https://www.faz.net/-gsb-7n6y4

TV-Kritik: Günther Jauch : Alle Zeit der Welt für Hoeneß

War Uli Hoeneß in Panik geraten und hatte seine Selbstanzeige überhastet eingereicht? Bild: dpa

Hau-Ruck-Aktion mit Folgen: Warum die Selbstanzeige überhastet war, erklärte bei Günther Jauch der Reporter, der Uli Hoeneß als erster auf die Spur gekommen war.

          3 Min.

          Vieles hätte im Januar 2013 für Uli Hoeneß entspannter laufen können, hätte er gewusst, was der Enthüllungsjournalist des Stern, Johannes Röhrig, damals wusste. Über sein Nummernkonto in der Schweiz mit den vielen Millionen Euro Schwarzgeld. Unglücklicherweise wusste er es nicht; er ahnte nur, dass Röhrig ihm auf den Fersen war. In einer nervenaufreibenden Krisensitzung über zwei Tage und zwei Nächte hinweg zimmerte er deshalb gemeinsam mit seinem Steuerberater und einem - bisher unbekannten - Steuerfahnder in Altersteilzeit eilig eine Selbstanzeige zusammen, die sein Sohn quasi auf den letzten Drücker morgens um 8:15 Uhr beim Finanzamt abgab. Noch am gleichen Tag überwies Hoeneß 10 Millionen Euro Steuerschulden.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das war vor mehr als einem Jahr. Inzwischen sind alle Beteiligten ein wenig klüger. Es ist der Vorabend des lang erwarteten Strafprozesses gegen den Präsidenten des Fußballclubs FC Bayern München und in der Talkshow von Günther Jauch geht man schon einmal alle Eventualitäten für den großen Tag durch. Der Enthüllungs-Journalist und ehemalige Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo bemüht das bedeutungsschwangere Wort der „Rechtsgeschichte“, die da ab Montag vor dem Landgericht München geschrieben wird. Mit diesem Wort ist es allerdings wie mit den Oscars: Man muss die Kategorie nur kleinteilig genug fassen, dann bekommt jeder einen Preis. Hoeneß wird damit die zweifelhafte Ehre zuteil, dass zum ersten Mal - zumindest unter den wachen Augen der Öffentlichkeit - über eine geplatzte Selbstanzeige verhandelt wird.

          Hoeneß Selbstanzeige war überhastet

          Sollte Uli Hoeneß den Sonntagabend vor dem Fernseher verbracht haben, dürfte klar sein, welcher Moment für ihn der bitterste gewesen sein muss: Als sich mit Jauch, Mascolo und dem Stern-Journalisten Röhrig alle Medienvertreter einig schienen, dass der Fußballmanager seine Selbstanzeige völlig überhastet abgab, obwohl er im Januar 2013 noch „alle Zeit der Welt“ dafür gehabt hätte. Röhrig jedenfalls gab zu Protokoll, dass er bei seinen Recherchen für seinen am 17. Januar 2013 erschienenen Artikel „Das geheime Fußballkonto“ zwar Hinweise auf Hoeneß gehabt habe, aber jede Veröffentlichung des Namens eine Spekulation gewesen wäre. „Der letztendliche Beleg fehlte“, räumte er ein.

          Deshalb habe er sich auch nicht direkt an den Fußballmanager gewandt, sondern lediglich an die Bank, in der das ominöse Nummernkonto aufgetaucht war. Diese wiederum alarmierte Hoeneß und ließ ihn mit diesem Hinweis auch nicht allein. In einem Einspieler zeichneten die ARD-Journalisten die Abläufe der zweitägigen Krisensitzung nach, die nur dazu diente, dem Stern-Journalisten und dessen Enthüllung zuvor zu kommen. Mitten in der Nacht soll die Bank danach noch notwendige Unterlagen an die Ehefrau geschickt haben, um die Selbstanzeige zu ermöglichen.

          Unnötige Aufregung

          Mehr als ein Jahr danach kann nun die nüchterne Bilanz gezogen werden: Die ganze Aufregung war nicht nur fruchtlos, sie war auch völlig unnötig. „Ich meine, die Tat war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entdeckt“, resümierte die Steueranwältin Simone Kämpfer, die jahrelang als Staatsanwältin gearbeitet hat. Ein Konto und auffällige Bewegungen alleine reichten noch nicht aus, um eine Selbstanzeige platzen zu lassen. Für eine Steuerhinterziehung müssten weitere Umstände dazukommen, erläuterte sie abgeklärt. Um genau zu sein: eine Steuerhinterziehung. Schließlich mag es ja auch Konten in der Schweiz geben, auf denen kein Schwarzgeld lagert.

          Bei so viel vergebener Liebensmüh’ war es gut, dass auch Edmund Stoiber wieder mit von der Partie war, der als Freund und Mitglied des Aufsichtsrats von Bayern München immer wieder nicht nur den Menschen, sondern auch den Fußball in den Mittelpunkt rückte. Schon der Fans wegen habe man das Rücktrittsangebot von Hoeneß nicht annehmen können, berichtete er, sichtlich erregt. Den Wunsch der überwältigenden Mehrheit, Hoeneß im Amt zu belassen, habe man nicht einfach so ignorieren können. Und „ohne Medienschelte betreiben zu wollen“, erinnerte er daran, dass Teile der Steuererklärung von Uli Hoeneß in der Presse veröffentlicht worden seien. Damit verbunden sei „ein schweres Vergegen“, das dürfe schließlich auch nicht vergessen werden.

          Zwischenrufer im Publikum

          Geradezu unspektakulär blieb dagegen eine Störung, die gleich zu Beginn der Sendung für kurze Aufregung sorgte. Es war 21:52 Uhr, der ehemaligen Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, redete gerade von der Würde eines Uli Hoeneß, als ein Mann mit dem Wutgebrüll „Alles Verarschung“ die Bühne stürmte, sofort überwältigt und abgeführt wurde. Der kleine Zwischenfall brachte Jauch zwar aus seinem Stuhl, aber nicht sonderlich aus der Fassung. Erst ganz am Ende der Sendung klärte er auf, was es damit auf sich hatte: Rein private Probleme hätten den Mann zu diesem Spektakel bewegt, deshalb habe man davon abgesehen, ihn und seine Schwierigkeiten weiter zu thematisieren, erläuterte Jauch. Das freilich mag Uli Hoeneß bedauert haben. So ein bisschen Ablenkung hätte ihm sicher gut getan.

          Weitere Themen

          Raketenangst auf allen Seiten

          Neuer Roman von Robert Harris : Raketenangst auf allen Seiten

          Ein neuer Thriller über den Zweiten Weltkrieg: „V2“ von Robert Harris ist gerade auf Englisch erschienen und beschäftigt sich mit mehr als der Entstehung von Hitlers „Wunderwaffe“.

          Von Schwänen und Apothekerinnen

          Marthalers „Das Weinen“ : Von Schwänen und Apothekerinnen

          Metamorphose mit Nebenwirkungen: Mit seinem Theaterabend „Das Weinen (Das Wähnen)“ verbeugt sich Christoph Marthaler vor den Texten Dieter Roths. Die Inszenierung feiert das Glück, das aus der Abwesenheit von Leid entsteht.

          Topmeldungen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte Filiale schließen.

          Sparbemühungen : Deutsche Bank trimmt sich für Fusionen

          Die Deutsche Bank will jede fünfte deutsche Filiale schließen, um zu sparen. In der Branche wird jetzt immer lauter über Zusammenschlüsse diskutiert. Offen ist, wie die Aufseher das Vorhaben sehen.
          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.