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TV-Kritik „Ein Starnberg-Krimi“ : In jeden Teich gehört eine schöne Leich

Der „Kini“ im Schilf: Martin Feifel spielt im Starnberg-Krimi den bayerischen König Ludwig II. Bild: Julia von Vietinghoff

Dominik Graf hat einen Bayern-Krimi gedreht. In dem lebt Ludwig II. wieder auf und stirbt dann doch: So eine Geschichte säuft leicht ab. Die Hauptdarsteller halten sie über Wasser.

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          Da treibt er hin, der „Kini“. Der König. Will heißen, der einzig wahre König der Bayern, Ludwig II., im Starnberger See natürlich, mausetot. „Also, das beeindruckt mich jetzt auch einmal“, murmelt Inspektionsleiter Luzifer Reinhold (Andreas Giebel) aus der Tiefe seines Bauchs, als er auf die ans Ufer gehievte Leiche schaut, die in Gestalt von Martin Feifel in Rückblenden wieder lebendig wird. Als er da liegt, ist er ganz Märchenkönig, vom Bart bis zum Brokat, und wir blicken zurück - wie mit seinen Augen in Luzifers Gesicht und in das der neuen Polizistin in der Fabelwelt der „Reichen Leichen“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ariane Fink (Annina Hellenthal), die Jungpolizistin mit dem langen Blondhaar, ist gerade selbst dem See entstiegen, venusgleich nackt - und gleich in die Arme ihres väterlichen Kollegen gelaufen. Der mag sich gedacht haben „mein lieber Schwan“, nicht ahnend, dass Schwäne bald einem anderen fast die Eingeweide aus dem lebendigen Leib werden picken wollen, weil der „Kini“ beleidigt wurde. Dazu läuft Wagners Lohengrin. Aber so geht das zu, wenn Dominik Graf einen Heimatkrimi für den Bayerischen Rundfunk macht.

          Nachtschwarzer Starnberger See

          Sein Starnberg-Krimi beginnt als luftige Collage; immer wieder ist der See im Bild, mal schwimmt er in honigfarbenem Licht, mal strahlt er lichtblau mit messerscharfen Segeln, und dann zeigt er sich doch als nachtschwarzes Wasser, in dem der Tod lauert und Millionen versinken. Vielleicht, man weiß es nicht. Drumherum stehen die Villen der Wohlhabenden Spalier und geben die Kulisse ab für Alte, die mit der Axt auf ihren Oldtimer losgehen, und Mittelalte, in deren Keller die Ludwig-Manie wuchert wie Schwamm.

          Aber über den Abgründen ermitteln drei grundnormale Leut’, das Polizistenduo in Grün und der fesche Kommissar Timo Senft (Florian Stetter). Ariane ist die Frau mit dem unschuldigen Blick auf die Dinge, dem der Zuschauer folgen soll, damit er merkt, was verdächtig ist: schmutzige Schuhe, eine verschüttete Kaffeetasse. Die beiden anderen sind ihr Mentor und ihr Kavalier. Schön altmodisch und übersichtlich ist das sortiert, wunderbar gespielt auch von den drei Hauptdarstellern, Vor allem Annina Hellenthal hat genug Raum, ihrer Figur Profil und Unschärfe gleichermaßen zu verleihen, aber dann blubbert doch der Wahnsinn an die Oberfläche, und der Wille zum Drehbuchschwurbel geht mit Sathyan Ramesh durch.

          Einige Rätsel zu lösen

          Denn nicht nur der „Kini“ ist tot, auch die Sisi wurde entführt. So heißt die halbwüchsige Tochter des Mannes, den wir in der Eröffnungsszene wie erschlagen im Bild gesehen haben (Hannes Jaenicke) und dessen Exfrau (Ulrike C. Tscharre) zum Gewerbeadel am See gehört. Er ist auf Besuch aus Amerika, sie wirft ihm vor, die Familie ausgenommen zu haben, das Kind will Schauspielerin werden, und dann ist es weg, und so entfaltet sich vor den Augen der Ermittler das schönste Ehezerwürfnis beim Streit um das Lösegeld auf weiß-blau-karierten Sitzmöbeln.

          Der Mann taucht mit der Million ab, zwecks Übergabe, die Tochter taucht wieder auf und hat nur geträumt. Ist auch sie ein Fall von Narkolepsie wie der falsche Ludwig? Er ist schlafend ertrunken. Was weiß der „Ludwig-Experte“ (schön durchgeknallt: Eisi Gulp)? Warum liegen bald noch zwei weitere Menschen leblos in der Flur? Fragen über Fragen, deren Lösung die Ermittler zunächst mit aller Ruhe angehen, wenn nicht gerade die Kamera mal wieder heranzoomt oder das Danach vor das Davor geschnitten wurde, um zu zeigen: Achtung, Gefahr, Spannung. Oder ein Raser durch die Idylle rauscht.

          Schwarze Messen für Ludwig

          Die ist beiläufig in Szene gesetzt, im Vorbeifahren sozusagen, und die Dialoge fangen mit Lakonie manche Absurdität auf - wenn sie nicht scheitern an ihrer eigenen Künstlichkeit wie bei den Begegnungen des undurchsichtigen Sisi-Vaters mit seinem Sanitäter. In solchen Momenten ist der Film mehr damit beschäftigt, sich selbst zu zeigen, als für die Geschichte zu interessieren. Sie landet denn auch bald vollends in den Fängen einer Art bayerischen Ku-Klux-Klans. Kapuzenumhänge, brennende Kreuze: Für ihren „Kini“ halten diese „Ludisten“ schwarze Messen. Da kann man Luzifers Einsicht fast als Selbstironie verbuchen: „Das ist ja wie moderne Oper. Du schaust vier Stunden zu, kapierst nix, und am Ende quietscht was.“

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