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Götz George im Fernsehen : Er klingt, als hätte er lange nicht gesprochen

Wer hat, der hat: Götz George spielt den Verbrecher Joseph Komalschek Bild: ARD

Lohnt es sich eigentlich immer, einen Film zu sehen, nur weil Götz George die Hauptrolle spielt? In „Besondere Schwere der Schuld“ kehrt er als verurteilter Mörder in seine Stadt zurück und klärt die Dinge.

          Ein Mann kehrt zurück in seine Straße. Dreißig Jahre war er fort, im Gefängnis, weil er eine Nachbarin und ihr Neugeborenes umgebracht haben soll. Joseph Komalschek gilt als Bestie. Er hat Banken überfallen und Juweliere ausgeraubt, immer schwer bewaffnet. Dann war da ein See von Blut in der Wohnung der jungen Bardame. Blut der Frau klebte an seinen Schuhen, ein Stück Nabelschnur lag in seinem Papierkorb. Die Leichen von Mutter und Kind wurden nie gefunden, Komalschek hat nie gestanden, doch das Gericht hat geurteilt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun sehen die Nachbarn den Schwerverbrecher auf freiem Fuß durch ihre Straße ziehen, einen gebeugten Alten mit wirrem Bart. Jeder zweite seiner Schritte klirrt auf dem Asphalt, sein rechtes Bein ist eine Prothese. Drei Polizisten in Zivil folgen ihm, und doch steht Angst in den Augen der Anwohner. Gardinen zucken, eine Frau holt die Kinder ins Haus. Und so, wie Götz George als Joseph Komalschek in dieser Ruhrgebietsversion einer Westernszene den Blick durch die Vorgärten mit den Gartenzwergen in dieser Kleinbürgerstraße spuren lässt, ist klar: Dieser Mann ist nicht umsonst zurückgekehrt. Denn hier wohnen auch die drei inzwischen pensionierten Kollegen, die ihn hinter Gitter gebracht haben.

          Romanzen müssen sein

          Es ist viel einzuwenden gegen „Besondere Schwere der Schuld“, Kaspar Heidelbachs Film von einem Verschütteten, der sich Stück für Stück voranwühlt durch einen Sumpf aus alten Lügen und Verbrechen. Da ist etwa die Unwahrscheinlichkeit, dass sämtliche Hauptfiguren in derselben Spießerstraße wohnen, obwohl Kollegen selbst im kleinsten Kaff nicht unbedingt Tür an Tür leben - und diese Straße heißt dann auch noch Liebermannstraße, wohl weil hier keine lieben Männer über Zäune spähen.

          Da sind dramaturgische Zugeständnisse an Fernsehfilm-Konventionen, die verhindern, dass dieses Stück nach einem Drehbuch von Sascha Arango auch nur annähernd etwas würde wie ein deutscher film noir oder ein beklemmender Psycho-Thriller. Zwei hübsch vorhersehbare Romanzen sind zwecks größerer Gefälligkeit in die Geschichte eingehäkelt: eine für die rundum sympathische Identifikationsfigur, den Jungpolizisten Tom Barner (Hanno Koffler spielt den anständigen Jungen), eine für Komalschek selbst - was vor allem dazu dient, Götz Georges Figur und damit auch den Schauspieler beim finalen Gang ins Abendrot in ein noch wärmeres Licht zu tauchen.

          Die Nemesis trägt Prothese

          Das eine spiegelt sich im anderen, die Dramen von früher wiederholen sich, und die Lösung aller Rätsel, in deren Kern ein Vater-Sohn-Konflikt steckt, wird aufmerksamen Zuschauern nicht lange verborgen bleiben. Doch der Film macht viele seiner Versäumnisse wieder wett: als präzise Milieustudie, und weil er um einen Götz George, der das Drama von Anfang bis Ende mit großer Überzeugungskraft trägt, ein beachtliches Ensemble versammelt.

          Aus diesem wiederum sticht Hannelore Elsner als Tom Barners Mutter Agnes hervor. Warum diese Frau, die selbst beim Eintopfen noch Slingpumps trägt, regelrecht implodiert, als Komalschek auftaucht, zum Nervenbündel wird, bleibt zunächst unverständlich. Vater Barner (Manfred Zapatka) gehörte zu besagtem Ermittler-Trio, aber ist das ein Grund? Mit seinen beiden Kollegen (Thomas Thieme und Hans-Martin Stier) brütet er im Wald. Was könnte der Entlassene wissen? Was plant er? Unheil liegt in der Luft. Komalschek entwischt unterdessen immer wieder seinen Bewachern. Er kriecht in einen aufgegebenen Stollen, gräbt und findet Knochen. Er taucht in der Pole-Dance-Bar auf, in der damals das Mordopfer arbeitete, in der heute die Polizisten, die ihn schikanieren, beim Bier sitzen und - noch so ein Drehbuchzufall - seine neue Nachbarin hinterm Tresen steht (Anna Fischer). Sie ist die Frau, in die Tom sich verliebt hat, ein nettes Mädchen wie aus der Vorabendserie.

          George hinkt als Nemesis durch diese Szenerien. Die Kamera (Daniel Koppelkamm) hält sich an seinen Händen fest, wenn Komalschek sein künstliches Bein verschraubt und dazu „Hurt“ von Johnny Cash läuft: „Try to kill it all away / But I remember everything“, oder an seinem Gesicht, wenn er immer wieder die eine Frage stellt: „Wo ist das Kind?“ Seine Stimme klingt wie die eines Menschen, der lange nicht mehr geredet hat. Als hätte er immer die Atemmaske auf, die er trägt, als er Tom unter Tage im Grubengas findet. Er kommt vielleicht als Tod, vielleicht als Freund. Der Verbrecher lässt sich verprügeln, aber es treibt ihn eine unerbittliche Kraft. Nur als Komalschek sich mit einem 1000-Mark-Schein vor den Augen der Ermittler eine Kippe anzündet, flackert kurz Schimanski-Rotzfrechheit auf. Sonst zeigt George Minimalschauspiel. Kaum Mimik, kaum Gestik. Das zumindest wirkt.

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