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TV-Kritik: Günther Jauch : Der wahre Kern des Menschen

Vom Wandel des Guido Westerwelle konnte man sich nun auch bei „Günther Jauch“ ein Bild machen. Dabei ließ es sich Jauch nicht nehmen, den einstigen Spitzenpolitiker mit alten Sünden zu konfrontieren.

          Ein bisschen unfair ist das ja schon. Da muss man sich als Moderator eines Polittalks nach praktisch jeder Sendung von den Kritikern, den professionellen und den privaten, vom heimischen Sofa twitternden, vorhalten lassen, man habe zu wenig nachgehakt. Und dann ist es wieder nicht recht, wenn man dann doch einmal nachhakt – und zwar im offensichtlich falschen Moment.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gestern Abend war bei Günther Jauch Guido Westerwelle zu Gast, der frühere FDP-Chef und Außenminister, der ein Buch geschrieben hat über seine vorerst überstandene Leukämie-Erkrankung, und wie schon im Buch, in seinem Interview mit dem „Spiegel“ sowie bei der Berliner Buchvorstellung am Sonntagvormittag machte Westerwelle auch bei Jauch deutlich, dass seine Prioritäten nun ganz anders lägen als zuvor, dass er andere Sorgen habe als die Frage nach einem politischen Comeback, dass ihn all das Gezänk, der „Kleinkram“, nicht mehr interessiere.

          Zum Ende der angenehm ernst verlaufenen Sendung aber wollte Jauch es noch einmal wissen und ratterte alle Themen der politischen Agenda herunter, um Westerwelle zu fragen, ob es tatsächlich „keine Chance“ gebe, dazu etwas von ihm zu hören. Westerwelle lächelte sanft und entgegnete nach einer ganz kurzen Pause: „Genau.“ Damit war ja alles gesagt, und wo es sonst häufig heißt: „Hier hätte er unbedingt nachfragen sollen“, galt diesmal das Gegenteil: Hier hätte er unbedingt nicht nachfragen sollen. Tat er aber leider doch, mit dem vielleicht überflüssigsten „Warum?“ seiner Karriere.

          Wieder unter Menschen

          Doch dies ist vermutlich eine Spur zu mäkelig angesichts einer Sendung, die Jauch insgesamt sehr ordentlich gelang, vielleicht weil er sich dabei so heimisch fühlen dürfte wie einst in seinem guten alten „Stern TV“, wo stets gemenschelt und nur selten politisiert wurde. Erstmals durfte die breite Öffentlichkeit, die sein Buch noch nicht gelesen haben konnte, sich ein Bild machen von der Wandlung des Menschen Westerwelle, den man so ruhig und reflektiert kaum je gesehen hat. Er sei „glücklich“, betonte Westerwelle, „wieder unter Menschen“ zu sein; nicht allein ums Überleben sei es ihm gegangen, sondern ums Leben und die echte Teilhabe daran: „Sind wir dankbar, dass wir da sind, nutzen wir das Leben und regen uns nicht über jede Kleinigkeit auf“, fasste er zusammen, welche Lehren er aus der existentiellen Erfahrung der „Schockdiagnose Krebs“ – so der Titel der Sendung – gezogen hat.

          Bemerkenswert offen, doch ohne ins Wehleidige zu verfallen, berichtete Westerwelle auch bei Jauch von der kaum erträglichen Erfahrung, während der Behandlung „viele Wochen nicht berührt werden“ zu dürfen, auch von „den Liebsten“ nur mit Plastikhandschuhen angefasst und nicht umarmt werden zu können – wie, so Westerwelle, mag es in so einer Situation erst Kindern ergehen? Die junge Mutter Eva Fidler, die die Leukämie ebenso wie Westerwelle erst nach einer Knochenmarktransplantation überwunden hat, fühlte sich während ihrer Erkrankung „wie ein gejagtes Tier“, in steter Furcht, von den Ärzten eine neue schlimme Diagnose zu bekommen. Fidler, die trotz kurz zuvor erfolgter Chemotherapie ein gesundes Mädchen gebar, hat für sich den Krebs als „keinen würdigen Gegner“ definiert, weil „er feige ist und sich im Körper versteckt“; psychologisch sicher kein schlechter Ansatz.

          Noch kein fester Boden

          Weil aber der Krebs seine schmutzigen Siege ungerührt in hoher Zahl einfährt, ist Westerwelles Strategie, seinen Leidensweg öffentlich zu machen, ohne jeden Zweifel richtig: Sein Appell an die Zuschauer, sich als potentielle Knochenmarkspender registrieren zu lassen („Dann haben Sie ein Leben gerettet, und das ist schön“), hat laut einer Mitteilung allein bei der Spenderdatei DKMS schon zum Sendeschluss 3000 neue Spender auf den Plan gerufen. Westerwelle weiß nicht, wer ihm das Leben gerettet hat, zwei Jahre lang bleiben Spender und Empfänger voreinander anonym und können sich auch danach nur kennenlernen, wenn auch der andere das will. Auf Jauchs Frage, ob er es wolle, gab Westerwelle wieder eine für ihn nun typische Antwort: Dazu wolle er sich erst äußern, wenn er wirklich „wieder festen Boden unter den Füßen“ habe.

          Damit alles nicht zu harmonisch ablief, durfte sich der einstige Spitzenpolitiker in einem Einspielfilm ein kurzes Worst-of seines politischen Lebens anhören: Von der 18-Prozent-Schuhsohle bis zur Behauptung, in seiner Person stehe „die Freiheitsstatue der Republik“ vor den Menschen, war alles dabei, was Westerwelle seinen zweifelhaften Ruf eingebracht hatte. „Wie aus einer anderen Welt“ wirke das, gab Westerwelle zu, nicht ohne zu Recht darauf zu verweisen, dass er seinerzeit viel jünger gewesen sei und bei Parteitagsreden nun mal „viel geholzt und gehobelt“ werde.

          Platz für die Schönheit

          Den „fundamentalen Wandel“, den Jauch bei seinem Gast festzustellen meinte, wollte er von Michael Hallek, Westerwelles überaus vertrauenerweckend wirkenden Arzt, erläutert haben: Ändere sich bei manchen Menschen durch eine ernste Erkrankung tatsächlich der Charakter? Das Gute, antwortete der Mediziner, sei in allen längst angelegt, allerdings werde sich der Mensch in solch einer Lage „wieder seiner wahren Größe bewusst“ – sein „wahrer Kern“, ja seine „Schönheit“ trete hervor. Für diese Erfahrung freilich ist eine lebensbedrohliche Krankheit auch ein äußerst hoher Preis.

          Guido Westerwelle jedenfalls ist zwar noch nicht, wie er sagt, gänzlich „über den Berg“, doch er wirkt auf bemerkenswerte Weise mit sich im Reinen. Und so reagierte er auf das „Warum?“, mit welchem Jauch seine politische Zurückhaltung hinterfragte, mit einer Antwort, die fast ein genauso gutes Schlusswort war wie sein „Genau“ eins gewesen wäre: „Das“, so Westerwelle, „sollen die jetzt mal machen.“ Damit war dann auch Günther Jauch zufrieden.

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