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TV-Kritik: Beckmann : Nichts schafft mehr Bindungen als Laserschwerter

  • -Aktualisiert am

In der Sendung von TV-Moderator Reinhold Beckmann ging es am Donnerstag um die Gründe der zunehmenden Kinderlosigkeit in Deutschland Bild: dpa

Reinhold Beckmann wollte wissen, warum so viele auf Nachwuchs verzichten. Die spannendere Frage lautet: Warum bekommen die Deutschen überhaupt noch Kinder?

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          Eigentlich ist alles ganz einfach: Mit Kindern hat man weniger Zeit, weniger Geld, weniger Sex, dafür hat man jede Menge Laserschwerter und anderen Plunder in der Wohnung herumliegen. Mütter und Väter, die das begriffen haben, sind für das zukünftige Leben gerüstet. Aber man kann auch „pränatale Bindungsanalysen“ machen lassen und sich den lieben, langen Tag fragen, ob es wirklich so eine gute Idee war, wegen der kleinen Nervensägen weniger Zeit, Geld und Sex zu haben. Aber immerhin kann man darüber Bücher schreiben und sich in Talkshows unterhalten. So fragte Reinhold Beckmann gestern Abend: „Kinderlos – warum die Deutschen keine Kinder mehr bekommen“.

          „Es ist ein Grund zur Freude“

          Das Interessanteste an der Sendung war die Suche nach der Normalität. So bemühten sich vor allem die Schauspielerin Jasmin Tabatabai und die Hebamme Livia Görner das Leben mit Kindern aus den Fängen durchgedrehter Eltern der oberen Mittelschicht zu befreien. Nur dort blüht nämlich die „pränatale Bindungsanalyse“ oder anderer grober Unfug, der die Erziehung von Kindern neuerdings mit der Methodik des Apollo-Mondprogramms der Nasa betreibt. Alles wird mehrfach abgesichert, nichts dem Zufall überlassen, um den Kindern den bestmöglichen Start in das spätere Leben zu ermöglichen. Das Leben dieser Eltern ist von Ängsten geplagt. Sie haben tatsächlich den Eindruck, ihren Nachwuchs auf dem Mond zurückzulassen, wenn sie in ihrem privaten Apollo-Projekt „Kind“ versagen sollten.

          „Es ist ein Grund zur Freude“, so brachte Frau Tabatabai den Unterschied zwischen ihrer Normalität und der vieler Deutscher auf dem Punkt. Es ging um Beckmanns Frage, wie es auf Familientreffen zuginge, wenn sich dort ihre Familie mit vier und die ihres Mannes mit sechs Geschwistern träfen. Frau Tabatabai stammt aus dem Iran, so ihre Begründung, dort wäre das halt so. Diese Erfahrung, nämlich aus funktionierenden Familienverbänden zu kommen, nannte auch Frau Görner als entscheidende Voraussetzung für einen selbstverständlichen Umgang mit Kindern. Und die spannende Frage wäre eigentlich gewesen, warum es das in Deutschland als hegemoniale Lebensform nicht mehr gibt. Die klassische Familienfeier namens Weihnachten gilt bekanntlich häufig als ein Fest des Grauens.

          Heillose Debatten über Lebensentwürfe

          Die Soziologin Michaela Kreyenfeld nannte den Geburtsjahrgang 1950 als Wendepunkt für die zunehmende Kinderlosigkeit von Frauen. Heute bliebe jede fünfte Frau eines Jahrgangs ohne eigene Kinder. Eine ist die Autorin Nicole Huber, die eine originelle Begründung dafür anbot. Sie habe auch nie das Bedürfnis gehabt, „Trompete zu spielen“. Das ist insofern originell, weil unter den heutigen Bedingungen der Familienplanung die Entscheidung für oder gegen Kinder gerade nicht rational begründbar ist. Entweder man hat sie, oder eben nicht. Der Staat hat kein familien-, sondern ein bevölkerungspolitisches Interesse an Kindern. Dieser Hinweis von Frau Huber war wichtig, wird aber nur selten verstanden.

          Das Interesse des Staates an Kindern ist das an seiner Fortexistenz. Da interessiert weder die Überbevölkerung in anderen Regionen, noch der „ökologische Fußabdruck“, den Frau Huber in ihren Rationalisierungsbemühungen anführte. In diesem Land wird das aus den bekannten historischen Gründen allerdings nur noch verschämt eingestanden, weshalb man lieber das Private politisch werden lässt. Und sich in heillosen Debatten über die Legitimität des eigenen Lebensentwurfes verstrickt. So wehren sich Kinderlose, Kinderarme und Kinderreiche gegen den Vorwurf Schmarotzer zu sein, anstatt sich ehrlich zu fragen, wie man sich die demografische Zukunft dieses Landes vorzustellen hat, um daraus politische Konsequenzen zu ziehen.

          „Erwartungsfalle“

          Das könnte auch die Debatte um Normalität entspannen. Der Journalist Marc Brost verkörperte jenen Widerspruch, den die neuen Rollenerwartungen an Väter formulieren, während sich die an die Männer (auch und gerade von Frauen) nicht um einen Zentimeter verändert haben. Diese Väter sind nicht mehr mit der bloßen Existenz ihres Nachwuchses zufrieden, sondern wollen sich sogar mit ihnen beschäftigen. Gleichzeitig wollen sie aber keine Abstriche an dem alten Karrieremodell machen, wo der Vater die Kinder zwar nur am Wochenende gesehen hat, aber dafür im Beruf ausgelastet gewesen ist. Brost sieht diese konträren Rollenerwartungen als unvereinbar an, worin er recht hat. Die „neuen Väter“ seien in einer „Erwartungsfalle“ zwischen Beruf und Familie gefangen, wo letztlich der Eindruck entstünde, man versinke „im Chaos“.

          Brost plädierte für einen neuen „gesellschaftlichen Konsens“, von dem aber nicht klar geworden ist, was er zum Inhalt haben soll. Das Unvereinbare vereinbar zu machen? Sicher kann man die Kinderbetreuung verbessern und Unternehmen gehen nicht sofort Pleite, wenn ein Arbeitnehmer zu Hause ein krankes Kind betreuen muss. Aber „Erwartungsfallen“ entstehen nicht wegen der Kinder, sondern waren schon vorher in den Köpfen der Erwachsenen. Sie versuchen als Eltern, ihr altes Lebensmodell fortzusetzen, obwohl diese Idee in den meisten Fällen nicht funktioniert. Männer können bis heute Karriere machen und Kinder bekommen, wenn sie eine Frau gefunden haben, die diesen Anspruch nicht hat, sondern den Kindern Priorität einräumt. Die hohe Teilzeitquote von berufstätigen Frauen bringt das zum Ausdruck. Frauen mit diesem früher männlich genannten Lebensentwurf bleiben signifikant höher kinderlos, weil sie niemanden finden (und suchen), der diese historisch weibliche Rolle übernehmen will.

          „Postnatale Bindungsanalyse“

          Brost sprach davon, mit seinem siebenjährigen Sohn „Lego-Türme“ zu bauen. Das Leben mit Kindern ist aber für die meisten Mütter wesentlich profaner. Kinder wecken, Frühstück machen, zum Kindergarten bringen und wieder abholen, Essen kochen, die Wäsche gehört genauso dazu wie das Waschen der Kinder. Ansonsten stolpert man über Laserschwerter, versucht mehrere Jahre lang den Kindern die Grundsätze der Hygiene beizubringen, und ist froh, wenn die das am Ende sogar begriffen haben. Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Alltag, den die meisten Mütter, aber heute immer noch nur die wenigsten Väter erleben, und wäre als „postnatale Bindungsanalyse“ sicher von Interesse. Nichts schafft mehr Bindungen als herumliegende Laserschwerter. Manches davon kann man zwar als externe Dienstleistung „outsourcen“, aber selbst bei privilegierten Bevölkerungsgruppen hat das ihre Grenzen. Über diese Normalität, die immer noch vor allem Mütter erleben, ist selbstredend nie die Rede. Dabei bestimmt das den Alltag mit Kindern, und nicht die Frage, ob man am Wochenende sein Handy abschaltet.

          Natürlich ist das alles viel aufwändiger als das Musizieren auf der Trompete. Nichts davon macht Spaß, oder ist mit den üblichen Kriterien der Selbstverwirklichung vereinbar. Eine lebenskluge Frau wie Frau Görner sprach von der fehlenden „sozialen Kompetenz“ vieler Eltern, wo in der Familie die Vermittlung solcher elementarer Erfahrungen mit Kindern nicht mehr stattgefunden habe. Angesichts dessen sollte uns nicht die Kinderlosigkeit erstaunen, sondern dass überhaupt noch Leute Kinder bekommen. Warum es manche auch besser sein lassen sollte, brachte Frau Tabatabai zum Ausdruck. Ihre Kinder hätten Gästen in einer Eisdiele zugewinkt. Was geschah? Nichts. Noch nicht einmal ein Lächeln. Wahrscheinlich war das die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Warum die Deutschen keine Kinder mehr bekommen?

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