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TV-Kritik: European Qualifiers : Ein peinlicher Fußballabend mit RTL

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Der Fußball war gestern Abend nur das Beiwerk, um die eigentlich relevanten Werbebotschaften zu plazieren. Das kann man RTL nicht zum Vorwurf machen. Sie sind auf diese Einnahmen angewiesen, um die sündhaft teuren Übertragungsrechte zu refinanzieren. Weil das kaum möglich war, hatte sich RTL schon vor langer Zeit aus dem Poker um die Fußballrechte zurückgezogen. Insofern war es kein schlechter Schachzug gewesen, wenn ARD und ZDF jetzt auf die Wahrnehmung dieser Rechte verzichteten. Denn eines ist sicher. Der grenzenlose Appetit der Fußball-Veranstalter, Gier ist ja ein unschönes Wort, auf höhere Einnahmen ist nach seriösen marktwirtschaftlichen Kriterien nicht mehr zu rechtfertigen. Oder man bekommt eine Form der Fußball-Übertragung, die gestern Abend RTL anbot. Mit langen Werbeblöcken, die lediglich ein Tabu kennen. Nämlich Werbeunterbrechungen während des Spiels.

Aber RTL übte schon einmal im Interview mit dem Bundestrainer. Er wurde begrüßt, bekam einen Espresso serviert und durfte schließlich nach dem Werbeblock weitersprechen. Mit Berichterstattung oder Journalismus hatte das alles nichts zu tun, wobei das allerdings nur den erstaunt, der die Geldmaschine Fußball noch in erster Linie mit Sport identifiziert. So kurios es klingt: Für Sportjournalismus blieb kaum Zeit, etwa um den Gegner Schottland vorzustellen. Dass es dort außer Fußball bald ein Referendum über die Unabhängigkeit von Großbritannien gibt, wurde daher noch nicht einmal angesprochen. Dafür erfuhr man allerdings in einem Einspieler, warum „Schotte sein, vor allem Mann sein“ bedeute. 

Der Espresso des Bundestrainers

Dabei gab es in diesen fünf Stunden des „Kölner Realismus“ durchaus Lichtblicke. Der eine hieß Marco Hagemann, der fast schon das Kontrastprogramm zu diesem Event verkörperte. Unprätentiös war seine Moderation des Spiels zu nennen. Ein Begriff, der bei RTL ansonsten sicher nicht häufig zu finden sein wird. Der andere war Jens Lehmann. Ihm merkte man an, wie sehr ihm diese Form der Nicht-Berichterstattung auf die Nerven fiel. So wollte König in einem Beitrag über das Social-Media-Verhalten der Fußballer eine Nähe der Stars zu ihren Millionen Fans konstruieren, was Lehmann trocken in das Reich der Fabel verwies. Man bekäme zwar ein Gefühl dafür, „mehr aber auch nicht“. König fragte ihn nach dem Spiel, ob Löw spät Abends noch einen Espresso annähme. Lehmann, so seine Antwort, wisse noch nicht einmal, ob dieser jene Kaffeesorte überhaupt mag. Kein Wunder, wenn Lehmann einmal mit verschränkten Armen vor König stand, um ihn symbolisch auf Distanz zu halten. Er schien den Charakter dieser Sendung als eine Art journalistischen Ersatzkaffees missverstanden zu haben. Aber er hat jetzt bis zur WM-Qualifikation für die Endrunde 2018 Zeit, sich daran zu gewöhnen. So lange wird RTL diese Events übertragen.

Angesichts dessen kam eine gewisse Nostalgie über die Übertragungen in ARD und ZDF auf. Statt Werbung sah man dort etwa in der Halbzeitpause das „Heute-Journal“ oder die „Tagesthemen“. RTL kann sich diesen Luxus objektiv nicht leisten. Aber die Verschwörer sollten sich keine Illusionen machen. Den Fußball als Event zu betrachten, ist auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten schon längst zum schlechten Standard geworden. Zuletzt war das in Brasilien zu erleben. Beide Sender könnten sich allerdings Journalismus leisten, was sie aber in der Vergangenheit nicht immer für eine gute Idee gehalten haben. Insofern sollte sich in Mainz und Hamburg die Schadenfreude über diese peinliche Veranstaltung gestern Abend in Grenzen halten.

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