https://www.faz.net/-gsb-8nl3i

TV-Kritik: Anne Will : Ja, ich will!

Anne Will diskutiert mit ihren Talkgästen zum Thema: „Merkels Entscheidung – Das richtige Signal in unsicheren Zeiten?“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Bundeskanzlerin tritt als Spitzenkandidatin der Union zur Bundestagswahl an. Warum, das verrät sie im Interview mit Anne Will. Ihre Gründe können einen Talkgast nicht überzeugen: Er gerät sogar außer Rand und Band.

          5 Min.

          Jetzt wissen wir, woran wir sind. Wissen wir, woran wir sind? Wir wissen, dass Angela Merkel es noch einmal wissen und bis 2021 Bundeskanzlerin bleiben will. Warum? Weil sie glaubt, sie könne „etwas für den Zusammenhalt in der Gesellschaft tun“. Weil sie überzeugt ist, sie könne „mit Maß und Mitte“ Orientierung geben und mit ihren „Gaben und Talenten“ dem Land und ihrer Partei dienen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das sind wohlgesetzte Worte, sie fallen im Interview mit Anne Will, deren Sendung im Ersten im Laufe des vergangenen Jahres die Verkündungsplattform der Bundeskanzlerin schlechthin geworden ist. Doch was sagen sie aus? Sie sind nichts anderes als eine Neuformulierung des Mantras, das Angela Merkel inzwischen vermeidet: „Wir schaffen das.“ Die sich daran anschließenden Fragen – Was schaffen wir? Wie schaffen wir das? –, blieben unbeantwortet, auch jetzt: Warum ist Angela Merkel davon überzeugt, dass sie die Richtige an der Spitze ihrer Partei und des Landes ist, und vor allem: Mit welchen Positionen treten sie und ihre Partei an? Welche Ziele verfolgt sie? Wofür tritt sie ein, wogegen wendet sie sich?

          Solche Fragen, die den Kern von Politik ausmachen, werden seit geraumer Zeit nicht nur von der Bundeskanzlerin nicht mehr beantwortet, sondern auch nicht von ihrem Noch-Koalitionspartner SPD und auch nicht von den Grünen, die Opposition im Bund, in den Ländern aber längst mächtige Regierungspartei sind. Durch die Bank hören wir nur von „Werten“, die es zu verteidigen gelte, sie werden auch gerne aufgezählt – Freiheit, Offenheit, Vielfalt, Teilhabe, Toleranz, Akzeptanz, Inklusion –, aber niemals konkret und offensiv ausformuliert und buchstabiert, wenn es um den Einzelfall geht. Es ist von „Sorgen und Nöten“ der Menschen die Rede, nicht aber davon, dass dies kein pathologisches Phänomen ist, das man durch gutes Zureden und Handauflegen heilen kann, sondern das reale Ursachen hat, die das Leben der Menschen bestimmen, die jeden Tag abgleichen können was ist und was die Politik ihnen dazu einredet beziehungsweise nicht wahrhaben will.

          „Wenn es so weiter geht, kann es nur schlimmer werden“

          Das fängt (um ein lokales Beispiel zu nennen) mit der Kriminalität am Frankfurter Bahnhof an, vor der die Justiz zu kapitulieren begonnen hat. Es setzt sich fort mit den Begleiterscheinungen des Flüchtlingszuzugs – wer hätte bis vor kurzem gedacht, dass wir einmal über die „Kinderehe“ diskutieren würden und es offenbar nicht mehr selbstverständlich ist, dass Kinder nicht heiraten können und schon gar nicht zwangsverheiratet werden dürfen. Und es ist nicht zu Ende mit der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus (kommt an diesem Abend gar nicht vor) und der Digitalisierung – über die Angela Merkel im Interview mit Anne Will erstaunlich ausdauernd redet –, die nicht nur das Geschäftsmodell ganzer Branchen, sondern die Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft in Frage stellt und ganz nebenbei Millionen Jobs abschafft.

          Kein Wunder, dass dem Psychologen Hans-Joachim Maaz im zweiten Teil der Sendung von Anne Will, die das Interview mit der Bundeskanzlerin zuvor aufgezeichnet hat, der Kragen platzt. Er kann sich gar nicht einkriegen vor Entrüstung über die Nonchalance, mit der Angela Merkel soeben ihre abermalige Kandidatur vorgetragen hat. Das sei „purer Populismus“ sagt er, schlimm für das Land und für Merkels Partei, weil sie den Eindruck vermittle, mit ihr im Kanzleramt seien die Menschen auf der sicheren Seite. Angela Merkels Begeisterung für sich selbst sei „eine Projektion“.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit Anne Will, das vor der Talk-Sendung zum Thema „Merkels Entscheidung – Das richtige Signal in unsicheren Zeiten?“ aufgenommen wurde.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel im Interview mit Anne Will, das vor der Talk-Sendung zum Thema „Merkels Entscheidung – Das richtige Signal in unsicheren Zeiten?“ aufgenommen wurde. : Bild: NDR/Wolfgang Borrs

          Die Bürger „werden sie wieder wählen, weil sie glauben, es geht immer so weiter“. Aber es gehe nicht immer so weiter. „Wenn es jetzt so weiter geht, kann es nur schlimmer werden“, sagt Maaz und diagnostiziert einen „Gefühlsstau“, wie er ihn zu Zeiten der deutschen Einheit bei den Bundesbürgern in den neuen Ländern ausgemacht und in seinem ziemlich bekannten, gleichnamigen Buch formuliert hat: In einer an sich glücklichen Lage der weltpolitischen Entwicklung fühlten sich viele abgehängt und hilflos. Das sei jetzt genauso und könne auch gar nicht anders sein, weil jeder spüre, dass „wir wie bisher nicht mehr weiterleben können“. Der Kapitalismus sei am Ende, das Klima würde verdorben, die Umwelt vernichtet, es gebe eine „große Wohlstandsschuld“, kurzum: Wer die Regierung dieses Landes führen will, müsse den Leuten klarmachen, „dass wir vor einer riesigen Aufgabe des Wandels stehen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nominierung für Supreme Court : Sie ist Trumps neuer Trumpf

          Donald Trump steht kurz davor, eines seiner wichtigsten Versprechen an die Republikaner einzulösen. Mit einer konservativen Richterin Amy Coney Barrett am Obersten Gericht könnten sich die schlimmsten Befürchtungen der Demokraten bewahrheiten.

          Biden über Trump : „Er ist so in etwa wie Goebbels“

          Der Ton im Präsidentschaftswahlkampf ist rau – und wird noch unversöhnlicher: Joe Biden bezichtigt Trump der Lüge und stellt einen schwierigen historischen Vergleich her. Der Amtsinhaber ist nicht weniger zimperlich.
          Dass es in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt zu einer Stichwahl kommen würde, hat sich schon länger abgezeichnet.

          Zweite Runde der Kommunalwahl : Tag der Entscheidung in NRW

          Gelingt es den nordrhein-westfälischen Grünen, erstmals einen Oberbürgermeister zu stellen? Gewinnt der CDU-Kandidat in Düsseldorf und beendet so das Großstadttrauma seiner Partei? Ein Überblick über die spannendsten Stichentscheide.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.