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TV-Kritik: Europadebatte : Europa sucht den Superstar

  • -Aktualisiert am

Martin Schulz, Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten, kurz vor Beginn der TV-Debatte Bild: dpa

Überraschung: Zum ersten Mal trafen die Spitzenkandidaten der großen Parteien für die Europawahl in einer Fernsehdebatte aufeinander. Das Personal war unterhaltsamer und kultivierter als man es von TV-Diskussionen gewohnt ist.

          Das allerbeste an der Fernsehdebatte europäischer Spitzenkandidaten ist bereits die Nachricht, das es sie überhaupt gibt. Zur Erinnerung: Bisher fand so etwas nicht statt. Weder gab es individuelle Gesichter für den transnationalen Wahlkampf - noch, versteht sich, eine Auseinandersetzung solcher Menschen im demokratischen Diskurs. Diese Neuerung ist nicht zuletzt möglich, weil im Zeitalter von Internet und einer heranwachsenden Generation von Postnationalisten sich die Akteure bestens auf Englisch verständigen können. Am deutschen EU-Kommissar Oettinger, der sich mit Pidgin-Gestammel international lächerlich machte, sieht man ja, dass in der Spitzenpolitik nicht einmal dies bereits selbstverständlich ist. Die Deutsche Ska Keller für die Grünen, der Belgier Guy Verhofstadt für die Liberalen, der luxemburgische Christdemokrat Jean-Claude Juncker  und der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz hätten sich hingegen ebensogut auf Französisch oder Deutsch, verständigen können, wohingegen der ebenfalls eingeladene Linkssozialist Alexis Tsipras aus Griechenland leider in keiner Sprache mitdiskutieren wollte und fernblieb. Hatte er etwa nicht genug Schimpfvokabeln gepaukt?

          Mit ihren Fertigkeiten und ihrer Vertrautheit im Brüsseler Institutionendschungel stehen die vier politischen Profis auf ihrer Bühne in Maastricht auch exemplarisch für eines der schwer lösbaren Probleme der Union: Einer kleinen Klasse von durchaus ehrenwerten Kennern und Könnern steht ein riesiger Teil der Bevölkerung entgegen, der von den europäischen Debatten und Entscheidungsfindungen noch viel weniger versteht als von den Personen und Parteibündnissen auf nationaler Ebene. Insofern ist auch die Wahl des Debattenortes kennzeichnend. Von den zuhörenden und Fragen stellenden Studierenden der Europäischen Universität in Maastricht war zu erwarten, dass sie überdurchschnittlich gut über die EU informiert sind; sie gehören zur Elite der neuen Profi-Europäer, welche die Chancen übernationaler Märkte und ihrer Institutionen bestens zu nutzen wissen. Doch ob die Fragen europäischer Besteuerung, Reglementierung, Jugendarbeitslosigkeit oder Zuwanderung das große Wählerpublikum zwischen Finnisch-Lappland und Zypern überhaupt erreicht?

          Juncker gibt sich leicht genervt

          Für die Debatte selbst hatte diese Frage vorderhand keine Bedeutung. Mehr, als sich der Öffentlichkeit zu stellen und hier Argumente auszutauschen, ist trotz vergleichsweise geringer Resonanz im Nachrichtenkanal „euronews“ für Europapolitiker derzeit nun einmal nicht möglich. Auf dem unbeackerten Terrain einer solchen Debatte lief, auch dank der zupackenden und informierten Leitung der beiden Moderatoren, dank des Zuspielens von Internetfragen und selbstbewusster Studenten im Parkett das Gespräch jedenfalls hurtig und ohne zähe Monologe ab. Zuweilen wurde es sogar unerwartet heiter, etwa als Juncker leicht genervt und in seiner Art - trocken wie Schengener Riesling - auf eine kurze Unterbrechung verwies: „Die Demokratie kommt also nach der Pause zurück.“ Schulz und Verhofstadt leisteten sich schließlich sogar den branchenüblichen, lauten Überbietungswettbewerb, als letzterer den harten Putin-Basher mimte und den Sozialdemokraten als „naiv“ gegenüber Russland abtat. Viel Geschrei um nichts?

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