https://www.faz.net/-gsb-7x3l6

TV-Kritik: Anne Will : „Wer hat Angst vorm roten Mann“?

ARD-Moderatorin Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über die mögliche Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen Bild: dpa

Am Freitag wählt der Thüringer Landtag den Ministerpräsidenten. Mutmaßlich wird dies mit Bodo Ramelow erstmals ein Mann der Linkspartei sein. Das tatsächliche Wissen über die DDR-Vergangenheit wird bei „Anne Will“ zur eigentlichen Trennlinie unter den Talkgästen.

          „Thüringen Thüringen Thüringen ist eines von den schwierigen Bundesländern/ Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen“, singt der Liedermacher Reinald Grebe. Den Text wird der Mann ändern müssen, denn so viel wie in den vergangenen Wochen über Thüringen geredet, geschrieben und gesendet wurde, dürfte der kleine Freistaat mittlerweile zum bekanntesten Bundesland des Universums avanciert sein. Unter diesem Gesichtspunkt des Marketings ist die drohende Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten also schon mal positiv zu werten. Was sonst noch davon zu halten ist, versuchte Anne Will am Mittwoch kurz vor Mitternacht in ihrer Talkshow „Countdown in Thüringen - Wer hat Angst vorm roten Mann“ zu ergründen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Bodo Ramelow, das nur für alle, die es wirklich noch nicht mitbekommen haben sollten, könnte am Freitag nicht nur Ministerpräsident von Thüringen, sondern auch der erste Regierungschef der Linkspartei im wiedervereinigten Deutschland werden. Und das ausgerechnet 25 Jahre nach dem Mauerfall. Je nach Sichtweise wird Thüringen damit ab Samstag entweder zur Steinzeit, also in die DDR, zurückkehren oder zum sozialen Paradies und Muster für ganz Deutschland aufsteigen. Letzterer dieser beiden, zugegeben etwas grob skizzierten, Aussichten neigten naturgemäß die Talkgäste Dietmar Bartsch, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Bundestag und Yasmin Fahimi, Generalsekretärin der SPD, zu, die gemeinsam mit Linken und Grünen künftig Thüringen regieren will. Zur Verteidigung ersterer Ansicht saßen Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und der Journalist und Autor Wolfgang Bok in der Runde.

          Anne Will mühte sich redlich, zunächst den Koalitionsvertrag und nicht sofort die Vergangenheit zum Thema zu machen. Da entsprachen ihre Gäste auch noch den in sie gesetzten Erwartungen. Bartsch und Fahimi lobten die vorgetragenen Kernvorhaben (mehr Lehrer, kostenloses erstes Kita-Jahr, Abschaffung des Landeserziehungsgeldes, keine Neuverschuldung), während Wanka das „alles rückwärtsgewandt“ fand und Bok darin gar einen „Fünfjahresplan“ nach SED-Vorbild sah. Nachfragen, was denn nun das Neue oder Uralte an dieser Politik sei, brachten keine erhellenden Antworten. Wie auch, haben doch Landesregierungen nur einen sehr begrenzten Entscheidungsspielraum – egal welche Partei ihnen vorsteht.

          Zwischen Ahnungslosigkeit und differenziertem Blick

          Dass Thüringen sich aus Deutschland verabschieden wird, ist aber nicht zu befürchten, weshalb die Debatte bald auf das eigentliche Thema, die DDR-Vergangenheit, kam. Und da wurde sehr schnell deutlich, dass die tatsächliche Trennlinie unter den Talkgästen ganz woanders, nämlich beim Wissen, worüber eigentlich zu reden ist, verlief. Hier waren Wanka und Bartsch, die beide in der DDR aufwuchsen, klar im Vorteil, während man Frau Fahimi allenfalls Grundkenntnisse und Herrn Bok völlige Ahnungslosigkeit attestieren musste. Was beide freilich nicht daran hinderte, trotzdem darüber zu reden.

          Besonders deutlich wurde das in dem Moment, als Frau Wanka offenbarte, dass ihre beste Freundin in der SED gewesen sei. Als sie sich dann auch noch wie Bartsch für eine differenzierte Betrachtung von DDR-Biographien aussprach und obendrein erwähnte, dass es selbst bei Inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern einen Unterschied mache, ob diese im Alter von 18 Jahren bei der NVA Berichte verfasst oder später im Berufsleben willig dem Geheimdienst zugeliefert hätten, blickten die anderen inklusive der Moderatorin irritiert drein: Die DDR differenziert betrachten? Geht das überhaupt?

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

          Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.
          Die Botschaft der Demonstrantin vor dem Supreme Court ist klar: „Kein Parlament, keine Stimme!“

          Großbritannien : Supreme Court verhandelt über Parlamentspause

          In der Verhandlung über die Zwangspause des Parlaments hagelt es Kritik am britischen Premierminister. Der Anwalt der Hauptbeschwerdeführerin wirft Boris Johnson vor, Verfassungsgrundsätze auf den Kopf zu stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.