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TV-Kritik: Günther Jauch : Ein System, das allen schadet?

  • -Aktualisiert am

Günter Wallraff: Amazon ist eine Sklaven-Sekte, die unsere Innenstädte und unser soziales Leben zerstört Bild: dpa

Amazon sei eine Sklaven-Sekte, die unser soziales Leben zerstöre, befand Wallraff bei Jauch. Wirklich widersprechen wollte ihm niemand. Doch wäre es nötig gewesen, über Erlösung vom Konsumterror zu diskutieren.

          Es klingt wie ein Weihnachtsmärchen: Nur weil sich Jeff Bezos als junger Mann wünschte, dass sein Unternehmen einmal alle anderen in den Schatten stellt, sei Amazon zum größten Internethändler der Welt aufgestiegen. Sollte an dieser Geschichte wirklich etwas dran sein, müsste sich Bezos nun vor Günther Wallraff fürchten. Denn dieser wünsche sich nicht nur, sondern wisse, dass „es eine Gegenbewegung gibt“. Der Onlinehandel ließe schließlich „die Innenstädte veröden“. Er führe zu einer „Verkümmerung der Kultur“ und „unseres gesamten sozialen Lebens“.

          Dass an diesem Weltbild samt Schuldzuweisung allerdings ein Haken ist, wurde gestern Abend bei Günther Jauch recht früh deutlich. „Wer leidet unter dem Bestell-Wahn?“ lautete der Titel der Sendung. Schon bei der ersten Frage legten alle Diskutanten die Karten auf den Tisch: Wer denn in diesem Jahr schon zu Fuß Geschenke kaufen war, wollte Günter Jauch wissen. Wallraff, die Autorin Laura Karasek, der Journalist Ranga Yogeshwar, der Wirtschaftswissenschaftler Gerrit Heinemann und der Unternehmensberater Patrick Palombo verneinten die Frage.

          Ausgerechnet Wallraff legte aber noch nach. Er gehe seine Geschenke kaufen, „wenn himmlische Ruhe einkehrt“, nämlich an Heiligabend, wenn „sonst keiner mehr dort ist“. Er wird sich schon über diesen ersten Teil seiner Antwort nach der Sendung geärgert haben – widerspricht sie doch allen romantischen Ausführungen zur Kultur und dem sozialen Leben des ortsgebundenen Einkaufens. Für die zweite Hälfte müsste er sich geradewegs entschuldigen. Sagte er doch, er könne „dann sogar noch handeln“, weil die Händler bereits auf Schlussverkauf eingestellt seien. Dass letztlich weniger Bezos und dessen „System, das am Ende allen schadet“ (Wallraff) schuld am Bestell-Wahn ist, sondern auch der Kunde, der kaum mehr tut, als Preise zu vergleichen, um den billigsten zu wählen, stand nämlich als Fazit der Sendung.

          Yogeshwar: Amazons Steuerflucht ist „asozial“

          Wallraffs Behauptungen, dass der „Bestell-Wahn in sich zusammenbrechen werde“ und „Verweigerung eine Lösung“ sei, bot insbesondere Ranga Yogeshwar ein intellektuelles Gegengewicht. Amazon sei ein durchaus faszinierendes Unternehmen, sagte Yogeshwar, der allerdings kein Verständnis dafür zeigte, dass die Politik die „asoziale“ Steuerflucht des Unternehmens tatenlos hinnehme und nicht einmal dann einschreite, wenn Amazon wie im vergangenen Weihnachtsgeschäft die deutsche Buchpreisbindung umgeht.

          Käfighaltung: Amazon-Mitarbeiter in den endlosen Lagerhallen der Bestellfabrik

          Ohne romantische Argumente kam allerdings auch Yogeshwar nicht aus. Bei Amazon gebe es beklagenswerterweise weder Häppchen an der Fleischtheke noch Probierteilchen beim Bäcker. Nur außerhalb des Internets gelte, dass „Einkaufen eine nette, menschliche Sache“ sei. Selbst Yogeshwars Hund würde darunter leiden, wenn demnächst auch noch der Postbote durch eine Drohne ersetzt werde, von der er wohl keine Leckerlies bekäme.

          Dieser launige Einwurf war die Überleitung zu einem problematischen Thema. Vor zwei Jahren beschrieb Günther Wallraff die Situation von Paketzustellern als „Sklavenarbeit“. Daran habe sich bis heute nur wenig verändert, sagte er gestern. Bei GLS, dem Zusteller, der damals besonders in der Kritik stand, sei alles beim alten. DHL biete gute Arbeitsbedingungen, wenn die Arbeit nicht an Subunternehmer delegiert werde. Hermes habe eine Image-Kampagne gemacht, aber Qualitäts-Kontrollen manipuliert. Allenfalls für UPS fand Wallraff lobende Worte. Handelsexperte Palombo legte wert darauf, über Preise zu reden. Gerade Marktführer DHL habe den Vorteil, sein Paketgeschäft mit der Briefpost querfinanzieren zu können und keine Mehrwertsteuer zahlen zu müssen. Dieser Vorteil des Unternehmens wirke sich entsprechend fatal auf den Markt aus.

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