https://www.faz.net/-gsb-7n2s0

TV-Kritik: Anne Will : Wie hilflos ist der Westen?

  • -Aktualisiert am

Der frühere WDR-Intendant und langjährige Russland-Korrespondent der ARD, Fritz Pleitgen, nannte die Politik der EU gegenüber Russland einen Fehler. Er wies unter anderem auf die Eigendynamik solcher Umstürze, wie in der Ukraine hin. Wer garantiere, so Pleitgen, dass nicht plötzlich die Maidan-Bewegung auf der Krim auftauche, um die Schließung russischer Marinebasen zu verlangen? Wäre es nicht nachvollziehbar, wenn das Auftreten westlicher Politiker wie Brok auf dem Maidan in Russland Misstrauen erzeuge? Und diese Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine in Moskau letztlich als Angriff auf Russland interpretiert werde? Einmischung in die inneren Angelegenheiten? Dafür braucht man übrigens keine dunklen Mächte zu bemühen. Oder wie nennt man das sonst, wenn gestern etwa die NATO der Ukraine Unterstützung anbietet oder die EU viel Geld? Brüderliche Hilfe sicherlich nicht. Damit kennt sich dafür Putin seit seinen Lehrjahren beim KGB aus. 

Pro-westlich oder pro-russisch?

Als Pleitgen auf andere Großmächte hinwies, die wie jetzt Russland auf der Krim, bisweilen ohne Rechtsgrundlage intervenierten, nannte er den Einmarsch in Grenada im Jahr 1983. Er hätte auch Panama (1990) oder den Irak (2003) erwähnen können, um nur zwei amerikanische Interventionen zu erwähnen. Kornblum hielt das für „Blödsinn“. Brok hielt das einen Ausdruck für die „Äquidistanz“, die Pleitgen schon immer gepflegt habe. Der Ausdruck stammt aus dem Kalten Krieg. Er suggerierte zwischen dem kommunistischen Ostblock und dem Westen die gleiche Distanz zu halten, also nicht zwischen Diktatur und Freiheit zu unterscheiden.

Was Brok vergessen hatte zu erwähnen: Pleitgen argumentierte in Wirklichkeit wie ein Kalter Krieger namens Richard Nixon. Der amerikanische Präsident war 1972 zum Erzfeind nach China gereist, um sich mit einem Massenmörder namens Mao Tse-Tung zu treffen. Er wollte sich mit dem bisherigen Erzfeind im eigenen Interesse arrangieren, aber nicht um jene amerikanische Verfassung einzuführen, der er selbst zwei Jahre später mit seinem Rücktritt Tribut zollen musste. Kornblum müsste das wissen. Er war damals schon im Auswärtigen Amt in Washington beschäftigt.

Suche nach Schuldigen

Anne Will versuchte diese Widersprüche in der Sichtweise auf die Ukraine deutlich zu machen. Das war durchaus gelungen, wenn man sich die bisherigen Debatte ansieht. Sie reduzierten sich auf die Frage, ob man pro-westlich oder pro-russisch wäre. Dabei wurde jedes Ereignis nach dem Nutzen interpretiert, den es für die jeweilige Seite haben kann. Alle Seiten suchten bisher nach Schuldigen anstatt nach Lösungen. Die Konsequenz ist ein Propagandakrieg, der abgehörte Telefongespräche genauso betrifft wie die Darstellung der Russen als rückständige Tölpel. Wobei Kornblum und Brok nichts gegen die Russen haben, aber unter der Voraussetzung, ihrer Meinung zu sein. Das ging bei Kornblum sogar so weit, Russland eine „große Krise“ vorherzusagen. Allerdings konnte er nicht erklären, was es ihn eigentlich angeht, wie sie in Russland vermieden werden soll. Oder will Kornblum wirklich die Ratschläge aus Moskau hören, wie man die desaströsen innenpolitischen Verhältnisse in Washington regelt? Vielleicht mit einem sogenannten „starken Mann“ wie Putin im Weißen Haus, anstatt mit einem auf Ausgleich bedachten Präsidenten Obama? Die Republikaner verhöhnen bekanntlich Obama als Schwächling.

Und die Geheimdienste? Sie beweisen offenkundig in diesen Tagen wieder ihre Nutzlosigkeit, außer wenn man die Manipulierung der Öffentlichkeit über abgehörte Telefonate als Nutzen versteht. Ansonsten findet sich vielleicht noch ein Richard Nixon mit seinem außenpolitischen Sinn für Realitäten. Diesen Wunsch aussprechen zu müssen, dokumentiert den Ernst der Lage.

Weitere Themen

Topmeldungen

Theresa May : Jetzt soll Brüssel den Brexit retten

Die britische Premierministerin Theresa May hat den Aufstand in ihrer Fraktion überstanden. Auf dem Brexit-Gipfel erhofft sie sich nun Unterstützung der EU. Doch die Lage ist verzwickt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel beantwortet im Rahmen der Befragung der Bundesregierung die Fragen der Abgeordneten. Dabei gibt sie sich angrifflustiger denn je.

Regierungsbefragung : Merkel an der Ballwurfmaschine

Gut eine Stunde lang lässt sich die Kanzlerin im Bundestag befragen und liefert sich mit Linken und Rechten einen rhetorischen Schlagabtausch – so offensiv hat man Merkel selten erlebt. Neue Inhalte wurden dabei gleich mitgeliefert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.