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TV-Kritik: Beckmann : Sklaverei als Geschäftsmodell

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Nutzenmaximierung

Selbst ein Polizist, wie der Hamburger LKA-Beamte André Schulz, konnte diesen Unterschied nicht erklären. Sein Aufgabengebiet ist allerdings auch nicht das moralische Urteil, sondern die Bekämpfung krimineller Handlungen. Schulz machte aber deutlich, welche Schwierigkeiten die Legalisierung der Prostitution mit sich gebracht hatte. Nämlich zwischen legaler Ausbeutung und illegaler Versklavung kaum noch unterscheiden zu können. Frau Prasad machte das an einem brutalen Beispiel deutlich. Prostituierte aus Osteuropa hätten das so formuliert. Früher seien sie vom Vater, Bruder oder deren Freunden vergewaltigt worden. Heute bekämen sie dafür wenigstens Geld. Wohlgemerkt: Das ist ein Zitat. Solche Frauen handeln nicht anders als der Portugiese, der sich als Brasilianer ausgibt, „rational“ als Marktteilnehmerin. Beide versuchen, ihren Nutzen zu maximieren. Was ist der Unterschied? Es käme niemand auf die Idee, diese Frauen als Opfer ihrer Lebensumstände plötzlich als gleichberechtigte Marktteilnehmerin zu deklarieren. Der Zynismus dieser Logik wird hier deutlich – und das erzeugt die berechtigte moralische Empörung, von Alice Schwarzer bis Jürgs. Schulz sieht trotzdem in der Kriminalisierung der Prostitution nach schwedischen Vorbild keine Lösung, darin waren sich alle Gäste einig. Tatsächlich geht es in Schweden nicht um die Abschaffung der Prostitution, sondern um deren Unsichtbarkeit. Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Die Legalisierungspolitik als Marktillusion

Nur ist es in gleicher Weise naiv, die Folgen der Legalisierung zu verharmlosen. Jürgs wies mit guten Gründen auf die Organisierte Kriminalität hin, die den neuen Rechtsrahmen nutzte, um ihren kriminellen Aktivitäten einen legalen Anstrich zu geben. Nicht nur Schulz machte deutlich, wie schwierig es ist, in der Prostitution zwischen „Freiwilligkeit“ und „Zwang“ zu unterscheiden. Frau Prasad versuchte das zwar, aber wie realistisch ist das in der polizeilichen Praxis? Ihre These, eine weitere Legalisierung, etwa durch eine völlige Gleichstellung mit den sonstigen Arbeitsmärkten, könnte das ändern, verkennt das Problem. „Die Prostitution funktioniert genauso“ wie diese Arbeitsmärkte, „nur grenzt man sie ab“, so formulierte das Frau Koch-Krawczak. Tatsächlich scheiterte die Legalisierungspolitik an der Marktillusion. Nicht die Prostituierten wurden dem klassischen Arbeitnehmer gleichgestellt, so das Ziel dieser Politik, sondern Arbeitnehmer den Prostituierten. Die Terminologie vom „Arbeiterstrich“ sagt eben mehr aus als wir denken.

Natürlich kann man dagegen etwas tun. Man kann Frauen, die aus diesem Milieu aussteigen wollen, ein Aufenthaltsrecht garantieren oder die Kontrolldichte auf Arbeitsmärkten verstärken. Es ist auch sinnvoll, an die Kunden zu appellieren, ob sie nun sexuelle oder andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Jürgs sprach von jenen Flatrate-Bordellen, wo Freier für 10 € „eine Bockwurst, ein Bier und eine Frau bekämen.“ Fairness ist ein moralisches Argument. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, wo Märkte so organisiert werden? Und 15 Jahre alte Mädchen als „Frischfleisch“ betrachtet werden? Wo die Globalisierung dazu führt, dass Geschäftsleute das Bedürfnis nach Sexualität hoch effizient befriedigen, und das zu sinkenden Preisen bei gleichbleibend hohen Renditen? „Sklavenmarkt Europa. Das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch“ ist der Titel des Buches von Michael Jürgs. „Wir wollten heute Abend, was erklären“, so Beckmann, aber er sehe schon, „wir sind in vielen Grundsatzfragen uneins.“ Tatsächlich wurde eines dennoch deutlich: Sklaverei ist unseren Gesellschaften ein Geschäftsmodell unter anderen. Es verändert zudem die Sichtweise der Menschen auf die Prostitution. Laut Frau Koch-Krawczak hätten früher vor allem „verheiratete Familienväter“ die Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen, heute seien es dagegen häufig Jugendliche. Jenseits dessen, ob diese Beobachtung stimmt. Wenn junge Männer am Ende sogar die Familie als Geschäftsmodell betrachten sollten, bekämen wir ein Problem. Das meinen sicher sogar Marktliberale.

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