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TV-Kritik: Günther Jauch : Die CSU hat Hoeneß verraten

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dpa

Am Steuerfall Hoeneß glaubte Günther Jauch wohl nicht vorbeizukommen. Doch schien die Studiorunde dieses Themas überdrüssig – und büchste immer wieder aus. Eine spannende These gab es aber ganz nebenbei dann doch noch.

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          Dauertalker Hans-Ulrich Jörges, in den abendlichen Plauderrunden offenkundig so unvermeidlich wie Verspätungen beim Zugfahren, hatte diesmal eine ganz besondere Rolle. Als Aushängeschild der „stern“-Redaktion hätte er lustvoll darüber debattieren können, welchen Anteil seine Illustrierte daran hatte, dass Ex-FC-Bayern-Präsident Ulrich Hoeneß in den Knast wandert. Immerhin hatten tastende Recherchen eines seiner Skribenten den Wurstfabrikanten dermaßen aufgescheucht, dass er sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion beim Fiskus selbst anzeigte. Was dann in dieser Hektik bekanntlich schief ging und dem Fiskus jetzt rund 40 Millionen Euro einbringen wird.

          Doch Pustekuchen – die Rolle des Wochenmagazins blieb vor den Kameras weitgehend ausgeklammert. Denn neben seiner Funktion als Oberkommentator der Republik im Fernsehen und Mit-Chefredakteur jenes Blattes, das einst schon die Hitler-Tagebücher zutage fördern wollte, ist Jörges auch noch Privatmann. Und als solcher ein guter Freund des Sportfunktionärs vom Tegernsee.

          „Mein Freund ist ein Sozialschmarotzer“

          Er habe Hoeneß zur Selbstanzeige geraten, verkündete Jörges stolz – natürlich ohne zu verschweigen, wie nachdrücklich er ihn bei aller Freundschaft mit Kritik überzogen habe. „Er war ein Sozialschmarotzer – das habe ich ihm auch als Freund gesagt!“ Wie groß die Rolle des nicht eben bescheidenen Journalisten bei der Entscheidung im Familienrat war, der offenkundig schon lange von der grenzwertigen Spielsucht ihres Patriarchen wusste, ließ sich vor dem Bildschirm zwar nicht beurteilen. Eng sind die Bande der beiden jedenfalls: Ausgerechnet Stunden, bevor Jörges‘ schreibende Mitarbeiter ihre ersten Spekulationen über das Geheimkonto in der Schweiz verlautbarten, frühstückte dieser jedenfalls noch mit Hoeneß (am selben Mittag übrigens, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Fußballhelden und Sozialmäzen zu Mittag speiste). Pikanterweise wussten in diesem Moment beide noch nicht, was da bereits auf den kriminellen Gutmenschen losrollte.

          Die Runde krankte allerdings daran, dass die politische Linke dominierte. Ihren klaren Klassenstandpunkt, dass Steuerhinterziehung eine fiese Straftat sei (und härter bestraft gehöre als die vermeintlich viel kleineren Sozialbetrügereien von Hartz-IV-Empfängern), verkündete etwa die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin von der SPD unbeirrbar. Mit dem Verlegersohn und Chefredakteur des Wochenblatts „Der Freitag“, Jakob Augstein, war ebenfalls für hinreichend Gesellschaftskritik gesorgt. „Noch nie ist jemand auf einem solchen Rosenteppich in den Knast eingefahren“, mokierte er sich über den Respekt, den Kanzlerin Merkel für Hoeneß‘ Verzicht auf eine Revision beim Bundesgerichtshof bekundet hatte. „Dem Urteil muss er sich beugen“, unterstrich auch Jörges. Dass er dies tue, sei immerhin ein „starkes Zeichen von Charakter“.

          „Waldi“ versagten Atmung und Sprache

          Kaum zu Wort kam ein weiterer Bekannter des Börsenzockers, Waldemar Hartmann. Dabei hat der Sportjournalist jahrzehntelange Übung im Kommentieren vor Mikrofonen. Vor 40 Jahren haben sie sich in der Kneipe kennen gelernt, die Hartmann damals betrieb. Vor allem Sohn Florian, „der die Wurstfabrik führt“, habe großen Einfluss auf den Hoeneß-Entscheid gehabt, den Canossagang in jene Justizvollzugsanstalt anzutreten, in der einst schon Adolf Hitler einsaß. „Schnappatmung“ hat „Waldi“ jedenfalls nach eigenem Bekunden bekommen, als die aufgeflogenen Hinterziehungssummen binnen der vier Verhandlungstage von zunächst 3,5 Millionen Euro über mehrere Multiplikationsstufen schließlich auf fast 30 Millionen Euro anwuchsen.

          Vorzeigeunternehmer Thomas Selter, Inhaber einer Fabrik für Strick- und Häkelnadeln, übernahm hingegen den unverzichtbaren Part, auf die Kehrseite von Steuerbetrug hinzuweisen: Die Verschwendung öffentlicher Finanzen durch Politiker und Behörden – während private Betriebsinhaber ihr Risiken selbst tragen müssten.

          Der kriminalistische Impetus einiger Talk-Teilnehmer blieb glücklicherweise nicht ganz unterdrückt. „Woher kommen die Unsummen, mit denen Hoeneß gezockt hat?“, fragte Genossin Däubler-Gmelin. „Waren noch andere Delikte dabei?“ Um schnell auch noch die Abschaffung der „unerträglichen“ Möglichkeit zur Selbstanzeige zu fordern. Sie scheint zu hoffen, dass nun wenigstens die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel in Karlsruhe einlegt.

          Selbst Hoeneß-Freund wittert dunkle Geheimnisse

          Auch Jörges wollte nicht ausschließen, dass das Spielgeld für die Devisentermingeschäfte noch aus ganz anderen Quellen stammte als von dem von Hoeneß genannten einstigen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus. Eine spannende These hatte er dann aber tatsächlich noch zu verbreiten, bevor wieder die allgemeine Gesellschaftsdebatte die Oberhand gewann: Er glaube, so der Ko-Chef des „stern“, dass jemand aus der CSU den Fehltritt von Hoeneß publik gemacht habe. Der Hinweis sei nämlich so zeitig gekommen, dass das Thema nicht mehr in den Landtagswahlkampf geriet. „Das war im Interesse der CSU!“

          Nach diesem kleinen Highlight entschwand die Debatte freilich endgültig in Gemeinplätze zu Steuermoral und Steuerpolitik. Gegen diesen Drang zum links- wie rechtspopulistischen Schwafeln kam Jauch trotz immer neuer Anläufe nicht mehr an.

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