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TV-Kritik: Günther Jauch : Ein Grundkurs Krim für Günther Jauch

Marina Weisband kennen die Deutschen aus ihrer Zeit in der Piratenpartei. Jetzt erklärt sie ihnen die Ukraine. Bild: dapd

Über die Ukraine weiß Deutschland wenig. Günther Jauch wollte in seiner Talkshow helfen und machte den Krimi auf der Krim zum Thema. Er selbst lernte einiges.

          Es ist ja so mit der Ukraine: Von Berlin aus ist es kürzer nach Kiew als nach Rom, aber von Kiew haben die Deutschen viel weniger Ahnung. Wenn dann in der Ukraine plötzlich die Krise ausbricht, gibt es nicht viele, die richtig Bescheid wissen. Und dann muss man sich alles erst mal erklären lassen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So ging es auch Günther Jauch und seiner Redaktion am Sonntagabend. Wenige Stunden vor der Sendung kippte er die geplante Debatte über Armut und Reichtum in Deutschland, stattdessen organisierte er sich und seinen Zuschauern einen Einführungskurs über den Krimi auf der Krim.

          Gregor Gysi durfte auf der Gästeliste bleiben und die Enteignung der Reichen fordern – dann eben die der ukrainischen Oligarchen. Die Journalistin und ehemalige F.A.Z.-Moskau-Korrespondentin Christiane Hoffmann war als Welterklärerin eingeladen, ebenso der Diplomat und Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Die ehemalige Piratenpolitikerin Marina Weisband, die in Kiew geboren ist und noch vor ein paar Tagen auf dem Maidan-Platz in Kiew mitdemonstriert hat, stand als Vertreterin der Reformbewegung gegen den russischen Journalisten Ivan Rodionov, Chefredakteur einer staatlich finanzierten Fernseh-Nachrichtenagentur. So konnten sich Weisband und Rodionov gegenseitig korrigieren – Jauch hatte dafür ganz offensichtlich die Vorbereitungszeit gefehlt.

          Erst mal erklärten Marina Weisband und zwei Einspieler die Verhältnisse in der Ukraine: Der Westen ist landwirtschaftlich geprägt, spricht ukrainisch und tendiert zum Westen. Der Osten inklusive der Halbinsel Krim ist industriell geprägt, spricht vorwiegend russisch und guckt russisches Fernsehen. Auf der Halbinsel Krim ist auch Russlands Schwarzmeerflotte stationiert - dank eines vom abgesetzten Präsidenten Janukowitsch verlängerten Pachtvertrags bis 2042.

          Auch Europa ist schuld

          Rodionov durfte betonen, dass die russischen Soldaten auf der umstrittenen Halbinsel Krim dort sowieso stationiert waren und jetzt lediglich ihre Kasernen verlassen hätten. Er zeigte die russische Sicht: Die Regionalregierung der Krim habe um die Hilfe der Russen gebeten. Auf dem Maidan-Platz in Kiew habe der Westen die Besetzung von Verwaltungsgebäuden gefeiert, die Besetzung von Gebäuden auf der Krim halte er jetzt für russisch gesteuert.

          Weisband dagegen glaubt, die russisch orientierten Leute in der Ostukraine hätten zu viel Angst vor Nazis auf dem Maidan. Die machten nur 15 Prozent der Maidan-Protestierer aus, würden aber ständig vom russischen Fernsehen gezeigt. Wenn die friedlichen Protestierer jetzt unter Druck gerieten, würden sie sich möglicherweise radikalisieren.

          Dass auch Europa an der Situation mit Schuld ist, darauf verwiesen Christiane Hoffmann und Wolfgang Ischinger. Das geplante Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine habe sie vor die Wahl zwischen Russland und der EU gestellt, sagte Hoffmann. Ischinger sah das ähnlich: „Wir haben lange den Fehler gemacht, die Assoziierung der Ukraine so zu behandeln wie die von Island: als technische Frage.“ Tatsächlich hätten aber die Staats- und Regierungschefs von EU und Russland schon früher miteinander darüber sprechen müssen, welche Rolle die Ukraine zwischen Westen und Osten spielen kann.

          Ischinger sprach sich gegen einen einzelnen Vermittler aus, Vermittler würden immer wieder verheizt. Stattdessen sei eine Kontaktgruppe aus EU, Vereinigten Staaten, Russland und der Ukraine gut, in der die Vertreter der einzelnen Länder immer wieder ausgetauscht werden könnten.

          Diese Perspektive wiederum mochte Weisband nicht. Die Ukrainer könnten die Geschicke ihres Landes selbst bestimmen. Sie ärgerte sich, dass Russland nicht bis zur geplanten Wahl am 25. Mai gewartet hat, in der die Ukrainer über ihre Regierung entscheiden. Die Übergangsregierung könne in der Zwischenzeit auch Wirtschaftsreformen beschließen, um der Ukraine dauerhaft aus ihren Geldsorgen zu helfen. Solche Reformen seien zwar schmerzhaft, aber der Übergangsregierung gehe es nicht um ihre Wiederwahl. „Das sind lauter Leute, die bereit sind, sich zu verbrennen. Das ist eine Selbstmörder-Regierung.“

          Und Diplomat Ischinger prophezeite: Am Ende des Konflikts werde die russische Regierung der Verlierer sein, weil sie das Vertrauen ihrer Nachbarländer verspielt habe.

          Eine Diskussion war das nicht, aber jeder Zuschauer konnte sich in einer Stunde noch mal auf einen halbwegs sinnvollen Stand an Grundwissen bringen lassen, sogar ein oder zwei neue Gedanken waren dabei. Und Günther Jauch wusste am Schluss: „Es ist eine sehr schwierige Situation, die noch im Fluss ist. An diesem Wochenende haben sich die Ereignisse überschlagen.“

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