https://www.faz.net/-gsb-7llp0

TV-Kritik „Dschungelcamp“ : Die Reality-Kandidatin, die keine Reality-Shows mag

  • -Aktualisiert am

Wenn eine große Zeitung hyperventiliert

Zu der professionellen Routine, die die Macher von „Ich bin ein Star“ in den Jahren entwickelt haben, gehört, sich nicht nur über die Kandidaten lustig zu machen, sondern auch über die Reaktionen auf die eigene Show. Und so erzählten die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich am Mittwoch eine „realistische Kurzversion“ dessen, was sich eine große deutsche Boulevardzeitung in einem zweiseitigen Minutenprotokoll zusammenhyperventiliert hatte:

„19 Uhr 17. Wendler will zurück ins Camp.

19 Uhr 17 und 5 Sekunden. RTL sagt: ’Nein’.

19 Uhr 17 und 10 Sekunden: Die Produktionsfirma sagt: ’Auf keinen Fall!’

19 Uhr 17 und 15 Sekunden. Der britische Lizenzgeber sagt ’Never!’

19 Uhr 18: Die „Bild“-Zeitung meldet: ’Hurra! Es laufen Verhandlungen!’“

Die Dschungelshow besorgt ihre eigene Medienkritikkritik gleich mit.

Es hat sich in den ersten sechs Tagen, anders als man beim Betrachten der Schlagzeilen annehmen könnte, bislang kein irgendwie gearteter Skandal in der Show ereignet - wenn man ihre schiere Existenz und ihren Erfolg nicht als solchen betrachten will. Es gibt nur mehrere Kandidaten, die die Erwartungen der Produktion und des Publikums an sie in erstaunlicher Weise übererfüllen.

Großes Herz – oder nur ein abgebrühter Profi?

Allen voran Larissa, eine atemberaubend anstrengende Gewinnerin von „Austria’s Next Topmodel“. Die Art, wie sie an sich und der Situation scheitert, ist auch nicht neu, wirkt aber noch extremer als bei ihren Vorgängerinnen und Vorgängern. (Reflektiert und selbstreferentiell, wie „Ich bin ein Star“ ist, erinnerte die Sendung gleich daran, welche Kandidaten in früheren Staffeln ähnliche Rollen übernommen hatten wie das Personal dieses Jahrgangs.)

Nachdem Larissa die ersten Folgen fast vollständig dominiert hat, sucht die Produktion nun spürbar nach Handlungssträngen ohne sie. Und erlaubt uns gelegentlich, hinter der Karikatur einer völlig auf sich selbst fixierten Persönlichkeit auch einen zerbrechlichen, überforderten Menschen zu sehen, der an der selbstgemachten Einsamkeit leidet.

Diese Veränderung in der Dramaturgie muss natürlich nicht Ausdruck von Menschenfreundlichkeit sein. Man kann sie auch kalkuliert finden, so wie die Anteilnahme ihres Mitkandidaten Jochen Bendel, der sie so demonstrativ in den Arm nimmt, dass man als Zuschauer nicht weiß: Hat er ein so großes Herz oder ist er der abgebrühteste Profi, der zu wissen meint, wie man dieses Spiel gewinnt?

„Aber du machst doch nur Reality?!“

In jedem Fall bescherte er der Sendung damit am Mittwoch einen traurigen Moment der Wahrheit, als er Larissa, der mehrfachen Casting- und jetzigen Dschungel-Show-Teilnehmerin, den Satz entlockte: „Ich schau’ mir Reality und dieses Ganze nicht an.“ - „Aber du machst doch nur Reality?!“ - „Ja, leider. Leider. Deshalb will ich nach Hollywood, irgendmal.“ - „Aber in Hollywood werden’s dich nicht nehmen, wenn sich das hier rumspricht.“

Musste Larissa in den Dschungel gehen, um zu erfahren, dass es ein Irrweg für sie ist, in den Dschungel zu gehen? Man könnte länger über das Paradoxe an dieser Szene philosophieren. Und über die perfide Logik staunen, mit der die Show nicht nur aus der Verzweiflung vieler Mitwirkender Unterhaltung macht, sondern sogar auch noch daraus, dass sie genau diese Logik selbst zum Thema macht.

Weitere Themen

Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

„Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

Topmeldungen

In eine neue Zukunft? Das neue SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

Neue SPD-Spitze : Zwei Neulinge, viele Helfer

Die SPD hat eine koalitionskritische Hinterbänklerin und einen Polit-Pensionär an die Spitze gewählt. Aber der Rest der Führung besteht aus Parteiprofis, die überwiegend regieren wollen. Wer sind sie? Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.