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TV-Kritik: Beckmann : Sklaverei als Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

Reinhold Beckmann Bild: dpa

„Beckmann“ begann erst kurz vor Mitternacht. Leider. Denn die Zuschauer konnten in der Sendung unbequeme Wahrheiten über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse erfahren. 

          5 Min.

          Es geht um einen Markt mit einem Umsatzvolumen von 30 Milliarden Dollar im Jahr. Man kann sich vorstellen, wie verbissen der Kampf um Marktanteile geführt werden muss. Der Kuchen ist groß genug, damit sich der Einsatz lohnt, aber auch nicht so groß, wie er scheint. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt beträgt etwa 75.000 Mrd. Dollar. 30 Milliarden Dollar erwirtschaftet zum Beispiel eine Volkswirtschaft von der Größe Lettlands. Was sagen also „30 Mrd. Dollar“ aus? Ist das viel oder ist es wenig? Tatsächlich ist jeder Dollar zu viel, weil es hier nicht um Konsumgüter geht, sondern um die Ware Mensch.

          Ohne die üblichen Klischees

          „Sklavenmarkt Europa – wenn der Mensch zur Ware wird“, so lautete das Thema bei Beckmann. Den Anlass zur Sendung lieferte das neue Buch des Publizisten Michael Jürgs, das im kommenden Monat erscheint. Es entwickelte sich eine interessante Diskussion, die gerade nicht nur die üblichen Klischees und die moralische Empörung bediente, sondern vielmehr deutlich machte, warum der Begriff „Grauzone“ hier gut gewählt ist.

          Zwar gab es Einigkeit über die Definition des modernen Sklaven. Die Sozialpädagogin und Menschenrechtlerin Nivedita Prasad formulierte die so: Von Sklaverei könne man reden, wenn „jemand die komplette Verfügungsgewalt über eine andere Person“ habe. Aber unterhalb dieser Ebene blieb die Abgrenzung zwischen noch legaler Ausbeutung und illegaler Sklaverei umstritten, vor allem zwischen Frau Prasad und Jürgs. Im Kern ging es um die rechtliche Bewertung dieser Sklavenmärkte. Was ist das bessere Instrument zu deren Eindämmung – und was hilft den Opfern? Kriminalisierung oder Legalisierung?

          Dabei muss man sich die Marktsegmente entsprechend ansehen. Die bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für das Thema Zwangsarbeit zuständige Referentin, Beate Andrees, sprach von 880.000 Menschen, die in der EU als solche Sklaven gehalten werden. Weltweit seien es 21 Millionen Opfer. In Europa ist der größte Markt die Prostitution, daneben jene illegalen Arbeitsmarktverhältnisse, wie sie etwa auf dem berüchtigten Arbeiterstrich zu finden sind. Oder ganz legal in den deregulierten Arbeitsmärkten, den in Deutschland etwa die Schlachthofbranche nutzt. In Qatar werden damit sogar die Voraussetzungen für eine Fußball-Weltmeisterschaft geschaffen. Jürgs erwähnte noch den Organhandel oder jene Fälle von Haushaltshilfen, wo Diplomaten oder andere „reiche Leute“ (Jürgs)  ihre Haushaltshilfen wie Sklaven halten.

          Prostitution als sexuelle Dienstleistung

          Der Mechanismus der Sklavenhalter ist immer der Gleiche. Sie beuten Notlagen aus, zerstören soziale Bindungen und schaffen so Abhängigkeiten, denen sich die Opfer nicht entziehen können. Die Sklaven leben in einem rechtsfreien Raum, der ihnen die elementarsten Menschenrechte entzieht. Die Ausübung von Gewalt ist dabei nur ein Mittel – und keineswegs immer erforderlich. Man muss Menschen vor allem die Aussichtslosigkeit ihrer Lage deutlich machen, damit sie gefügig werden. Der Marktmechanismus ist dabei ein sehr gutes Disziplinierungsinstrument. Frau Andrees berichtete von Portugiesen, die sich als Brasilianer ausgeben, um sich als Nicht EU-Bürger günstiger auf dem Arbeitsmarkt anzubieten. Die Hoffnung auf eine winzige Verbesserung gegenüber dem bisherigen Leben liefert diese Menschen ihren späteren Ausbeutern aus. Diese brauchen dafür keine Peitsche zu schwingen. Es reicht schon der Entzug ihres Reisepasses. Ob nun in Qatar oder mitten in Europa.

          Das wurde besonders beim Thema Prostitution deutlich. Der frühere Ansatz, sie nur noch ökonomisch als sexuelle Dienstleistung zu betrachten und entsprechend zu legalisieren, gilt nicht nur in den Augen von Jürgs als gescheitert. Das Schicksal von Jana Koch-Krawczak ist repräsentativ für einen aus dem Ruder gelaufenen Marktmechanismus. Sie geriet im Alter von 15 Jahren in Polen in die Prostitution, mit Zwang und durch Ausnutzung einer Notlage. Frau Koch-Krawczak wurde zur Ware, die von Zuhältern weiter verkauft worden ist. Letztlich konnte sie nur durch Glück diesem Schicksal entgehen und den Weg in jenen Raum schaffen, den wir Rechtsstaat nennen. Sie benannte den Unterschied zwischen Legalität und Kriminalität. Aus den früheren Zuhältern seien heute Geschäftsleute geworden. Nur handeln sie deshalb moralischer als früher? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Schlachthofbetreibern, die Gesetzeslücken ausnutzen, und den Herren aus dem Gewerbe mit Namen „sexuelle Dienstleistungen“, die das Gleiche machen?

          Nutzenmaximierung

          Selbst ein Polizist, wie der Hamburger LKA-Beamte André Schulz, konnte diesen Unterschied nicht erklären. Sein Aufgabengebiet ist allerdings auch nicht das moralische Urteil, sondern die Bekämpfung krimineller Handlungen. Schulz machte aber deutlich, welche Schwierigkeiten die Legalisierung der Prostitution mit sich gebracht hatte. Nämlich zwischen legaler Ausbeutung und illegaler Versklavung kaum noch unterscheiden zu können. Frau Prasad machte das an einem brutalen Beispiel deutlich. Prostituierte aus Osteuropa hätten das so formuliert. Früher seien sie vom Vater, Bruder oder deren Freunden vergewaltigt worden. Heute bekämen sie dafür wenigstens Geld. Wohlgemerkt: Das ist ein Zitat. Solche Frauen handeln nicht anders als der Portugiese, der sich als Brasilianer ausgibt, „rational“ als Marktteilnehmerin. Beide versuchen, ihren Nutzen zu maximieren. Was ist der Unterschied? Es käme niemand auf die Idee, diese Frauen als Opfer ihrer Lebensumstände plötzlich als gleichberechtigte Marktteilnehmerin zu deklarieren. Der Zynismus dieser Logik wird hier deutlich – und das erzeugt die berechtigte moralische Empörung, von Alice Schwarzer bis Jürgs. Schulz sieht trotzdem in der Kriminalisierung der Prostitution nach schwedischen Vorbild keine Lösung, darin waren sich alle Gäste einig. Tatsächlich geht es in Schweden nicht um die Abschaffung der Prostitution, sondern um deren Unsichtbarkeit. Aus dem Auge, aus dem Sinn.

          Die Legalisierungspolitik als Marktillusion

          Nur ist es in gleicher Weise naiv, die Folgen der Legalisierung zu verharmlosen. Jürgs wies mit guten Gründen auf die Organisierte Kriminalität hin, die den neuen Rechtsrahmen nutzte, um ihren kriminellen Aktivitäten einen legalen Anstrich zu geben. Nicht nur Schulz machte deutlich, wie schwierig es ist, in der Prostitution zwischen „Freiwilligkeit“ und „Zwang“ zu unterscheiden. Frau Prasad versuchte das zwar, aber wie realistisch ist das in der polizeilichen Praxis? Ihre These, eine weitere Legalisierung, etwa durch eine völlige Gleichstellung mit den sonstigen Arbeitsmärkten, könnte das ändern, verkennt das Problem. „Die Prostitution funktioniert genauso“ wie diese Arbeitsmärkte, „nur grenzt man sie ab“, so formulierte das Frau Koch-Krawczak. Tatsächlich scheiterte die Legalisierungspolitik an der Marktillusion. Nicht die Prostituierten wurden dem klassischen Arbeitnehmer gleichgestellt, so das Ziel dieser Politik, sondern Arbeitnehmer den Prostituierten. Die Terminologie vom „Arbeiterstrich“ sagt eben mehr aus als wir denken.

          Natürlich kann man dagegen etwas tun. Man kann Frauen, die aus diesem Milieu aussteigen wollen, ein Aufenthaltsrecht garantieren oder die Kontrolldichte auf Arbeitsmärkten verstärken. Es ist auch sinnvoll, an die Kunden zu appellieren, ob sie nun sexuelle oder andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Jürgs sprach von jenen Flatrate-Bordellen, wo Freier für 10 € „eine Bockwurst, ein Bier und eine Frau bekämen.“ Fairness ist ein moralisches Argument. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, wo Märkte so organisiert werden? Und 15 Jahre alte Mädchen als „Frischfleisch“ betrachtet werden? Wo die Globalisierung dazu führt, dass Geschäftsleute das Bedürfnis nach Sexualität hoch effizient befriedigen, und das zu sinkenden Preisen bei gleichbleibend hohen Renditen? „Sklavenmarkt Europa. Das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch“ ist der Titel des Buches von Michael Jürgs. „Wir wollten heute Abend, was erklären“, so Beckmann, aber er sehe schon, „wir sind in vielen Grundsatzfragen uneins.“ Tatsächlich wurde eines dennoch deutlich: Sklaverei ist unseren Gesellschaften ein Geschäftsmodell unter anderen. Es verändert zudem die Sichtweise der Menschen auf die Prostitution. Laut Frau Koch-Krawczak hätten früher vor allem „verheiratete Familienväter“ die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen, heute seien es dagegen häufig Jugendliche. Jenseits dessen, ob diese Beobachtung stimmt. Wenn junge Männer am Ende sogar die Familie als Geschäftsmodell betrachten sollten, bekämen wir ein Problem. Das meinen sicher sogar Marktliberale.

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