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TV-Kritik: Beckmann : Der ruhige Schlaf des Edward Snowden

TV-Moderator Reinhold Beckmann sprach mit dem Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald über dessen Zusammenarbeit mit Edward Snowden Bild: dpa

Der Investigativjournalist Glenn Greenwald ist bei Beckmann zu Gast, um von seinem Besuch bei Edward Snowden in Moskau zu erzählen. Er hat dort einen glücklichen Mann getroffen.

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          Überwachung ist selten eine Heldengeschichte. Die Kontrollgesellschaft produziert auf der Seite der Täter eher verlegene Gesten als große Persönlichkeiten. Der Whistleblower, der seinen Dienst am Allgemeinen oft mit harten biographischen Brüchen bezahlt, ist deshalb im Idealfall ein Fixstern am relativistischen Wertehimmel und ein Beweis dafür, dass auch die liberale Demokratie über Werte verfügt, für die Individuen vieles aufzugeben bereit sind.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Edward Snowden hat fast alles aufgegeben: seine Sprache, seinen Beruf, seine Familie, die Entscheidungsgewalt über seine Zukunft. Die selbstlose Wahrheitsfindung war bei ihm noch dazu mit dem von manchen als befremdlich empfundenen Pathos des Gewissenstäters verbunden, der mit allem, was man ihm nun antue, würde leben können: „Das Einzige, womit ich nicht leben kann, wäre das Wissen, es“ – also den Geheimnisverrat – „nicht getan zu haben“, ließ er verlauten. Die verantwortlichen Regierungsstellen der Vereinigten Staaten stellten ihm unverzüglich die Diagnose pathologischer Ruhmsucht.

          Er schläft den Schlaf des Gerechten

          Bei Beckmann saß nun Glenn Greenwald, der die NSA-Affäre mit seiner Artikelserie im „Guardian“ ins Rollen gebracht hatte, und stellte die Gegendiagnose. Greenwald kam direkt aus Moskau. Dort hatte er gemeinsam mit Snowden sein neues Buch vorgestellt, das seine Erfahrungen aus der NSA-Affäre resümiert. Es gehe Snowden phantastisch, sagte er mit einem strahlenden Lächeln. Er sei einer der glücklichsten Menschen, die er kenne und schlafe den ruhigen Schlaf derer, die für ihre Werte eingetreten seien. Was daran Freundschaftsdienst, Arbeit am Mythos des Überzeugungstäters und Faktentreue war, ließ sich an Greenwalds Gesicht schwer ablesen. Wie Snowden sein Asyl von Putins Gnaden als lauteres Glück erfahren kann, wäre aber eine Frage wert gewesen.

          Der Großteil dessen, was Greenwald bei Beckmann erzählte, war schon in seinem Buch zu lesen: etwa der Schock, beim ersten Treffen in Hongkong auf einen knapp Dreißigjährigen zu stoßen, der zudem noch fünf Jahre jünger aussah, aber schon damals trotz der hohen Anspannung und Ungewissheit überhaupt keine Angst habe erkennen lassen. Und auch zu dieser Zeit jede Nacht siebeneinhalb Schlafen durchgeschlafen habe. Beckmann, der seine Sendung unter das Motiv des „Whistleblowings“ gestellt hatte, hätte gern eine allgemeine Motivforschung des Geheimnisverräters betrieben. Die tiefenpsychologischen Expeditionen endeten aber immer wieder mit dem simplen Verweis auf individuelle Moral: Es sei, bei Snowden, eben die ungeheuerliche Ungerechtigkeit gewesen, mit der er nicht habe leben können.

          Der Preis der Wahrheit

          Die Folgen des Geheimnisverrats hat Greenwald inzwischen in abgeschwächter Form selbst erfahren. Er lebt in Brasilien, am Stadtrand von Rio, wo er vom brasilianischen Staat und einer privaten Sicherheitsfirma beschützt wird. Snowdens Dokumente trägt er jederzeit in einem schwarzen Rucksack bei sich, hat sie aber auch an verschiedenen anderen Orten hinterlegt. Er lebe im Bewusstsein der Gefahr und spüre den Druck, sagte er auf Beckmanns Nachfrage, auch wenn die Bedrohung durch die amerikanischen Behörden bisher nicht manifest geworden ist. Vor einem Monat flogen er und die weitere Snowden-Vertraute Laura Poitras nach New York, in der kompletten Unsicherheit darüber, was dort mit ihnen geschehen würde. Ob es die große Medienpräsenz bei ihrer Ankunft war, die ihnen böse Überraschung ersparte, ist ungewiss. Der Preis der Wahrheit ist ein Leben in ständiger Angst.

          Glenn Greenwald bei der Präsentation seines Buches in Washington D.C.
          Glenn Greenwald bei der Präsentation seines Buches in Washington D.C. : Bild: AFP

          Über die gespaltene Reaktion der amerikanische Medien auf die NSA-Enthüllungen wurde viel geschrieben. Besonders die „New York Times“ und die „Washington Post“ erwiesen sich als regierungstreu an der Grenze zur Hörigkeit. Greenwald erzählte aber auch von einem Stimmungswechsel in der amerikanischen Öffentlichkeit. Seit diesem Jahr fühle sie sich von ihrer eigenen Regierung erstmals stärker bedroht als vom internationalen Terrorismus. Große Sympathien schlagen Snowden vor allem bei Jugendlichen entgegen, denen viel an einem spionagefreien Internet liegt. Die zögernden Manöver der europäischen Politik können deshalb nicht über die große Wirkung der NSA-Enthüllungen hinwegtäuschen. Zum ersten Mal, so Greenwald, gebe es eine weltweite Debatte über die Privatsphäre. Auch die Sensibilität gegenüber den großen Internetfirmen, den Datenlieferanten der NSA, sei enorm gestiegen.

          Die bisher unpublizierten Dokumente aus dem Snowden-Fundus veröffentlicht Greenwald derzeit in stockendem Takt auf dem Investigativportal „The Intercept“. Neue, spektakuläre Enthüllungen, vor allem was die Überwachung ganz bestimmter Personen betrifft, sind angekündigt und werden nach der Buchveröffentlichung, die sich auf Bekanntes beschränkte, wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Man wird dort auch mehr über die Kooperation von NSA und deutschen Geheimdiensten erfahren. Es gebe sie. Sie sei gut dokumentiert, sagte Greenwald. Aber im Vergleich zur Überwachung durch die NSA doch eher verschwindend. Mehr wurde nicht verraten.

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