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TV-Kritik: Blatters Rücktritt : Die verlorene Unschuld des Kommerz-Konzerns Fußball

  • -Aktualisiert am

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles: Blatter und der Fifa-WM-Pokal Bild: AFP

Der Rückzug des Fifa-Präsidenten wurde allgemein begrüßt. Nur sollte man seine Rücktrittserklärung genau lesen. Blatter erweist sich als Taktiker, auf den sogar Napoleon neidisch wäre.

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          „Alle Welt reibt sich verblüfft die Augen“, so begann Marietta Slomka im Heute-Journal, und der Zuschauer reibt sie sich bestimmt noch heute Morgen. Schließlich hatte niemand mit dieser Rücktrittsankündigung des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gerechnet. Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung, und der Augenblick der Verblüffung war schon immer ein probates Mittel, um das Glück auf dem Schlachtfeld noch zu eigenen Gunsten zu ändern.

          Man rätselte allenthalben über die Motive des Schweizer Funktionärs. Ob im Brennpunkt der ARD, den Tagesthemen oder eben im Heute-Journal. „Nicht die Fußball-Welt ist ihm gefährlich geworden“, so Frau Slomka, „sondern das FBI.“ Auch nicht das ZDF, so wäre hinzuzufügen, schließlich ist es ein Teil dieser Fußball-Welt. 

          Meister der Vorwärtsverteidigung

          Aber Blatter ist ein Meister der Vorwärtsverteidigung und seine Rücktrittserklärung ein beeindruckendes Dokument politischer Rhetorik. Tatsächlich ist er gar nicht zurückgetreten, sondern hat lediglich die Neuwahl seines Nachfolgers angekündigt. Es ist eine Befreiung von den Zwängen der Fifa, so sieht er das nicht ohne Chuzpe. “Da ich kein Kandidat sein werde und daher nun frei von den Einschränkungen bin, die Wahlen unweigerlich mit sich bringen“, so formuliert es Blatter, „wird es mir möglich sein, mich darauf zu konzentrieren, weitreichende, grundlegende Reformen voranzutreiben, die unsere bisherigen Bemühungen übersteigen.“ Er nennt dann einige Punkte, wie die Verkleinerung des Exekutivausschusses, die Einführung von Amtszeitbegrenzungen oder die „Integritätskontrolle“ der Mitgliedsverbände durch die Züricher Zentrale.

          Blatters Taktik würde sogar Napoleon beeindrucken, wenn der sie noch kennenlernen könnte. Der große Korse verstand sich bekanntlich darauf, genau das zu machen, womit seine Gegner nie gerechnet hatten. Blatter habe „wie jedermann weiß“ schon früher „für diese Veränderungen gekämpft“, nur wurden seine Bemühungen leider blockiert. „Dieses Mal jedoch werde ich Erfolg haben“.

          „Reformer“ und „Blockierer“

          Blatter bestimmt damit weiterhin die Agenda in der Fifa. Er will die Kontrolle, die durch die Verhaftungen am Freitag verloren gegangen war. Mit seinen Ankündigungen setzt er alle Akteure in der Fifa unter Zugzwang. Im Grunde können sie diesen Vorschlägen nur noch zustimmen, wenn sie nicht zu den „Blockierern“ gehören wollen, die Blatter erwähnte. Er hat damit ein Werkzeug gefunden, um die bisherige Diskussion umzudrehen. Mit diesem Schachzug ist nicht mehr der Präsident verantwortlich für den organisationspolitischen Stillstand, sondern seine Kritiker. Es ist durchaus fraglich, ob diese über die von Blatter erwähnten „tief verwurzelten strukturellen Veränderungen“ begeistert sein werden.

          Wollen sich die Europäer wirklich von der Zentrale in Zürich kontrollieren lassen? Und wenn die Mitglieder des verkleinerten Exekutivkomitees in Zukunft vom Fifa-Kongress gewählt werden sollen, ist das eine Entmachtung der Kontinentalverbände wie der Uefa. Man wird sehen, wann sich die Verblüffung der Europäer über diese Erklärung Blatters legen wird. Oder will DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in Zukunft wirklich Wahlkampf unter den 209 Mitgliedern des Fifa-Kongresses machen? Über die bisherigen Wahlkämpfe könnte ihm Blatter kenntnisreich Auskunft geben.

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