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TV-Kritik: Europadebatte : Europa sucht den Superstar

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In jedem Fall sollte die EU der kommenden Legislaturperiode irgendeine namhafte Verwendung für Ska Keller finden. Die mit Anfang Dreißig im politischen Geschäft noch junge, aber staunenswert informierte, sprachkundige und von ihrer Sache begeisterte Grüne war die große Entdeckung des Abends. Ein weiteres europäisches Schwergewicht aus Deutschland, aber fernab jeder nationalen Scheuklappe rückt mit dieser Frau ins Rampenlicht. Dass sie für erneuerbare Energien und eine großzügigere Flüchtlingspolitik plädierte, dass sie mit der Dritten Welt fair handeln will und gegen NSA noch ätzendere Worte fand als die Kollegen - geschenkt; es war bei ihrer Parteilinie zu erwarten. Zudem wird sicher keine Grüne - weder sie noch ihr französischer Ko-Kandidat José Bové - so bald Kommissionspräsident werden. Aber Kellers Enthusiasmus für die europäische Idee fernab des etwas müden Profitums von Juncker oder Verhofstadt, ihre leuchtenden Augen beim Vorsatz, basisdemokratisch ausgerechnet im kontinentalen Riesenbetrieb etwas zu bewegen, ganz schlicht ihr jugendlicher Elan - das alles wirkte keineswegs gespielt und höchst sympathisch.

Europa muss nicht unbedingt mit dem großen Popstar swingen

Mag also sein, dass sich aller Sparsamkeit und Müdigkeit der nationalen Parteiapparate zum Trotz nun tatsächlich so etwas entwickelt wie ein veritabler Europawahlkampf. Man darf da getrost bescheiden sein, denn wie gesagt: schon die Tatsache, dass die transnationale Kampagne überhaupt stattfindet und dass Freund oder auch Feind Europas diese Wahlen endlich gebührend ernstnehmen - das ist schon die gute Nachricht. Sollte das alles kurz- oder auch nur mittelfristig das Europaparlament mehr legitimieren und die Kommission von einem undurchschaubar kooptierten Haufen nationaler Interessenvertreter zu einer europäisch denkenden Exekutive weiterentwickeln helfen - es wäre schon eine Menge.

Die Frage kam dann zwangsläufig auf: „Brauchen wir einen europäischen Popstar“, um diese Wahlen und ihre Kandidaten endlich bei den Bürgern attraktiver zu machen? Vielleicht hilft ja schon Hegels List der Vernunft, und über die unleugbaren Mängel und Misserfolge werden den Bürgern endlich auch die unglaublichen Vorzüge, ja die Schicksalhaftigkeit dieser Union bewusster. Martin Schulz, abgehärtet in zahllosen Debatten, antwortete auf die Frage nach dem europäischen Popstar jedenfalls mit unerschütterlich-rheinischem Optimismus: „Give me some time.“ Aber so weit, dass Europa mit seinen Junckers und Schulzens fürs Ergötzen der Wählerschaft ins Swingen kommen muss, ist die Lage im europäischen Politshowgeschäft dann wohl doch noch nicht.

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