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TV-Kritik: Maybrit Illner : Ergebnisorientierung gibt es nicht nur beim Fußball

  • -Aktualisiert am

Als drehte sich die Welt um diesen Ball: Ein „Brazuca Final Rio“ Bild: dpa

Gibt es kein drängenderes Thema für Maybrit Illner als die WM? Ein quotenträchtigeres zumindest nicht: Felix Magath kokettiert, Nia Künzer schwärmt, und Hajo Schumacher entwickelt eine „situative Ethik“.

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          Dem öffentlich-rechtliche Programmauftrag von ARD und ZDF geht es wie dem Gemeinwohl in der Politik. Als normativer Anspruch sind beide unverzichtbar, aber es kommt ihnen immer die Funktionslogik der jeweiligen Systeme in die Quere. In der Politik ist es die Machtfrage. In den Sendeanstalten die Quote. Wenn ARD und ZDF die Rechte am wichtigsten Sportereignis dieses Planeten erworben haben, der Fußball-Weltmeisterschaft, muss es so lange beim Zuschauer versendet werden, wie es dieser sehen will. Da können im Nahen Osten die Raketen fliegen oder ein CIA-Resident in Berlin seine Sachen packen müssen.

          Eine Sendung namens „Wird Deutschland Weltmeister?“ wird immer mehr Zuschauer interessieren als die Lage im Nahen Osten oder ein Spionagefall ohne James Bond. Schließlich muss die Pause bis zum Endspiel am kommenden Sonntag um 21 Uhr gefüllt werden. Das wissen die Programmverantwortlichen inklusive Frau Illner ebenso gut wie die Zuschauer. Nichts anderes gilt für die professionelle Fernsehkritik. Nur ist es gerade nicht deren Aufgabe, sich der Funktionslogik zu beugen, der alle anderen in gleicher Weise hinterherhecheln, wie Profis dem Ball bei 35 Grad Celsius in der „Hölle Amazoniens“ namens Manaus. Die Kritik muss an normativen Ansprüchen festhalten, wenn es schon sonst niemand mehr macht.

          Insofern ist die Frage an Frau Illner mehr als berechtigt: Warum kein Mut zu einem anderen Thema als Fußball, vor allem wenn ihr ZDF-Kollege Markus Lanz fast jeden Abend etwas dazu macht?

          Historisch, anders gesehen

          Die Antwort wurde schon gegeben. Frau Illner entschied sich für den einfachen Weg. Ergebnisorientierung gibt es halt nicht nur beim Fußball. Der Journalist Hajo Schumacher brachte das so auf den Punkt: Lieber im Viertelfinale mit Mühe weiterkommen als in „Schönheit zu sterben“, sprich auszuscheiden. Er sprach zudem von der „situativen Ethik“, die die Debatte über die Nationalmannschaft präge. Damit war eine Sichtweise gemeint, die das Urteil über den Bundestrainer vom Erfolg seiner kickenden Mitarbeiter abhängig mache. Er hätte, so Schumacher, anders über ihn geurteilt, wenn Deutschland das  Achtelfinale gegen Algerien verloren hätte.

          Dazu hätte er guten Grund gehabt. Joachim Löw hätte damit die Nachfolge des Reichstrainers angetreten, dem das als letztem deutschen Fußballlehrer bei der WM 1938 passiert war. Er hieß Sepp Herberger. Das wäre ein historischer Einschnitt gewesen, durchaus vergleichbar mit dem immer noch schwer verständlichen 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale. Man müsste lediglich die Konsequenz weiterdenken, um den schmalen Grat zu begreifen, der die „situative Ethik“ auszeichnet. Brasilien hätte gegen Frankreich (oder Algerien) wohl kaum ein vergleichbares Desaster erlebt – und in Deutschland statt in Brasilien wäre der Katzenjammer groß gewesen. Unter Umständen hätte sich die Große Koalition von diesem Schlag nicht mehr erholt.

          So mühte man sich herauszufinden, warum es ausgerechnet den Deutschen bei diesen Weltmeisterschaften immer wieder gelingt, das Desaster den anderen zu überlassen. Die ehemalige Fußball-Weltmeisterin Nia Künzer sah in den optimalen Rahmenbedingungen der Nationalmannschaft die Ursache. Nur ist der DFB wirklich soviel professioneller als etwa seine niederländische Entsprechung? Felix Magath, als Fußballer und Trainer hoch dekoriert, erwähnte die Qualität der Bundesliga. Der Bundestrainer müsse nur noch eine gute Auswahl treffen, was Löw auch vorzüglich könne.

          Worauf der Weltmeister des Jahres 1990, Thomas Berthold, den Hinweis gab, dass Vereinstrainer ein völlig anderer Job als Bundestrainer sei. Weniger „Tiefenentspannung“, um einmal den derzeitigen Gemütszustand Löws zu beschreiben. Dafür mehr Stress, wenn man mit einer Mannschaft jeden Tag auf dem Trainingsgelände sein müsse. Magath, als „Quälix“ ein Freund „harter Arbeit“, bevorzugt eine andere Arbeitsethik als Löw, um es einmal so zu formulieren. Er bevorzugte in der Sendung überhaupt die diplomatischen Töne. Hajo Schumacher lobte dagegen Bayern München und kürte sogar Uli Hoeneß zu einem der Väter des Erfolgs. Dieser wird es in seinem derzeitigen Domizil in Landsberg gerne gehört haben.

          So richtig überzeugen konnte das alles nicht. Aber selbst der Engländer Gary Linecker hat die Antwort noch nicht gefunden, warum die deutsche „Fußball-Großmacht“ (Berthold) diese „einzigartige Erfolgsquote“ (Frau Künzer) aufweisen kann. „Am Ende gewinnen immer die Deutschen“: Mit diesem Satz begründete Lineker seinen weltweiten Ruhm, aber das ist Empirie und nicht Erklärung.

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