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TV-Kritik: Dieter Nuhr : Fehlt da nicht was?

  • -Aktualisiert am

Dieter Nuhr Bild: rbb/Thomas Ernst

In Dieter Nuhrs Jahresrückblick tauchte der Anschlag in Berlin nicht auf. Er ereignete sich, als die Sendung aufgezeichnet wurde. Das hat ihr keineswegs geschadet.

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          Das Jahr sei von „rechtsradikalen Irren und Islamisten“ bestimmt worden, so begann Dieter Nuhr seinen satirischen Jahresrückblick. Als er das bei der Aufzeichnung der Sendung am vergangenen Montag im Berliner Friedrichstadt-Palast sagte, fuhr fast zur gleichen Zeit ein LKW ungebremst auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Als tatverdächtig gilt ein junger Tunesier. So fehlte dieser Anschlag in Nuhrs Jahresrückblick, obwohl er in der Rückschau einmal als das wichtigste innenpolitische Ereignis dieses Jahres gelten wird. Die satirische Zuspitzung ermöglicht das Lachen über die gegenwärtigen Verhältnisse, womit sie aber gleichzeitig erst erträglich werden. Am Montagabend war aber allen das Lachen vergangen.

          Zwänge polizeilicher Ermittlungsarbeit

          So fand Nuhrs These von den „rechtsradikalen Irren und Islamisten“ eine zynische Bestätigung, auf die er aber sicherlich gerne verzichtet hätte. Wobei mit einem gewissen Abstand die Vorgeschichte des tatverdächtigen Anis Amri das Potential für eine kabarettistische Würdigung hätte. Als in Italien verurteilter Brandstifter in Deutschland eingereist, erweist er sich laut Aussage des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger als „hochmobil“. Allerdings nicht nur in seinem Bewegungsdrang, sondern vor allem in seiner Fähigkeit, die deutschen Behörden zum Narren zu halten.

          Diese wussten zwar von der Gefährlichkeit des sogenannten Gefährders, sahen sich aber außerstande, dagegen etwas zu unternehmen. Wenigstens bis sie das Portemonnaie des Gefährders im LKW vom Breitscheidplatz fanden. Das aber auch erst Stunden später, wie die Berliner Polizei versichert. Ansonsten könnte die frühzeitige Mitteilung eines Lutz Bachmann zum Problem werden. Der Pegida-Frontmann hatte nämlich schon kurz nach dem Anschlag via Twitter auf einen Tunesier als Täter hingewiesen – und sich auf Informanten bei der Polizei berufen. Die Berliner Polizei muss somit auf ihrem Nicht-Wissen bestehen, weil sich ansonsten jeder fragt, wer Bachmann informiert haben könnte. Wobei unsereins ein im Auto verlorenes Portemonnaie sicherlich schneller findet als die Berliner Polizei das eines Tatverdächtigen. Nur haben wir den Vorteil, die Regeln kriminaltechnischer Untersuchungen nicht befolgen zu müssen. Diese erlauben das Auffinden relevanter Hinterlassenschaften anscheinend nur mit stundenlanger Verspätung.

          Solche Zwänge polizeilicher Ermittlungsarbeit überfordern sogar die Phantasie von Kabarettisten. Aber die Wirklichkeit bietet halt noch immer die besten Storys. Davon hatte das ablaufende Jahr auch so genug zu bieten. Nuhr machte es sich mit seinem Rückblick keineswegs leicht. Es ist nicht jenes Kabarett, das umstandslos gängige Klischees bedient.

          So ist es geradezu subversiv, wenn er nicht auf die jedem bekannten Defizite der EU herumreitet. Nuhr ist vielmehr begeisterter Europäer, weil er „so ungern an Kriegen teilnimmt.“ Es herrsche seit einundsiebzig Jahren Frieden in Europa und das habe es noch nie gegeben. Ob jemand laut sagen könnte, dass „das der Sinn der der europäischen Gemeinschaft ist“, so Nuhr. Eine solche Aussage wäre früher eines Kabarettisten unwürdig gewesen, weil sie jeder für selbstverständlich gehalten hätte. Wo blieb das kritische Moment? Unter heutigen Bedingungen ist das anders. Es dominiert mittlerweile eine tief sitzende Europamüdigkeit, da die etablierte Politik solche Selbstverständlichkeiten nur noch ohne Überzeugungskraft formuliert. Bei Nuhr hört sich seltsamerweise kraftvoll an, was ansonsten längst kraftlos wirkt.

          Eine Welt, die nicht schlecht sein kann

          So gab Nuhr einen Rückblick, der nicht jedem gefallen haben wird. Etwa jenem Lutz Bachmann, der für die Verwirrung bei der Berliner Polizei sorgte. Er behauptet ja immer noch jeden Montag in Dresden, das Volk zu repräsentieren. Ihm fehlten allerdings die mathematischen Grundkenntnisse. Zweitausend in Dresden seien nicht das Volk, machte Nuhr deutlich. Auch die Beschwerden der AfD über die Machenschaften der Medien sind aus seiner Perspektive wenig überzeugend. Die AfD-Protagonisten säßen jede Woche in einer Talkshow, um zu sagen, dass sie nicht ihre Meinung sagen dürfen. Nuhr bewies damit wieder einmal ein gutes Gespür für die Funktionsweise eines Mediensystems, das sich vor allem durch Skandalisierung auszeichnet. Es wird vor allem wahrgenommen, was möglichst viel Krawall verspricht. Von dieser Logik profitieren nicht nur die Rechten, sondern in gleicher Weise die Islamisten. Letztere sind für Nuhr auch nichts anderes als ein Anschlag auf den gesunden Menschenverstand. So betrachtet er die Burka und den Niqab vor allem als eins: als absurde Form der Selbstdarstellung. Sein Vorschlag wäre eine Burka für Männer auf dem Oktoberfest, versehen mit dem schönen Slogan: „Bier formte diesen schönen Sack.“

          Für Nuhr bilden die Medien die Realität nicht mehr ab, sondern sie liefern davon lediglich ein Zerrbild. Etwa, wenn eine Talkshow wie die von Anne Will eine Frau mit Niqab einlädt. Was sollen davon eigentlich, so Nuhr, die gut integrierten und toleranten Muslime halten? Sie finden dort nicht statt, allerdings nur aus einem Grund: weil sie keinen Ärger machen. Für Nuhr sind die Medien zu einem Kuriositätenkabinett geworden, wo alle möglichen Deppen ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit erzielen. Auf der Strecke bleibt jene gesellschaftliche Mitte, die dem nur noch fassungslos und staunend, aber schweigend gegenübersteht. Ihr gibt Nuhr eine Stimme. „Eine Welt, in der Menschen für sowas Zeit haben, kann nicht schlecht sein.“ Mit „Sowas“ meinte Nuhr die Pokemon-Go-Hysterie des vergangenen Sommers.

          Jahresrückblick als Korrektiv

          Im klassischen Kabarett ist die Welt schlecht und voller Skandale. Für Nuhr ist sie besser als ihr Ruf, allerdings sagt das im Gegensatz zu früher kaum noch einer. Tatsächlich kann man heute niemandem mehr den Vorwurf machen, eine heile Welt zu propagieren, um die Kritik daran zu verschweigen. Insofern ist Nuhrs Jahresrückblick als Korrektiv zu betrachten, wenn er die Absurditäten des vergangenen Jahres in den Blick nimmt. Die Sendung war fast zeitgleich mit dem Anschlag aufgenommen worden. Nuhr machte daher gestern Abend noch eine Vorbemerkung. Das Jahr habe mit Köln schlecht begonnen und mit dem Anschlag noch schlechter geendet.

          So wäre er gerne auf die parteipolitische Instrumentalisierung eingegangen, die schon kurz nach dem Anschlag begann. Er nannte sie „ekelhaft“, ohne das aber zu konkretisieren. Aber der Jahresrückblick sei trotzdem lustig geworden. Eines könne man uns schließlich nicht nehmen: die Lebensfreude

          Ob das Nuhr auch unter dem unmittelbaren Eindruck eines solchen Anschlages hätte vermitteln können, ist zu bezweifeln. Nuhr beschrieb nämlich die Distanzlosigkeit als eines der Probleme unserer heutigen Medienlandschaft. Der kann man schließlich auch selbst zum Opfer fallen. So konnte Nuhrs Jahresrückblick zum Glück unterhaltsamer und nachdenklicher werden als es die Umstände eigentlich erlaubten. Ansonsten kann man nur hoffen, dass die Behörden im Fall des Anis Amri weniger Material für die satirische Zuspitzung liefern als es augenblicklich den Anschein hat. Wir werden es von Dieter Nuhr hoffentlich nicht erst im Jahresrückblick 2017 erfahren.

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