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TV-Kritik: Europadebatte : Europa sucht den Superstar

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Keineswegs. Wer die Debatte - am besten nicht in einer der sechs Simultanübersetzungen, sondern direkt im englischen Original - verfolgte, der wusste am Ende über die dargebotenen Produkte und ihre Vertreter ganz gut Bescheid. Verhofstadt, der vor seinem Weg in die Europapolitik gut acht Jahre als belgischer Premier amtiert hatte, gab achtbar den innovativen, coolen Liberalen, der Europa nach dem Vorbild eines Managers effektiver, moderner und vor allem rentabler machen möchte: Weniger Schulden, Wachstum, Arbeitsplätze, Zuwanderung nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und eine digitale Marktwirtschaft nach europäischen Regeln und für europäische Profite.

Wer möchte Berlusconis Freund sein?

Ebenso verkörpert Juncker förmlich mit Alter, Habitus und Lebenslauf das Weiter-So der konservativen Gründerväter des rheinischen Kapitalismus. Dafür wurde er von Merkel & Co. auserkoren. Für ihn, der den Euro immerhin mit erdacht und eingeführt hat, gibt es keine Eurokrise, sondern einzig eine der Staatsdefizite. Ansonsten versuchte der gewiefte Taktiker, niemandem wehzutun: Kein Fracking und kein Sozialabbau, aber eine europäische Energie-Union, keine ungebremste Zuwanderung aus Armutsländern, aber auch keine inhumane Teilung von Europa in Arm und Reich, Nord und Süd. Immerhin zeigte sich der Luxemburger kämpferisch, als er warnte, beim Freihandel dürfe Europa vor den Vereinigten Staaten von Amerika „nicht auf den Knien liegen“. Nur bei der Nennung seiner unappetitlich anti-europäisch bis vulgärnationalistischen Parteifreunde von der EVP namens Orbán und vor allem Berlusconi kam der Grandseigneur dann doch arg ins Schwimmen. Da verfing die alte Devise aus unzähligen EU-Nachtsitzungen: Besser abwarten und nicht drüber reden.

Martin Schulz muss sich in seiner sozialistischen Fraktion mit keinem Silvio B. herumschlagen. Dafür blieb seine Vision von einem Europa der Arbeitsplätze für Jugendliche, von Steuern für Spekulanten und Bänker etwas vage. Dass er versuchen möchte, als Kommissionspräsident selber Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen - was noch nie geschah, aber rechtlich möglich ist - klingt etwas nach Utopie. Doch ihm ist es zuzutrauen. Schulzens großer Trumpf bleibt in dieser Hinsicht sein Hinweis auf die gewachsene Autorität und das neue politische Gewicht eines Kommissionspräsidenten, der erstmals wirklich von den europäischen Wählern ausgesucht werden soll. Als einstiger Abgeordneter und späterer Präsident des Europäischen Parlaments hat er sich hochgedient und wäre in der Tat der erste europäische Chef, der nicht von den Staats- und Regierungschefs ausgekungelt wurde.

Die Utopie für den Mai: Ein Kommissionspräsident ohne Kungelei

Und wenn, so auch die Frage bei der Debatte, zwei Tage nach der Wahl die nationalen Bosse um Merkel, Hollande und Cameron das alte Intrigenspiel erneuern und einen weißen Ritter aus dem Ärmel ziehen: den üblichen Außenstehenden, der wie der jetzige Kommissionspräsident Barroso daheim abgewirtschaftet hat und als schwacher Kompromisshansel auserkoren wird, um die europäische Dürftigkeit weiter zu verwalten? Diese gar nicht so abwegige Katastrophe aus dem Schatzkästlein des politischen Zynismus wollte keiner der Kandidaten auch nur in Erwägung ziehen. Aber wer weiß, wie schlimm es kommt?

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