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TV-Kritik: Günther Jauch : Eine Mischung aus Unsinn und Halbwahrheiten

  • -Aktualisiert am

TV-Moderator Günther Jauch diskutierte am Sonntag mit seinen Gästen über den Absturz der Germanwings-Maschine. Bild: dpa

In der Debatte über den Absturz des Germanwings-Flugzeugs kamen bei Günther Jauch Widersprüche zum Ausdruck. Das lag aber weder an dem Moderator noch an seinen Gästen.

          Andreas Lubitz war ein Mann, von Beruf Pilot und litt nach derzeitigem Kenntnisstand an Depressionen, wobei Letzteres noch weitgehend ungeklärt ist. Er steht in dringendem Tatverdacht am vergangenem Dienstag 149 Menschen ermordet zu haben. Dabei kam Lubitz selbst ums Leben. Wie kommt eigentlich jemand auf die Idee, daraus einen Generalverdacht gegen Männer, Piloten oder an Depressionen erkrankte Menschen zu konstruieren? Selbst die historisch vergleichbaren Fälle, wo Piloten ihre Flugzeuge in Friedenszeiten bewusst zum Absturz gebracht haben, sind zu gering, um daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen zu können.

          Bisher ist auch von niemandem die Forderung erhoben worden, alle Depressiven vorsorglich aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Das gilt übrigens auch für Männer und Piloten. Trotzdem warnte der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, bei Günther Jauch vor dem  „Generalverdacht“ gegen an Depressionen erkrankte Menschen. Diese Warnung hat somit keinen Adressaten, wird aber trotzdem von jedem unterstützt. Das hat mit unserer Wahrnehmung von Berichterstattung in den Medien zu tun.

          Grenzen einer Profession

          Die wird allmählich wirklich zum Problem. Selbst der Versuch, einen wenigstens in Europa beispiellosen Vorgang wie diesen Mord an 149 Menschen zu verstehen, gerät mittlerweile  in die Mühle einer sogenannten „Textkritik“, die hinter jeder Formulierung den Verdacht wittert, Vorurteile zu transportieren. Nur wie soll man über Andreas Lubitz sprechen, ohne den biographischen Hintergrund auszuleuchten, an dessen Ende diese grauenhafte Tat stand? Dazu gehört seine männliche Sozialisation genauso wie seine Karriere als Pilot oder seine gesundheitliche Verfassung. Aus der andauernden Warnung vor möglichen Vorurteilen wird mittlerweile eine Art Diskussionsverbot über elementare Sachverhalte, die zur Aufklärung dieses beispiellosen Falles beitragen könnten.

          Der Lufthansa-Vorstand Kay Kratky wies mit guten Gründen auf die Singularität dieses Vorgangs hin, der uns seit Dienstag beschäftigt. Das liegt zwar im Interesse der Airline: Schließlich will sie nicht für mögliche Versäumnisse im Umgang mit ihrem Mitarbeiter Lubitz verantwortlich gemacht werden. Aber bisher gibt es eben keine stichhaltigen Hinweise, die diese Sichtweise dementierte. Außer die fixe Idee, solche Ereignisse durch Prävention ausschließen zu müssen.

          Aber der Flugpsychologe Reiner Kemmler hat einen denkwürdigen Satz über die Grenzen seiner Profession formuliert, nämlich mit psychologischen Tests einen möglichen Täter wie Lubitz rechtzeitig entdecken zu können. Kemmler, früher der verantwortliche Psychologe der Lufthansa, ist zwar bis heute mit dem Unternehmen geschäftlich verbunden. Aber der Vorwurf der Interessenkollision ist nicht stichhaltig. Wenigstens solange es keine substantielle Kritik an der bisherigen Praxis der Lufthansa gibt, die den Vorwurf möglicher Versäumnisse begründen könnte.

          Dabei gibt es durchaus Widersprüche zu klären, die nichts mit haltlosen Spekulationen zu tun haben. Jauch sprach etwa die letzten Minuten vor dem Absturz an. In den bisherigen Stellungnahmen - und das betrifft vor allem den Staatsanwalt in Marseille - wurde immer formuliert, die Passagiere hätten erst im letzten Moment die Situation begriffen, in der sie sich befanden. Es war wohl als Trost für die Angehörigen gedacht. Immerhin haben die Opfer nicht gelitten, so ist diese Aussage zu verstehen.

          Nur wie passt das mit dem Kenntnisstand zusammen, den wir mittlerweile über diese letzten Minuten haben? Dass der Kapitän etwa mit einer Axt versuchte, die Cockpit-Tür einzuschlagen? Kratky wollte „mit Rücksicht auf die Angehörigen keine Szenarien erörtern“. Zudem wisse sein Unternehmen nicht mehr als das, was die Ermittlungsbehörden in Deutschland und Frankreich mitteilten. Jenseits der Plausibilität dieser Aussage: Wie weit soll eigentlich „der Respekt vor den Angehörigen“ gehen? Bis zur Falschaussage? Ist denen damit wirklich geholfen, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen?

          Baums Appell an die Presse

          Die Notfallpsychologin der Stadt Düsseldorf, Sabine Rau, hielt zwar „Spekulationen nicht für hilfreich“. Aber gleichzeitig sollten ihrer Meinung nach die Angehörigen die Möglichkeit bekommen, die Wahrheit über das zu erfahren, was bis zum Absturz des Airbus der Germanwings passiert ist. Nur wie sollen die das erfahren, wenn nicht über die Medien? Sie können schließlich nicht warten bis ihre Anwälte Akteneinsicht bekommen haben. Zudem, so Frau Rau, gingen Angehörige höchst individuell mit dieser Tragödie um. Eine wichtige Einsicht. Manche werden alles wissen wollen, andere sich nur noch auf sich selbst zurückziehen. Diese „Schicksalsgemeinschaft“, so nannte das der frühere Bundesinnenminister und heutige Rechtsanwalt Gerhart Baum (FDP), ist somit äußerst heterogen zusammengesetzt.

          Medien können daraus nur begrenzt Hinweise auf eine angemessene Berichterstattung bekommen. „Angehörige“, so Baum, „müssen geschützt werden. Das ist ein immerwährender Appell an die Presse“. Das gilt zweifellos für den Einbruch in deren Privatsphäre, um deren Leid auszuschlachten. Nur beklagte Baum gleichzeitig die Kurzatmigkeit der Presse. Er erinnerte etwa an die Opfer der Love Parade Katastrophe in Duisburg, für die sich heute kaum noch jemand interessiere. Medienschelte kann also beides zum Inhalt haben.

          Das Interesse an den Opfern und das Desinteresse an deren Schicksal. Wahrscheinlich artikulierte Baum deshalb die Erwartung an die Lufthansa, die Regulierung der Ansprüche der Opfer auf Schadenersatz und Schmerzensgeld möglichst großzügig zu handhaben. In dem Fall wird er nämlich als Anwalt der Angehörigen die Presse zur Durchsetzung ihrer Ansprüche nicht brauchen. Die Fachleute der Lufthansa würden sich jetzt damit beschäftigen, so die Antwort von Kratky. Was das bedeutet, wird man abwarten müssen. Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass die Lufthansa und die Versicherungen auf ihre Rechtspositionen verzichten werden. Dass Vorsatz die gesetzliche Haftungsbegrenzung für Airlines aufhebt, so Baum, werden Lufthansa-Justitiare dabei sicherlich schon bedacht haben. Immerhin zeigte sich der Konzern bei seiner Ersthilfe durchaus großzügig.

          Baum war auch in anderer Beziehung bemerkenswert. „Weiß der Teufel“, so seine Formulierung, „was da passiert war“. Er wandte sich damit gegen die These der Flugtauglichkeit von Lubitz, die bisher vorausgesetzt wird. Nur wie soll diese festgestellt werden, wenn Baum kurze Zeit später mit guten Gründen auf die ärztliche Schweigepflicht hinweist, die auch nach dem Tod des Kopiloten weiterhin gelte? Findet dort jetzt das Aufklärungsinteresse seine Grenzen? Baum sprach nämlich zugleich von den Angehörigen, die wissen wollten, „was das für ein Mensch gewesen war“.

          Er sei aber gespannt darauf, wie die Staatsanwaltschaften mit diesem Problem umgehen werden. Nun kann niemand die Ärzte zu Aussagen zwingen, aber die Alternative konnte man bisher überall lesen: Es ist eine Mischung aus unvollständiger Information, bloßen Halbwahrheiten und wahrscheinlich schlichten Unsinn. Daran kann die Staatsanwaltschaft als Herrin des Verfahrens kein Interesse haben. Aber es zeigt, wo die Widersprüche im Umgang mit einem solchen Ereignis zu finden sind.

          Gespenstisch und irritierend

          Aber jenseits dessen wissen wir noch nicht einmal, wie wir diese Handlung von Lubitz nennen sollen. Jauch sprach vom „erweiterten Selbstmord“, wogegen Huber und Baum allerdings protestierten. Vor allem Huber erschien das verharmlosend. Vor dem Begriff „Massenmord“ würde allerdings Jauch zurückschrecken. War es dann eine Amoktat? Daran erinnerte es wiederum Kemmler. Nur ist das Charakteristikum des Amokläufers möglichst viele Menschen mit in den eigenen Abgrund zu reißen. Ab wann wird dieser eigentlich zum Massenmörder?

          Es herrschte eine fast babylonisch zu nennende Sprachverwirrung, die vor allem eines fürchtet: die Fehlinterpretation. Um diese Frage zu klären, müsste man mehr über den Kopiloten und seine Motivation wissen. Nur hat er noch nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen, was für Amokläufer untypisch ist. Diese wollen zumeist ihre Taten legitimieren oder hinterlassen wenigstens konkrete Hinweise auf die Tatabsicht. Für die ideologische Motivation eines Terroristen gibt es bekanntlich auch keine Hinweise. Dieses Ereignis entzieht sich den üblichen Kategorien, die wir haben. Das macht es so gespenstisch und irritierend.

          Deshalb bietet es auch Raum für alle möglichen Interpretationen, die tatsächlich nur etwas über den aussagen, der sie formuliert. Feministinnen beschäftigen sich mit der männlichen Sozialisation, Luftfahrt-Experten mit der Rolle der Piloten, Psychologen mit dem Gesundheitszustand von Lubitz. Jeder versucht dort eine Erklärung zu finden, wo er sich auskennt. Das war bei Jauch gestern Abend nicht anders. Wahrscheinlich wäre es zur Zeit auch kaum auszuhalten, wenn man keine Erklärung finden sollte. Erst auf dieser Grundlage könnte man schließlich Maßnahmen treffen, um eine Wiederholung zu verhindern und das Vertrauen in unsere sozialen Beziehungen wiederherzustellen. Erst später wird man wohl akzeptieren, dass hier nicht Männer, Piloten oder Depressive gehandelt haben, sondern eine Persönlichkeit namens Andreas Lubitz. Immerhin, so Kratky, „ist die Indizienlage“ für seine Täterschaft „erdrückend. Es gibt eine Konkretisierung in die Richtung.“ Mit Medienkritik wird man diese Konkretisierung übrigens nicht leisten können. Sie findet ihre Grenzen in dem Ereignis und nicht in der Berichterstattung darüber. Es wäre ein Fortschritt, wenn man das endlich begreifen würde.

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