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TV-Kritik „Dschungelcamp“ : Die Reality-Kandidatin, die keine Reality-Shows mag

  • -Aktualisiert am

Mitten im Dschungel: die Moderatoren Sonja Zietlow (links) und Daniel Hartwich Bild: RTL

Über sieben Millionen Zuschauer verfolgen täglich das RTL-Dschungelcamp. Viele der anderen stöhnen über die Aufmerksamkeit. Dabei ist der Wahnsinn vor Ort vergleichsweise harmlos, im Vergleich zum Sturm, der außenrum um die Show tobt.

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          Was man leicht unterschätzt an der Dschungelshow: ihr Slapstick-Potential.

          Wenn man RTL trauen darf, was an dieser Stelle nicht ganz auszuschließen ist, passierte vorvergangene Nacht im Camp folgendes: Als alle schlafen gegangen waren, kamen sich Marco und Gabby näher. (Machen Sie sich nichts draus, wenn Ihnen die Namen nichts sagen; die „Stars“ nicht zu kennen, ist völlig normal und tut dem Vergnügen keinerlei Abbruch.) Irgendwann legte sich Marco schlafen, und Gabby weckte Mola, von dem sie annahm, dass er als nächstes die Wache am Lagerfeuer übernehmen sollte.

          Mola hatte aber keinen Dienst und war nur mittelbegeistert darüber, geweckt zu werden. Mola meinte, Melanie müsste dran sein. Melanie wurde geweckt, war aber auch nicht dran. Winfried wurde geweckt, war aber auch nicht dran.

          Mola bot an, die Schicht zu übernehmen. Gabby ging ins Bett. Larissa wachte auf.

          Larissa musste auf die Toilette. Weil da im Dschungel keiner allein hingehen soll, sagte Mola zu Larissa, sie solle Gabby rufen. Gabby kam. Larissa fand ihren zweiten Schuh nicht. Mola war von Larissa genervt. Gabby war von Mola genervt.

          Plötzlich meinte Gabby, etwas gesehen zu haben, „größer als ein Käfer, kleiner als eine Maus“. Larissa stürzte sich panisch in ihre Hängematte, die sich einmal um sich selbst drehte und sie spektakulär auf dem Boden wieder ausspuckte. Mola musste lachen. Nach dem größten Schreck griff sich Larissa ein Herz und die Laterne und machte sich auf den Weg in Richtung Toilette, stolperte, fiel und ließ die Lampe fallen. Die Flamme ging aus.

          Nun waren ungefähr alle wach. Larissa wollte die „verfickte Lampe“ zurück. Gabby fragte, was sie damit wolle, sie sei ja eh aus. Winfried wies darauf hin, dass aus der umgekippten Leuchte Kerosin auslaufe. Mola hörte auf zu lachen, zog sich Schuhe an, hob die Laterne auf und beschimpfte alle wegen ihrer Unfähigkeit. Mit der neu entzündeten Lampe und Gabby ging Larissa schließlich zur Toilette. Auf dem Rückweg - stolperte sie. Und ließ die Lampe fallen.

          Loriot hätte es nicht besser inszenieren können

          Es mag wie Blasphemie erscheinen, diesen Namen im Zusammenhang mit der RTL-Show „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ zu nennen, aber: Loriot hätte diese eskalierende und nicht enden wollende Abfolge von Missgeschicken kaum besser inszenieren können. Es war sehr lustig.

          Sechs von fünfzehn Tagen Dschungel sind um. Eine gewaltige Zahl von über sieben Millionen Zuschauern verfolgt täglich das Geschehen in der achten Staffel der RTL-Show. Viele der anderen stöhnen über die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird.

          Dabei ist der Wahnsinn vor Ort und in den Sendungen selbst vergleichsweise harmlos, im Vergleich zu dem Sturm, der außenrum um die Show tobt. Mit der Aufgeregtheit einer Staatskrise wird atemlos berichtet, dass einer der prominenteren der elf Kandidaten, der Schlagersänger Michael Wendler, vorzeitig ausgezogen ist und dann, geduscht und mit vollem Magen, eigentlich am liebsten wieder zurück wollte.  Teilweise lesen sich die Reaktionen darauf, als würde hier jemand mit seiner Selbstüberschätzung, die jeweils nur sekundenlang eine realistische Wahrnehmung der eigenen Situation erlaubt, die Show zerstören – als mache nicht genau das die Show aus.

          Wenn eine große Zeitung hyperventiliert

          Zu der professionellen Routine, die die Macher von „Ich bin ein Star“ in den Jahren entwickelt haben, gehört, sich nicht nur über die Kandidaten lustig zu machen, sondern auch über die Reaktionen auf die eigene Show. Und so erzählten die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich am Mittwoch eine „realistische Kurzversion“ dessen, was sich eine große deutsche Boulevardzeitung in einem zweiseitigen Minutenprotokoll zusammenhyperventiliert hatte:

          „19 Uhr 17. Wendler will zurück ins Camp.

          19 Uhr 17 und 5 Sekunden. RTL sagt: ’Nein’.

          19 Uhr 17 und 10 Sekunden: Die Produktionsfirma sagt: ’Auf keinen Fall!’

          19 Uhr 17 und 15 Sekunden. Der britische Lizenzgeber sagt ’Never!’

          19 Uhr 18: Die „Bild“-Zeitung meldet: ’Hurra! Es laufen Verhandlungen!’“

          Die Dschungelshow besorgt ihre eigene Medienkritikkritik gleich mit.

          Es hat sich in den ersten sechs Tagen, anders als man beim Betrachten der Schlagzeilen annehmen könnte, bislang kein irgendwie gearteter Skandal in der Show ereignet - wenn man ihre schiere Existenz und ihren Erfolg nicht als solchen betrachten will. Es gibt nur mehrere Kandidaten, die die Erwartungen der Produktion und des Publikums an sie in erstaunlicher Weise übererfüllen.

          Großes Herz – oder nur ein abgebrühter Profi?

          Allen voran Larissa, eine atemberaubend anstrengende Gewinnerin von „Austria’s Next Topmodel“. Die Art, wie sie an sich und der Situation scheitert, ist auch nicht neu, wirkt aber noch extremer als bei ihren Vorgängerinnen und Vorgängern. (Reflektiert und selbstreferentiell, wie „Ich bin ein Star“ ist, erinnerte die Sendung gleich daran, welche Kandidaten in früheren Staffeln ähnliche Rollen übernommen hatten wie das Personal dieses Jahrgangs.)

          Nachdem Larissa die ersten Folgen fast vollständig dominiert hat, sucht die Produktion nun spürbar nach Handlungssträngen ohne sie. Und erlaubt uns gelegentlich, hinter der Karikatur einer völlig auf sich selbst fixierten Persönlichkeit auch einen zerbrechlichen, überforderten Menschen zu sehen, der an der selbstgemachten Einsamkeit leidet.

          Diese Veränderung in der Dramaturgie muss natürlich nicht Ausdruck von Menschenfreundlichkeit sein. Man kann sie auch kalkuliert finden, so wie die Anteilnahme ihres Mitkandidaten Jochen Bendel, der sie so demonstrativ in den Arm nimmt, dass man als Zuschauer nicht weiß: Hat er ein so großes Herz oder ist er der abgebrühteste Profi, der zu wissen meint, wie man dieses Spiel gewinnt?

          „Aber du machst doch nur Reality?!“

          In jedem Fall bescherte er der Sendung damit am Mittwoch einen traurigen Moment der Wahrheit, als er Larissa, der mehrfachen Casting- und jetzigen Dschungel-Show-Teilnehmerin, den Satz entlockte: „Ich schau’ mir Reality und dieses Ganze nicht an.“ - „Aber du machst doch nur Reality?!“ - „Ja, leider. Leider. Deshalb will ich nach Hollywood, irgendmal.“ - „Aber in Hollywood werden’s dich nicht nehmen, wenn sich das hier rumspricht.“

          Musste Larissa in den Dschungel gehen, um zu erfahren, dass es ein Irrweg für sie ist, in den Dschungel zu gehen? Man könnte länger über das Paradoxe an dieser Szene philosophieren. Und über die perfide Logik staunen, mit der die Show nicht nur aus der Verzweiflung vieler Mitwirkender Unterhaltung macht, sondern sogar auch noch daraus, dass sie genau diese Logik selbst zum Thema macht.

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