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TV-Kritik Günther Jauch : Der Abschiedsbrief von Udo Reiter

  • -Aktualisiert am

Der Fernsehmoderator Günther Jauch diskutierte am Sonntag mit seinen Gästen über den Suizid des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter Bild: dpa

Unprätentiös präsentiert Günther Jauch die Abschiedsworte von Udo Reiter: Der Sendung über den Suizid des ehemaligen MDR-Intendanten gelang eine relevante Debatte, ohne in Voyeurismus zu verfallen.

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          Vor knapp neun Monaten hatte der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter in Günther Jauchs Sendung für ärztliche Suizidbeihilfe gestritten. Nun kam er, zehn Tage nachdem er sich erschossen hatte, noch einmal zu Wort: Jauch hatte von Reiters Familie dessen Abschiedsbrief erhalten und die Erlaubnis daraus vorzulesen. Die wenigen Zeilen Reiters – es blieb unklar, ob der Brief nicht länger war oder ob nur diese freigegeben worden sind – wurden von Jauch unprätentiös präsentiert.

          Auch wenn der Titel der Sendung – „Udo Reiters letzter Wille – dürfen wir selbstbestimmt sterben?“ – einen Appell oder gar eine Anklage Reiters erwarten ließ, blieb er in dem Abschiedsbrief bei sich – fast, als hätte er sich mit dem Entschluss aus dem Leben zu scheiden auch von der politischen Debatte verabschiedet, an der er sich zuletzt so überaus entschlossen beteiligt hatte: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbständigkeit rechnen muss“, konstatierte Reiter, „Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von Anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen.“

          Wieso Reiter bei sich beobachtet hat, was Freunde von ihm nicht zu erkennen vermochten, warum er nicht, wie in der Januar-Sendung von Jauch angekündigt, sich hat einen Medikamentencocktail mixen lassen, sondern stattdessen zur Schusswaffe gegriffen hat, die er sich bald nach seinem Unfall 1966 besorgt hatte, um Suizid begehen zu können – das blieb in Jauchs Sendung ungeklärt. Zu Gast waren neben den Fernsehmoderator Thomas Gottschalk, der mit dem ehemaligen MDR-Intendanten gut befreundet war, der SPD-Politiker Franz Müntefering, der mit Reiter in der Januar Sendung gestritten hatte, sowie die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert und Nikolaus Schneider, der scheidenden Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

          Dass Fragen offen blieben, lag wohl auch daran, dass, wie Jean Amery erläuterte, „der Akt des Absprung, wiewohl er noch psychologischer Impulse voll ist, nicht mehr der psychologischen Einsicht offen stehen (kann)“. Sicherlich spielte dafür aber auch die stillschweigende Übereinkunft der Studiogäste und ihres Gastgebers eine wichtige Rolle, die Udo Reiter eine letzte Ehre erweisen wollten, wozu auch ein gewisses Maß an respektvoller Distanz und Zurückhaltung gegenüber einem zu Lebzeiten streitbaren Journalisten gehört, der nun nicht mehr erwidern kann. Trotzdem retteten sich Jauchs Gäste nicht in belanglose Allgemeinheiten, sie redeten von ihren persönlichen Erfahrungen, ohne dabei aber unangenehm privat zu werden – und Günther Jauch ließ ihnen dafür den Raum, den sie brauchten. So hatte man über weite Strecken den Eindruck, einem konzentrierten Gespräch zuhören zu können und nicht einer Talkshow.

          Gottschalks Ambivalenz

          Vor allem Thomas Gottschalk erwies sich als Glücksfall für die Sendung, weil er auf erfrischende Art gegen die Konventionen des Sterbehilfe-Diskurses verstieß und für sich ganz selbstverständlich und selbstbewusst das Recht in Anspruch nahm, seinen Tod jetzt noch verdrängen zu dürfen und ihn weder planen zu wollen, noch planen zu können. Die Ambivalenzen seiner radikal lebensbejahenden Haltung, die durchaus ein Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der damit möglicherweise verbundenen Konsequenzen erfordert, brachte er dabei mit dem Bonmot auf den Punkt: „Ich möchte gerne 100 Jahre alt werden und habe Panik, wenn ich daran denke, dass ich bald 65 bin.“

          Ein Archivbild von Udo Reiter, der Anfang des Jahres Gast in Günther Jauchs Sendung war
          Ein Archivbild von Udo Reiter, der Anfang des Jahres Gast in Günther Jauchs Sendung war : Bild: dpa

          So gelassen, aber auch empathisch wie er argumentierte, überzeugte es als Haltung und nicht nur als Pointe, dass er Udo Reiters Angst vor der Demenz entgegenhielt, er selbst habe schon so viel wirres Zeug geredet, dass es darauf wohl auch nicht entscheidend ankomme. So wirkte es auch nicht unangemessen, dass Gottschalk, der bei Reiters zweiter Hochzeit Trauzeuge war, unterstrich, dass er Reiters Plädoyer für den Suizid kritisch gesehen hatte: „Er hat das Thema gesucht und vor sich her getragen.“ Zugleich ließ Gottschalk keinen Zweifel daran, dass er den Entschluss seines Freundes nicht verurteilte; er wies allerdings auch darauf hin, dass die von Reiter in Diskussionsveranstaltungen zeitweise wahrgenommene Rolle als „eine Art Posterboy für den selbstbestimmten Tod“ Angehörigen nicht glücklich machen könne, weil deren Bereitschaft zu pflegen, ihn bei sich beibehalten zu wollen durchaus ja da sei.

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