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TV-Kritik: „Clara Immerwahr“ : Das Giftgas war ihr Tod

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Trifft auf Ablehnung, wird hintergangen und enttäuscht: Clara Immerwahr (Katharina Schüttler). Bild: SWR/Petro Demenigg

Die ARD inszeniert das Leben der Clara Immerwahr als eindringliches Emmanzipations- und Wissenschaftsdrama. Ein filmisches Denkmal für die in Vergessenheit geratene Pazifistin und Chemikerin.

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          „Letzte Nacht“, Szenenanweisung: Schlachtfeld. Trichter. Rauchwolken. Sternlose Nacht. Der Horizont ist eine Flammenwand. Leichen. Sterbende. Männer und Frauen mit Schutzmasken tauchen auf. Ein sterbender Soldat, schreiend: „Hauptmann, hol her das Standgericht! / Ich sterb’ für keinen Kaiser nicht! / Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht! / Bin tot ich, salutier’ ich nicht!“ Weibliche und männliche Schutzmasken reimen ein Couplet, in dem von der „Sache“ und der „Pflicht“ die Rede ist, und von den giftigen Dämpfen, die die absonderliche Redoute, dieses Fest, begleiten. Sie entschwinden Arm in Arm zu ihrem grotesken Totentanz.

          Den Epilog zu seiner Weltkriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ schrieb Karl Kraus im Juli 1917. Wenige haben die Bedeutung des Ersten Weltkriegs als Apokalypse der Menschlichkeit so erkannt wie der Wiener Publizist der „Fackel“. Zu diesen wenigen gehört Clara Immerwahr, die weitgehend vergessene Chemikerin und Pazifistin, deren Pamphlete niemand zu drucken wagte. Zwei Jahre bevor Kraus die „Letzte Nacht“ schrieb, kurz nach dem ersten großen Giftgasangriff der Deutschen an der Westfront bei Ypern 1915, setzte Immerwahr ihrem Leben ein Ende. Der Spielfilm „Clara Immerwahr“ entwirft ihr nun ein eindrucksvoll inszeniertes und fotografiertes Denkmal (Regie: Harald Sicheritz, Kamera: Helmut Pirnat).

          Schüttler spielt facettenreich

          Ob Clara Immerwahr in früheren Jahren die „Fackel“ gelesen hatte? Aufgewachsen in Breslau, in einem freigeistigen jüdischen Haushalt, experimentiert die junge Frau im eigenen Labor, das ihr der Vater (August Zirner) eingerichtet hat. Sie denkt, fühlt und atmet Chemie. Dünger für die Landwirtschaft künstlich herstellen, um das Problem des Hungers in der Welt zu lösen, ist ihr Ziel. Neben der praktischen Anwendung zum Wohl der Allgemeinheit ist Chemie für Immerwahr wie Kunst und Schöpfung zugleich, fast eine creatio ex nihilo; sind die Formeln schön wie Gedichte und ihre Hervorbringungen ästhetische Artefakte. Einstweilen aber darf die junge Frau nicht einmal Abitur machen, geschweige denn studieren. Man schreibt das Jahr 1887. Bald aber findet sie Unterstützer, promoviert bei Professor Abegg (Lucas Gregorowicz). Andere Kapazitäten wie Rektor Engler (Peter Simonischek) stehen der studierten Frau ablehnend gegenüber.

          Katharina Schüttler spielt Clara Immerwahr, und sie altert in ihrer Rolle über drei Jahrzehnte des Kampfes um Emanzipation und Anerkennung hinweg, wird von ihrem Mann erst als gleichwertige Partnerin anerkannt, später als Hausfrau, Mutter und Karrierehindernis ins Milieu des Heimischen verwiesen und von ihm für seine eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich gemacht. Schüttler spielt die Begabte facettenreich, mit jugendlichem Überschwang, zwischenzeitlichem Rebellentum, später die Enttäuschte und Hintergangene mit auch körpersprachlich steifer Resignation, schwankend zwischen kompromissloser Hingabe an ihre Berufung und dem Wunsch, eine „gute Ehefrau“ zu sein und ihrem weniger brillanten Mann den Rücken zu stärken. Auf dieser Ebene ist „Clara Immerwahr“ ein gelungenes historisches Emanzipationsdrama.

          Immerwahrs Anteil an der Giftgas-Entwicklung

          Daneben aber geht es um die Verführung und Korrumpierbarkeit derjenigen unter den fortschrittsgläubigen Wissenschaftlern, deren Forschungen schon vor dem Weltkrieg als kriegswichtig eingestuft wurden (Buch: Susanne Freund und Burt Weinshanker). Denn Clara Immerwahrs Leben bestimmten zwei Romanzen. Einer, der Liebe zur Chemie, blieb die öffentliche Anerkennung versagt. Die andere aber, die Liebe zu dem Chemiker Fritz Haber, führte zur Katastrophe und in gewissem Sinn direkt auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.

          Sie darf kein Abitur machen, geschweige denn studieren. Immerwahr aber lässt sich nicht alles gefallen.

          Der Film entwickelt diese Beziehungen überaus anschaulich. Immerwahr und Haber verlieben sich ineinander, während sie gemeinsam spielerisch ein „Gewitter im Glas“ machen, forschen erst zusammen zur Entwicklung des Kunstdüngers. Bis heute wird das dazu benötigte Ammoniak nach ihrer Methode hergestellt. Haber erhält dafür 1918 den Nobelpreis für Chemie. Der Anteil Clara Immerwahrs aber wird unterschlagen. Haber, von den Kriegstreibern und der chemischen Industrie umschmeichelt und gefördert, entwickelt auch jenes Giftgas, das im Ersten Weltkrieg 100 000 Menschen tötet und eine Million zu Dauergeschädigten macht. Maximilian Brückner zeigt Haber als verführten unsicheren Menschen. Als nichtreligiöser Jude mit unbändigem Assimilierungswunsch gleichwohl benachteiligt, gibt ihm die Chemie die Möglichkeit zu glänzen.

          In ihrem Abschiedsbrief schreibt Clara Immerwahr zur Begründung ihres Freitods, dass sie und ihren Mann nicht mehr dieselbe Idee von Wissenschaft verbinde. Sie aber hat mit den Forschungen, mit denen sie Haber unterstützte, wenn auch unwissentlich, zur Entwicklung des Giftgases beigetragen.

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