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TV-Kritik „Der Fall Bruckner“ : Nie darfst du zögern

Katharina Bruckner (Corinna Harfouch) fängt Joe (Elon Baer) vor seiner Schule ab Bild: BR/Conny Klein

Weder zu früh eingreifen, noch zu spät: Sozialarbeiterin Bruckner muss täglich aufs Neue entscheiden, ob einem Kind Gefahr droht. Corinna Harfouch brilliert in dem Spielfilm „Der Fall Bruckner“.

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          Sind wir zu weit gegangen?“, fragt die junge Kollegin, die zusammen mit Katharina Bruckner die Situation im Hause Bremer gerade akut als „Kinderschutzfall“ eingeordnet hat, weshalb die beiden Sozialarbeiterinnen die Wohnung der alleinerziehenden Mutter aufgebrochen und den siebenjährigen Joe (Elon Baer), der sich in der leeren Wohnung im Schrank versteckt hatte, in Obhut genommen haben. „Sind wir zu weit gegangen?“, insistiert also Marlene Schramm (Meike Droste), woraufhin die ältere, erfahrenere Kollegin Bruckner bloß antwortet: „Manchmal darf man nicht zögern. Sonst sind wir im falschen Beruf.“

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Dann aber sieht es lange Zeit doch ganz so aus, als habe diese Katharina Bruckner mit dem ausgeprägten Instinkt für ungute Situationen dieses Mal falschgelegen. Ja, schlimmer noch, man wirft ihr vor, ihr überstürztes Handeln habe ihr Urteilsvermögen außer Kraft gesetzt, weshalb die junge Kollegin sich distanziert und Katharina Bruckner der Fall entzogen wird. Ob Joe von seine Mutter, einer erfolgreichen Architektin, tatsächlich misshandelt wurde oder nicht, ist zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. Wer weiß schon, wie die Wahrheit aussieht, wenn es nur Indizien gibt, ein schweigendes Umfeld, eine Frau, die sich jeder Hilfe entzieht, und ein Kind, das in Rätseln spricht?

          Was die Drehbuchautoren Hans-Ullrich Krause und Cooky Ziesche in diesem Fernsehspiel alter Schule erzählen, ist harter Stoff - und Teil unserer Realität. Denn Krause leitet in Berlin ein Kinderhaus und weiß, wovon er spricht. Für das Drehbuch habe er sich, sagt er, an authentischen Fällen aus seinem Alltag als Sozialpädagoge orientiert und zusammen mit Cooky Ziesche den Stoff für Corinna Harfouch in der Rolle der Jugendamtsmitarbeiterin Katharina Bruckner entwickelt. Die Schauspielerin mit dem Silberblick und dem hinreißend spröden Charme hat in der Regie von Urs Egger daraus eine Paraderolle geschaffen.

          Moderne Mary Poppins

          Denn diese Katharina Bruckner, die in ihrem immer gleichen Wollmantel durch ein kaltes, tristes München stapft, ist so gar keine „Supernanni“, die mit patenten Ratschlägen um sich wirft. Sie ist auch nicht schlagfertig, wenn sie etwa von Kollegen angegriffen wird, das kann sie gar nicht, denn Einfühlung in ihre Klienten, die Kinder, ist ihre größte Stärke. Lakonisch kann man darüber werden, aber keinesfalls ausgebufft oder gar zynisch. So ist diese Katharina Bruckner auf eine zurückhaltende Art fordernd und eigenwillig. Sie macht keinen Wirbel um sich, aber wenn ihr der Kollege (Maximilian von Pufendorf) blöd kommt, dann kann sie ihn auch stehen lassen. Immer aber ist sie ihren Themen und den Kindern ihrer Chaosfamilien zugewandt.

          Katharina Bruckner (Corinna Harfouch, l.) und Joe Bremer (Elon Baer, r.) im Kinderheim beim gemeinsamen Essen
          Katharina Bruckner (Corinna Harfouch, l.) und Joe Bremer (Elon Baer, r.) im Kinderheim beim gemeinsamen Essen : Bild: BR/Conny Klein

          Dass die Sozialarbeiterin vor Jahren selbst ein schweres Schicksal erlitten hat, als ihr kleiner Sohn starb, was im Laufe der Geschichte noch eine Rolle spielen wird, ist fast schon zu viel Melodramatik in diesem stillen Stück Fernsehen. Und so traurig wie absehbar ist, dass es sich im Fall des kleinen Joe tatsächlich um einen Missbrauchsfall handelt. Daraus entfaltet sich eine gewisse Dramatik, und Christiane Paul in der Rolle der überforderten Mutter Jacqueline Bremer vergießt arg viele Tränen.

          In Erinnerung aber bleibt das eindringliche Porträt einer Frau, die täglich aufs Neue und oftmals ganz allein entscheiden muss, ob einem Kind, das sich selbst nicht äußern kann, Gefahr droht oder nicht. Der Jugendamtsleiter flüchtet sich in Defätismus, nach dem Motto: Wir können es der Öffentlichkeit sowieso nicht recht machen, entweder wirft man uns vor, dass wir zu früh kommen oder zu spät. Katharina Bruckner hat noch nicht aufgegeben. Und so wünscht man sich insgeheim, dass die Drehbuchautoren auch diese moderne Mary Poppins nach einem realen Vorbild geschaffen haben.

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