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TV-Kritik: Günter Jauch : Stuhlkreis statt Aufklärung

  • -Aktualisiert am

Kathrin Oertel, Mitorganisatorin der Pegida-Kundgebungen Bild: dpa

Dass eine der Pegida-Organisatorinnen im Studio saß, verbuchte das Team um Jauch wohl schon als Großleistung. Kritische Analysen oder neue Erkenntnisse lieferte jedenfalls kaum einer der Anwesenden.

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          Dass der Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, die Gesprächskultur in politischen Talkshows ablehnt, das erklärte er uns in der Sendung Günter Jauch. Das wäre nur dann ein Widerspruch, wenn es sich bei Jauch noch um eine politische Talkshow handelte. Ganz klar ist das nicht. Womöglich ist es ganz einfach ein Stuhlkreis, in dem jeder und jede angehört wird, ohne dass böse Worte oder gar Werturteile fallen.

          Das beste Indiz für diese Vermutung gab es gleich zu Beginn, als Kathrin Oertel, die Sprecherin der Pegida-Organisatoren, ihre Motivation beschrieb, diese Demonstrationen zu initiieren. Sie schilderte eine Demonstration in Dresden, bei der die Linke und kurdische Aktivisten die Regierung aufforderten „Waffen an die PKK zu liefern“ Darauf hin fand Oertel: „Nun müssen wir was tun!“

          Keiner hakt nach

          Auf diese Einlassung folgte aber nicht die Frage, wie sich diese Beobachtung mit dem Wunsch verträgt, den Islamismus zu bekämpfen, denn schließlich riskieren an der syrischen Grenze die Kämpfer der PKK ihr Leben gegen die vorrückenden islamistischen Kräfte des Islamischen Staats. Was immer man gegen die einstige kurdische Terrortruppe haben mag – mit Islamismus haben sie nichts am Hut. Aber dieser Satz, der doch wichtig war, weil er der einzige war, mit dem Frau Oertel ihre Motive konkret benannt hat, wurde nicht weiter kommentiert.

          Dann wurde uns, insbesondere von Herrn Richter, wie von einem Lehrer erklärt, es handele sich bei Pegida vorwiegend um Menschen, die ganz andere Sorgen hätten als die Islamisierung und die Ausländer. Das tat er in einem ausgesprochenen Pädagogenduktus, wobei er immer davor warnte, dass Politiker mit den Bürgern reden „wie die Oberlehrer“. Richter war an jenem Abend wirklich ein performativer Widerspruch von ganz eigener Qualität.

          Untypisch unfrustriert

          Aber das nur am Rande. Welche Sorgen die Dresdner wirklich plagen, wenn es nicht die Muslime sind, von denen es dort, wie in jener Runde gestern, so wenige gibt, das erfuhren wir aber leider nicht. Frau Oertel sagte aus, privat habe sie weiter keinen Frust, sie scheint also untypisch zu sein für die Pegida-Anhänger, die Herr Richter beschrieb. Es ging ihr allein um die Punkte, die immer auf den Anti-Islam Webseiten angeprangert werden, von der Durchsetzung der Scharia in Deutschland zu den Verhältnissen, die Herr Buschkowsky in Neukölln beklagt. Aber Neukölln ist doch nicht Dresden.

          Herr Richter erklärte uns dann die Beweggründe der Pegida mit den Worten der Produktenttäuschung. Das kennt doch jeder: Man bestellt etwas, das auf dem Bildschirm gut aussieht – er nannte eine syrische Familie mit Kindern – dann aber kommt etwas ganz anderes, nämlich junge Männer aus Nordafrika.

          Deutsche unter sich

          Was es mit diesem Fall auf sich hat, warum auch Männer aus Nordafrika hier willkommen sein könnten, das erfuhren wir nicht, denn es war aus dieser Richtung der Welt oder auch von den Sozialarbeitern, die solche Flüchtlinge betreuen, gar niemand eingeladen. Das ganze Feld der Islamisierung und Zuwanderung wurde ganz unter deutschen, insbesondere unter Dresdener Bürgerinnen und Bürgern diskutiert, vielleicht kam deswegen keine Perspektive auf.

          Der Vertreter der AfD, Alexander Gauland übte sich darin, den Pegida-Anhängern gefällig zu sein, während Wolfgang Thierse von einem arg entrückten Standpunkt aus seine ewigen Wahrheiten formulierte. Einzig Jens Spahn von der Union erwies sich als gegenwärtiger Politiker, der immerhin ansatzweise verdeutlichen konnte, warum die Kanzlerin keiner Korrektur durch Herrn Richter bedarf. Das Studiopublikum war derweil ganz auf Seiten von Frau Oertel, außer ihr bekam niemand Applaus.

          Altbekannte Angstreflexe

          Dresden und der Bundesrepublik drohen keine Islamisierung, es ist sonderbar, wie dieser Gedanke aufkommen konnte. Fremd ist einem das aber nicht, wenn man sich, auch noch vage, an die siebziger Jahre erinnert.

          Damals dachten weite Teile der Intellektuellen und der Studierenden, dass – während Willy Brandt Bundeskanzler war – der Faschismus über Westdeutschland kommen würde. Kapital und Militär und die CSU würden hier wieder eine Diktatur errichten. Wer das nicht fand, galt als Abwiegler und Konformist. Damals entstand das deutsche politische Fernsehen, zur Recherche, zur Aufklärung, zur deutlichen Feststellung dessen, was ist.

          Was Jauch leisten müsste

          Leichter ist es seitdem nicht geworden. Es fällt schwer, in solchen Zeiten des sich selbst bestätigenden, selbst anheizenden öffentlichen Diskurses das Realitätsprinzip zur Geltung zu bringen, aber genau das ist die Aufgabe politischer Talkshows. Da hilft nun mal keine Äquidistanz, in der alle etwas finden dürfen und beispielsweise das Anliegen, möglichst viele abzuschieben, plötzlich zum vordringlichen politischen Thema promoviert wird.

          Die Attentate von Paris haben den Druck erhöht, viele Zuschauer machen sich Sorgen, es ist die Stunde der Halbwahrheiten und Gerüchte. In solche Sendungen müssen nun die besten Experten, müssen internationale erfahrene Gäste und Politiker aus der ersten Reihe. Und sie verlangen nach einem politisch wachen Journalisten als Moderator, der ohne Furcht die Gerüchte und Eindrücke von der Wahrheit trennt. Davon war gestern nichts zu sehen.

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