https://www.faz.net/-gsb-7ohk3

TV-Kritik: Anne Will : Was will Putin?

Was will Russlands Präsident Putin? Bild: AP

Ist Russland Kriegstreiber oder doch Lösungssucher? In der Sendung von Anne Will weigert sich der Luxemburgische Außenminister, Putin einen „Kriegstreiber“ zu nennen. Er könne das nicht, weil er nicht das Glück habe, Journalist zu sein.

          2 Min.

          Es gibt im Moment in Deutschland wohl keine Diskussion, die so emotional geführt wird wie die über die Lage in der Ukraine. „Putin-Versteher“ treten gegen „Anti-Putin-Populisten“ an. Die einen stellen die Legitimität des Völkerrechts offen in Frage, die anderen verurteilen die nationalistisch-imperialen Bestrebungen Russlands aufs Schärfste. Und Anne Will, deren Sendung am Mittwochabend das Thema „Chaos in der Ukraine – Treibt Russland das Land in den Bürgerkrieg?“ hatte, machte in dieser Situation alles richtig: Sie lud nicht die üblichen Verdächtigen ein, die der Emotionalität dieser Debatte noch einmal einen neuen Höhepunkt beschert hätten. Also nicht Alice Schwarzer und Sigmar Gabriel, Sahra Wagenknecht und Jürgen Trittin.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Stattdessen saßen in ihrer Runde der Außenminister von Luxemburg, Jean Asselborn, Armin Laschet von der CDU, Cathrin Kahlweit von der „Süddeutschen Zeitung“ und der russische Journalist Alexander Sorkin von der „Stimme Russlands“, der so auftrat als sei er der Sprecher der russischen Regierung: Er sehe keine Gründe, warum Russland die baltischen Staaten angreifen sollte und könne auch die Angst davor nicht verstehen, so Sorkin. Er verstehe auch nicht, welchen Sinn es haben solle, dass Russland sich in die östlichen Gebiete der Ukraine einmische.

          „Russland ist Kriegstreiber nicht Lösungssucher“, hielt Cathrin Kahlweit dagegen, die als Reporterin vor kurzem in Donezk war. Es gebe viele Indizien, die dafür sprächen, dass die Paramilitärs ohne Hoheitsabzeichen, die in den Städten der Ostukraine Verwaltungsgebäude und Polizeistationen gestürmt und besetzt haben, von Russland gesteuert seien.

          Russlands Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

          Zwei meinungsstarke Journalisten und dazwischen zwei abwägende Politiker – die Rollen waren klar verteilt. Nur fielen diejenigen, die hier saßen, einander erstaunlicherweise nicht ins Wort. Sie wurden nicht mal besonders polemisch, sondern behielten, gemessen an der Temperatur, mit der die Diskussion sonst geführt wird, einen erstaunlich kühlen Kopf. So war es möglich, dass es in dieser Sendung, das machte sie besonders und war die komplizierten Situation angemessen, einmal nicht um den Austausch von Gewissheiten, sondern um Fragen ging: „Was ist die Absicht Russlands? Wissen Sie es?“, fragte Anne Will den Luxemburgischen Außenminister.

          Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn
          Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn : Bild: dpa

          Der versprach sich erst: „Ja, äh, nein“ – und ging die verschiedenen Möglichkeiten durch: „Will Putin Länder, die zur Sowjetunion gehört haben, wieder mit Russland zusammenführen? Will Russland der Welt zeigen, dass in der Welt ohne Russland nichts läuft? Oder weiß Putin im Moment möglicherweise selbst nicht, was er will?“

          Für Asselborn stand durch den Völkerrechtsbruch, den die Annexion der Krim bedeutet, die Glaubwürdigkeit Russlands auf dem Spiel: „Wenn wir wieder in eine Logik kommen, in der das Gesetz des Stärkeren gilt, dann ist internationales Rechts nichts mehr Wert.“ Allerdings weigerte er sich, Putin einen „Kriegstreiber“ zu nennen. Er könne das nicht, weil er nicht das Glück habe, Journalist zu sein. Wenn man Außenpolitik mache, müsse man das morgen auch noch tun und er, Asselborn, fahre schließlich morgen zum Vierer-Treffen nach Genf, wo Vertreter der Ukraine, Russlands, der EU und Amerikas über diplomatische Wege aus der Krise verhandeln wollen.

          In Erklärungsnot: Armin Laschet
          In Erklärungsnot: Armin Laschet : Bild: dpa

          Die unterschiedlichen Voraussetzungen des Sprechens konnten deutlicher nicht zu Tage treten: Während Kahlweit aus dem Interview mit einem „russischen Agenten“ und anderen Indizien zu dem Schluss kam, dass die Paramilitärs in der Ostukraine vom Kreml gesteuert seien, machten Asselborn und auch Laschet, die dies ebenfalls für naheliegend hielten, deutlich, dass allein auf der Basis solcher Indizien, ohne Beweise, politische Prozesse nicht ohne weiteres in Ganz zu bringen seien. Jedenfalls nicht dann, wenn man auf Diplomatie setzen wollte.

          Was also will Waldimir Putin? Weder könne er ernsthaft Interesse an einer destabilisierten Ukraine haben, noch könne es im Interesse der Russen liegen, dass die Welt wieder Angst vor Russland hat. Genau das müsse man ihm klarmachen.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Youtube schaltet mich aus

          Shadow Banning : Youtube schaltet mich aus

          Ich dachte, ich könnte bei Youtube einen Kommentar zu Sarah Lee Heinrich abgeben. Doch das war ein Irrtum. Die Plattform hat meinen Kommentar gebannt. Wieso? Das weiß nur der Algorithmus. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Paul Ziemiak, Tilman Kuban und Hendrik Wüst beim „Deutschlandtag“ der Jungen Union am 16. Oktober in Münster

          Imagewandel der Jungen Union : Konservative in Sneakern

          Die Junge Union ist auf der Suche nach einer neuen Außendarstellung. Manche ihrer Mitglieder wollen die Rhetorik abrüsten und den Kleidungsstil ändern. Aber wofür stehen die Jungkonservativen?
          Joshua Kimmich wollte sich bislang noch nicht impfen lassen.

          Corona-Impfung im Profifußball : Kimmich und der Preis der Freiheit

          Joshua Kimmich wollte sich bisher nicht gegen Corona impfen lassen. Für Kritik daran gibt es gute Gründe. Und der Imageschaden für Kimmich wird deutlich größer sein als jeder mögliche Impfschaden, der ihm droht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.