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TV-Kritik „Germany’s Next Topmodel“ : Den Sparkle im Auge

  • -Aktualisiert am

Thomas Hayo, Jury-Chefin Heidi Klum und Wolfgang Joop sind beeindruckt Bild: ProSieben/ Oliver S.

Zum neunten Mal hypnotisiert Heidi Klum Teenagerinnen, die von der Laufsteg-Karriere träumen. Die Show ist längst so, wie man es ihrer Protagonistin unterstellt: von eiskalter Perfektion.

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          Angstmachen ist, da sind wir uns einig, nicht die sensibelste Erziehungsmethode. Aber wenn Ihre Tochter im Teenageralter demnächst auch Andeutungen macht, sich beruflich Richtung Casting-Model orientieren zu wollen, dann sagen Sie ihr ruhig die schreckliche Wahrheit: Dass die Laufstege dieser Welt nachher genauso weit weg sein werden wie jetzt. Dass sie stattdessen als Boulevardmagazintante Prominente beim Heilfasten in der Karibik ansagen muss; dass sie Fußballerliebschaften vorzutäuschen hat und stundenlang neben Dieter Bohlen in Jurys rumsitzen wird, um öde „Supertalente“ durchzuwinken; und dass die Damenrasierer- und Fruchttörtchennachtischwerbung schon der Höhepunkt der imaginierten Karriere sein könnte.

          Gut möglich, dass das wenig bringt. Weil sämtliche Freundinnen auch schon hypnotisiert worden sind.

          Dafür zuständig ist nun bereits im neunten Jahr der Fernsehsender Pro Sieben, der einmal im Jahr für ein paar Wochen transformersmäßig zur Riesenkommerzschleuder mutiert, sobald der Proportions-TÜV von Heidi Klum wieder in der Stadt ist.

          Am Donnerstagabend startete die neue Staffel der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“, die sich offensichtlich nicht nur eines nachwachsenden Zuschauerrohstoffs erfreut, sondern nach so vielen Jahren auch derart versiert in der Verschmelzung von Werbung und Programm ist, dass man als Zuschauer noch am selben Abend ins nächste Autohaus einbrechen möchte, um von dort mit dem schnuckeligen Stadtflitzer die nächstgelegene Drogerie zu rammen und sich dort frisch parfümiert in eine Sechs-Monats-Ration Superstay Better Skin Sonstwas reinzulegen.

          Die Sau ist dringeblieben

          Die Show-Bewerbung dürfte von der Medizin inzwischen offiziell als Pubertätsnebenwirkung anerkannt sein, und da ist es auch zu verzeihen, wenn Bewerberinnen für die erhoffte Modelwerdung eher schlichte Gründe angeben, zum Beispiel: „Ich hab die Größe, ich reise gern und ich lass gerne die Sau raus.“

          Die Sau ist in der aktuellen Neuauflage dringeblieben, dafür hat der Sender aber Wolfgang Joop aus der Kulisse gezaubert, damit der endlich mal allen zeigen kann, dass seine frühere Kritik an der Pro-Sieben-Show bloß heiße Luft war.

          „Diese Beauty ist besser zuhause aufgehoben“, teilte Joop die Schönheit der Teilnehmerinnen gleich zu Beginn in eine modedesignerkompatible und eine für den einfachen Hausgebrauch. Und wusste bei einer jungen Frau blitzschnell die wichtigsten Körperteile gegeneinander abzuwägen: „Die Boobs allein sind schon super, aber stehen in Konkurrenz zum Kopf.“ Also genau wie die Show.

          Wolfgang Joop bei „Germany’s next Topmodel“

          In der wird nun schon zum Start mächtig Tempo gemacht, damit ja keiner mehr wegen langwieriger Auswahlprozeduren wegzuschalten wagt. 70 vorab ausgewählte Schönheiten durften in Berlin anreisen, ein paar davon direkt aus der Ballettschule, vom Ponyhof und aus der Gastwirtschaft geholt, um sich der Klum-Jury zu präsentieren. Und die meisten wussten gleich, worum’s geht: „Es geht hier um mich und nicht um die anderen Mädchen.“

          Auf jeden Fall geht’s eher nicht um: Fernsehen. Ähnlich wie es der Hauptprotagonistin unterstellt wird, ist „Germany’s Next Topmodel“ inzwischen von eiskalter Perfektheit. Jeder Schnitt stimmt, die Dramaturgie scheint zu hundert Prozent auf die nächste Werbeeinblendung abgestimmt zu sein, und die Wackelkameraszenen zwischendurch holen die Zuschauer ganz nah ran ans Geschehen. Die Zeit distanzierter Studiorauswürfe ist vorbei: Inzwischen kommt Frau Klum höchstpersönlich ans Bett der nach Singapur verschleppten Castingbande, um den Gescheiterten zu erklären, dass sie gleich wieder heimfliegen können.

          Dass der Vorwurf der Magersuchtsförderung genauso fest an der Sendung klebt wie die Werbepartner, kontern die Verantwortlichen mit einem fast schon panischen Essmotivationstheater, in dem Klum die Ernährungsgouvernante gibt: „Nach dem Shooting gehen wir sofort zum Mittagessen“, ruft sie am Pool, und dann hallt es noch drei, viermal nach: Mittagessen, Mittagessen, „Happi-Happi machen“! Zuvor sind demonstrativ bereits Mädchen aussortiert worden, die „zu dünn“ waren; und am Ende eines langen Arbeitstages  ist die Kamera dabei, wie Klum auf dem Heimweg eine Dönerbude stürmt (“Ab und zu muss man sich sowas auch mal gönnen“) und zu behaupten: „Darauf hab ich den ganzen Tag gewartet!“ (Worauf ein ziemlich lässiger Döner-Verkäufer entgegnet: „Wieso? Wir sind doch den ganzen Tag hier.“)

          Der Rest ist Business as usual. Die weiten Reisen, die luxuriösen Unterkünfte, die sensationellen Drehorte – alles Tapete. „Mansche haben einfach den Sparkle im Auge“, sagt Klum, wenn sie eine weiterlässt; und wenn eine „kein Potenzial“ hat: „So ist das Business nun mal“.

          Am Ende der Rauswurfpflicht klappt sie dann auch noch Cliffhanger-gerecht aufs Bett im Emergency Room, irgendwas war schlecht beim Happi-Happi-machen, deshalb heißt es anschließend: 40 Fieber, Infusion, das ganze Programm. Aber nur, wenn Sie in der nächsten Woche wieder einschalten. Keine Sorge: Ihre Tochter wird Sie dran erinnern.

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