück trotzdem Recht: Wir müssen jetzt, da die Skeptiker und Gegner Europas vielerorts jubeln, endlich die richtige Sprache für Europa finden.

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