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TV-Kritik: Günther Jauch : Europa steht auf, Jauch bleibt sitzen

  • -Aktualisiert am

Ein Kunststück: Die Welt blickt auf Paris, Günther Jauch und seine Gäste nach Deutschland. Bild: dpa

Während sich die ganze Welt mit Frankreich solidarisiert, findet sich in der Sendung von Günther Jauch eine rein deutsche Runde ein. Es ist Fernsehen in engsten nationalen, ja regionalen Grenzen. Das ist naiv und weltfremd.

          3 Min.

          Der 11.Januar 2015 war ein Tag, an dem der Fernsehschirm seine ursprüngliche Faszination wieder erlangte. Man staunte wie ein Kind: Siebenundvierzig Staatschefs, die Glocken von Notre-Dame, alle Polizisten Frankreichs vereint, um einer Gruppe linker Satiriker die letzte Ehre zu erweisen. Männer, die sich jahrelang aufs Innigste bekämpften, hakten sich gestern unter, um einem ebenso obskuren wie frechen Blatt zu huldigen. Man sah den Rabbi von Cannes in enger, fast leidenschaftlicher Umarmung mit dem Rektor der dortigen Moschee und einem katholischen Priester.

          Und dann waren da noch die Berichte der Zeugen des Attentats vom Mittwoch, etwa jener von dem Kollegen des erschossenen Hausmeisters in dem Bürogebäude, in dem sich die Redaktion von Charlie befand. Der junge Mann und sein ermordeter zweiundvierzigjähriger Kollege waren den ersten Tag dort. Als die Mörder kamen, hielten die beiden Gebäudereiniger sie erst für Polizisten im Sondereinsatz. Doch die schossen einfach. Frédéric Boisseau, der nicht einmal wusste, dass in dem ihm zugeteilten Gebäude auch „Charlie“ gemacht wurde, verblutete in der Herrentoilette. So erzählte es dessen Kollege dem französischen Fernsehen in einfachen, klaren Worten, voller Würde und ohne Klage.

          In ganz Frankreich, Europa und schließlich der ganzen Welt versuchten die Leute, Bilder und Slogans zu finden, um sich einen Reim zu machen auf das, was seit Mittwoch geschehen war, in der Hoffnung so eine bessere Zukunft zu beschwören. Vier Millionen waren allein Frankreich auf die Straße gegangen, keiner würde diesen Tag vergessen.

          Auch im sogenannten Gasometer war dies irgendwie das Thema, bei Günter Jauch. Es war schon ein Kunststück: Da flog die Kanzlerin und das halbe Bundeskabinett nach Paris, um Anteil zu nehmen, um auch dem letzten Bürger klar zu machen, dass das deutsche und das französische Schicksal in einer globalisierten Welt unentrinnbar verbunden sind, dass es hier keine Sicherheit gibt, wenn es dort keine gibt – und dann versammelt unsere wichtigste politische Sendung eine rein deutsche Runde.

          Ulrich Wickert ist als Frankreichdeuter in die Sendung von Günther Jauch geladen.

          Womöglich wären einige Quotenpunkte weniger zu beklagen gewesen, wenn man einen französischen Politiker, Intellektuellen, Schriftsteller dort gehabt hätte? Nichts gegen die gestern bei Jauch versammelten Menschen, man hört ihnen ja jederzeit gerne zu: Wickert ist als Frankreichdeuter und Krimiautor immer ein Gewinn, auch Souad Mekhennet kann uns, als international renommierte Islamismusexpertin, jede Menge beibringen– aber so eine Runde hätte zu einem deutschen Vorfall von geringer bis mittlerer Relevanz gepasst. An jenem Tag, einem Datum, das in die Geschichtsbücher eingehen wird, war es eine seltsam routinierte und erwartbare Besetzung.

          Nur die eigene Lebenswelt relevant

          Schon nach wenigen Minuten lenkte Jauch den Fokus wieder auf die Frage: Was bedeutet das für uns in Deutschland? So ganz besorgt, dem Zuschauer ja nichts zuzumuten! Es ist Fernsehen in engsten nationalen, ja regionalen Grenzen, das dem Zuschauer unterstellt, nur die eigene Lebenswelt relevant zu finden. Würde in Sibirien die Marsmännchen landen, so wäre die Frage bei Jauch am Folgesonntag einzig und allein, ob sie auch „bei uns“ landen und dann noch,wo deswegen mit Stau zu rechnen sei.

          Konnte man nicht einen Moment in Paris bleiben? Es war eine Woche, in der sich unser wichtigster Handels- und Sicherheitspartner einer existentiellen Krise gegenüber sah, sich neu zu erfinden hat. War es da nicht das vordringliche Thema zu beleuchten, was da eigentlich gerade geschieht? Wäre die ARD untergegangen, wenn man die ganze Sendung mal nicht aus diesem Gasometer, sondern live aus Paris gesendet hätte? Schülerinnen und Schüler müssen Fremdsprachen büffeln, sich auf Europa einstellen und begreifen, dass die Welt zusammen rückt - aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen unternimmt nicht die geringsten Anstrengungen, sein quotenrelevantes Hauptprogramm entsprechend anzupassen? Auch auf die Gefahr hin, den Zuschauer mal eine Stunde lang seiner Komfortzone zu entreißen?

          Stattdessen lag der Sendung irgendwie die Annahme zugrunde, Gäste wie Frau Mekhennet oder der Innenminister könnten Nutzwert erzeugen, indem sie den besorgten Bürgern vor den Fernsehschirmen verraten, wann und wo hier mal eine Bombe hochgehen wird. Das war naiv und weltfremd. Die darüber hinaus diskutierten Themen – Grenzen der Karikaturistenfreiheit, Strömungen im Islam, Integration – sind seit vielen Jahren Talkshow-Dauerbrenner. Gestern Abend wurde daraus eine gemischte Vorspeisenplatte, von der niemand so richtig satt wurde. Es war langweiliges Fernsehen. Das muss man in diesen Tagen erst mal schaffen.

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