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TV-Kritik: ARDcheck : Ein Herz und zwei Intendanten

Hier stehen wir, es geht nicht anders: WDR-Intendant Tom Buhrow und der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor Bild: ARD/Thorsten Jander

Die Senderchefs Tom Buhrow und Lutz Marmor stehen den Zuschauern Rede und Antwort: nichts als die nackte Wahrheit. Das war der Plan. Was wird daraus? Ein Schattenspiel, über das man sich amüsieren könnte, hätte man nicht einen so hohen Eintritt bezahlt.

          Was erwarten wir von einem „Check“? Dass alles gecheckt, also geprüft wird auf Herz und Nieren. Dass keine Frage offen, kein Rätsel ungelöst, keine Schraube locker bleibt. Sondern, dass alles sitzt und passt und wackelt und Luft hat. Mit den „Checks“ im Fernsehen allerdings hat es so seine Bewandtnis. Sie tun so, als kämen sie vom TÜV, entpuppen sich oft aber als Luftnummer. Oder als Schattenspiel. Ein besonders exaltiertes Beispiel dafür gab am Montag der „ARDcheck“ mit Tom Buhrow und Lutz Marmor ab. Die beiden sind ein gutes Team. Von einer Sendung mit „Intendanten hoch zwei“ sprach Sandra Maischberger, die den „Check“ moderierte. Doch was für eine Quadratsumme kommt heraus, wenn man Intendant mal Intendant nimmt? Eine (die Herren mögen es nicht persönlich nehmen) - Null. Nullkommanullnixnientenada. Mit einer Null vor dem Komma und vielen dahinter.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wer denkt, der „ARDcheck“ sei dazu angetan, den Intendanten einmal wirklich auf den Zahn zu fühlen, ist mit der Choreographie einer solchen Veranstaltung nicht vertraut. Diese folgt dem Rezept der aus dem DDR-Fernsehen bekannten Unterhaltungssendung „Ein Kessel Buntes“: Es gibt von allem etwas, für jeden Geschmack ist was dabei, doch bleibt alles im selben Rhythmus. Eine Frage zum Fußball und den „Randsportarten“, dann ein Ausflug zum Segeln, eine Beschwerde über zu viele Trailer im Programm, Kritik an der Qualität der Serien und die Klage über zu wenig Programm für junge Zuschauer. Darauf sind die Intendanten Buhrow vom WDR und Marmor vom NDR vorbereitet, sie haben auf alles eine plausible Antwort. Und ist es einmal nicht so, wird palavert, dass sich die Balken biegen und muss Sandra Maischberger schnell zur nächsten Frage weiterleiten. Dazwischen laufen kurze Filmchen, die zeigen, dass bei der ARD alles in bester Ordnung ist und obendrein gespart wird bis zum Hungerleiden.

          Warum verdienen die Intendanten so viel? 

          Ein paar Mal hätte es trotzdem kritisch werden können – etwa als ein Zuschauer im Studio nach den Gehältern der Intendanten (die mehr als die Kanzlerin und bis zu 350.000 Euro im Jahr verdienen) und den Rücklagen für ihre Pensionen in zweistelliger Millionenhöhe fragte. Da hatte der NDR-Intendant Marmor gerade in Sachen Programmkosten gesagt, „das Geld ist bei uns knapp“. Nun fuhr der WDR-Kollege Buhrow fort, dass die Intendanten über ihr Gehalt wahrlich nicht klagen könnten; Thomas Ebeling, der Vorstandschef von Pro Sieben Sat.1, aber vier Millionen Euro im Jahr verdiene und auch die Chefs der – zum Beispiel – Stadtwerke besser dran seien als die Intendanten und die Bundeskanzlerin (mit etwa 220.000 Euro im Jahr) „absurd“ unterbezahlt sei. Zustimmen würden wir persönlich Buhrow nur im letztgenannten Punkt. Der ganze Vergleichsmaßstab aber, der die Intendanten am Ende als Durchschnittsverdiener dastehen lässt, ist nichts als Quatsch.

          Aber das geht ja alles trotz neunzig Minuten Sendezeit so schnell und Tom Buhrow ist ein sympathischer Typ und einnehmender Redner, dass niemanden Zeit bleibt nachzufragen oder darauf hinzuweisen, dass sich ARD und ZDF mitnichten, wie es in einem eingespielten Film hieß, „im Mittelfeld“ der öffentlich-rechtlichen Sender in Europa befinden, was die Finanzen angeht. Das gilt nur, wenn man auf die Höhe des Beitrags schaut, den jeder zahlen muss. In absoluten Zahlen sind ARD und ZDF mit rund acht Milliarden Euro allein aus dem Rundfunkbeitrag pro Jahr Weltspitze. Aber das soll beim „ARDcheck“ nicht weiter interessieren.

          Anne Will bleibt von sich begeistert

          Doch erscheint uns der an diesem Punkt zu Tage tretende Widerspruch zwischen Schein (wir haben kein Geld) und Sein (wir sind eine Rieseninstitution, beherrscht von den Gewerkschaften, können uns kaum bewegen und brauchen das ganze Geld für die Altersversorgung und nicht fürs Programm) der wahre Grund für einen etwaigen Glaubwürdigkeitsverlust zu sein, der das zweite Thema dieses Abends war. Da ging es um die Glaubwürdigkeit des Programms, vor allem der Informationsgebung, die man unseres Erachtens nur in Abrede stellen kann, wenn man selbst ideologische Ziele verfolgt und die Vielfalt und Vielstimmigkeit, die sich auf den Kanälen bietet, partout nicht wahrnimmt, und auch nicht die Fähigkeit zur Selbstkritik, wie sie jemand wie der Korrespondent Udo Lielischkies an den Tag legt, der bei der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine in einem Bericht, in dem er von zwei angeblich von russischen Separatisten erschossenen Menschen sprach, einen Fehler machte, den aber auch einräumte.

          Große ARD-Familie, kaum Kritiker? Medienjournalist Hans Hoff zwischen Sandra Maischberger und Anne Will, daneben andere Granden und Moderatoren

          Seltsamer ist da schon die Selbstzufriedenheit einer nach wie vor von sich begeisterten Anne Will, die stolz erzählt, wie ihr der Sprecher der Bundeskanzlerin eine SMS mit dem Angebot schickte, Angela Merkel als (Einzel)Gast in ihrer Sendung zu haben und es bis auf das naheliegende Generalthema Flüchtlingskrise keinerlei Absprachen gegeben habe. Dass es ebensolcher nicht bedurfte, um einen Gleichklang zwischen Interviewerin und Interviewter herzustellen, ist an dieser Stelle schon bemerkt worden. Merkels Sprecher Steffen Seibert wusste schon, wem er die SMS schickte.

          Kniffe und Knoten

          Aber das ist an einem solch kesselnden Abend alles einerlei, daran kann auch ein versierter Kritiker wie der ins Studio geladene Kollege Hans Hoff, der den einen oder anderen Punkt machte, nichts ändern. Denn wir sind, wie gesagt, auf dem Theater, im Schattentheater, bei dem das Publikum vor der Projektionsfläche sitzt und das, was sich zwischen dieser und der dahinter liegenden Lichtquelle abspielt, als wunderbares Trugbild wahrnimmt, die Kniffe und Knoten und Fingerübungen, die dahinter stecken, zwar ahnt, aber nicht sieht und staunt. Zum Text des Erzählers wiederum passt das dargebotene Trugbild, je nach Qualität der Aufführung, aufs Feinste.

          Wäre doch irgendwie blöd, meinte Sandra Maischberger, wenn eine solche Sendung vorbeiginge und es am Ende dann nur heiße: „Wie schön, dass wir drüber geredet haben.“ Geredet, ja. Worüber nochmal? Über die Selbstrechtfertigung der von allen zwangsweise mit einem hohen Beitrag finanzierte Sendeanstalten eben jenen Zahlern, Zuschauern, Hörern, Nutzern, Nichtsehern und Nichtnutzern gegenüber? Davon gab es nicht mal einen Schatten.

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