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TV-Kritik: Beckmann : Wühlen in den Abfällen der Überflussgesellschaft

  • -Aktualisiert am

Reinhold Beckmann diskutierte am Donnerstag mit seinen Gästen über den Ausbruch aus der Konsumgesellschaft Bild: dpa

Ein Schweigegelübde als Antwort auf den lärmenden Kapitalismus? Bei Reinhold Beckmann ging es um künstlich erzeugte Bedürfnisse und die Flucht in die Weltabgewandtheit. Eine Sendung, die zumindest indirekt etwas mit den aktuellen Krisenherden zu tun hat.

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          Ihr leichtes Leben erschien ihr wie ein leeres Leben. So beschrieb die Niederländerin Mieke Pot ihre Motivation, in ein Schweigekloster des Kartäuser-Ordens einzutreten. Es war der wichtigste Satz in der Sendung von Reinhold Beckmann. Er beschäftigte sich auch gestern Abend nicht mit den Themen, die die Tagesaktualität bestimmen. Dem „Islamischen Staat“ in Syrien und dem Irak, der Lage in der Ukraine oder der Ausweglosigkeit, die in Gaza und Israel zu finden ist. Es ging vielmehr um jene Frage, die nur in westlichen Konsumgesellschaften gestellt werden kann: „Verzicht auf Konsum - ist weniger wirklich mehr?“. Frau Pot beschrieb das Leben in jenem französischen Schweigekloster anschaulich. Es herrschte Stille, außer am Sonntag, wo ihr aber das Reden mit den anderen Ordensschwestern schwer gefallen sei.

          Es war diese Form der Weltabgewandtheit, die so beeindruckend wie für den Außenstehenden unverständlich blieb. Das einzige Ereignis, das Frau Pot in ihrem 12-jährigen Aufenthalt im Kloster mitbekommen habe, wäre die Wende von 1989 gewesen. Ob die Themenwahl Beckmanns diese Weltabgewandtheit zum Ausdruck bringt? Oder verschont er uns nur von dem Propagandagetöse, das den Schlachtenlärm schon längst übertönt hat? Immerhin ermöglichte er es dem Zuschauer, einen Moment lang innezuhalten, um sich mit dem eigenen Lebensentwurf zu beschäftigen.

          „Bedürfnisweckungsindustrie“

          Dabei gibt es sogar einen Anknüpfungspunkt zur Weltpolitik. Etwa beim religiös motivierten Fanatismus islamistischer Gotteskrieger aus dem Westen mit den damaligen Motiven von Frau Pot, in das Kloster zu gehen: Jene innere Leere zu überwinden, die ein Leben in einer entwickelten Konsumgesellschaft hinterlassen kann. Der Kapitalismus kann zwar Bedürfnisse befriedigen, aber keine Sinnfragen beantworten. Nur muss man diese erst einmal stellen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Die Gäste in der Sendung kamen dann auch aus völlig unterschiedlichen Gründen dazu, diesen Lebensentwurf des Menschen als Konsumenten in Frage zu ziehen.

          Der Journalist Jörg Schindler über die Frage nach den Funktionsbedingungen einer Gesellschaft, wo eine „Bedürfnisweckungsindustrie“ diese zwar befriedige, sie aber ohne diese Industrie gar nicht existierten. Bei seiner Kollegin Greta Taubert war es die durch die Finanzkrise nach 2008 ausgelöste Angst vor dem Systemzusammenbruch. Was passiert eigentlich mit mir, so ihre Überlegung, wenn ich existentiell nur noch auf mich angewiesen wäre? Für die Moderatorin Susann Atwell war der Konsumverzicht die Folge einer Privatinsolvenz und somit der Zwang, Gewohnheiten ablegen zu müssen, die für sie bis dahin selbstverständlich gewesen sind. Schließlich der Berliner Volkswirt Gerrit von Jorck, der nach dem Studium eine einfache Überlegung anstellte: Warum sollte er etwas an seinem bisherigen Leben ändern, also Karriere machen, wenn er keine Veranlassung sah, etwas ändern zu müssen? Sie alle machten so die Erfahrung, dass sie die meisten Dinge, die diese Wirtschaft unablässig produziert, in Wirklichkeit gar nicht brauchen.

          Ekel vor dem Materialismus der Eltern

          Nun ist diese Erfahrung keineswegs neu. Schon die bürgerliche Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts teilte den Ekel vor dem Materialismus ihrer Eltern, genauso wie manche Strömungen in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Diese Suche nach dem wahren Leben prägte zuletzt die Ökologie- und Jugendbewegung der 1970er Jahre, die aber am Ende die Konsumkritik in die Kritik am falschen Konsum transformierte. Mit zunehmenden Einkommen wurde der Manufactum-Katalog zum Symbol für diese Generation. Einige ihrer Kinder versuchen jetzt wieder den Ausbruch aus dieser Wirtschaftsform, deren Vorzüge die Eltern mittlerweile schätzen gelernt haben. Allerdings unter anderen Voraussetzungen als damals. Zwar macht die Konsumgesellschaft vor nichts mehr halt, noch nicht einmal davor, sich selbst nur noch als Vermarktungsangebot zu betrachten, aber gleichzeitig empfinden vor allem viele Jüngere die eigene materielle Ausstattung als prekär. Die Trauben aus der Glitzer- und Warenwelt, so deren Eindruck, hingen noch nie so hoch wie heute. Sie dann, wie in der Runde, als überflüssig zu betrachten, wird für viele Leute schwer nachvollziehbar sein.

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