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TV-Kritik: Anne Will : Von wegen harmlose Rede!

Anne Will Bild: dpa

Bei Anne Will sollte über Erdogans Berliner Wahlkampfauftritt diskutiert werden. Doch die Sendung geriet zu einem Streifzug durch deutsch-türkische Befindlichkeiten.

          3 Min.

          Zweimal wird in diesem Jahr in der Türkei gewählt: Im März sind Kommunal-, im Sommer Präsidentschaftswahlen. Und wie immer, wenn in der Türkei gewählt wird, ist der türkische Ministerpräsident Erdogan auch diesmal in Deutschland auf Stimmenfang gewesen. Die Gespräche mit Bundeskanzlerin Merkel? Nur Pflichtprogramm. Die Kür folgte am Dienstagabend, mit einer krachend-lauten Wahlkampfveranstaltung im Berliner Tempodrom. Ein guter Anlass für Anne Will, einmal grundsätzlich zu fragen, ob derartige Wahlkampfbesuche eigentlich in Ordnung sind: „Erdogan in Deutschland – Wahlkampf auf Kosten der Integration?“ lautete das Thema ihrer gestrigen Sendung.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Doch anstatt tatsächlich in eine Diskussion darüber einzusteigen, geriet der Abend zu einem oberflächlichen Streifzug durch deutsch-türkische Befindlichkeiten. Schuld daran waren weniger die Gäste, sondern eher die Fragen, durch die Anne Will das Thema entglitt. Vielleicht hatte ihre Redaktion damit gerechnet, dass Erdogan in Berlin ähnlich auf die Pauke hauen würde wie im Jahr 2008 bei seiner umstrittenen Rede in der Köln Arena. Damals rief Erdogan seinen Zuhörern noch zu: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Derartiges war diesmal nicht von ihm zu hören. Sein Auftritt im Berliner Tempodrom war – zumindest auf den ersten Blick – tatsächlich weitaus behutsamer.

          Diaspora in Erdogans Diensten?

          Dass es trotzdem durchaus lohnenswert gewesen wäre, sich Erdogans Rede noch einmal genauer anzusehen, erkannte in Anne Wills Runde als einzige die deutsch-türkische Rechtsanwältin, Buchautorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. „Ich fand seine Rede nicht harmlos. Er hat diesmal nur andere Worte gefunden“, sagte sie.  Und tatsächlich war der Kern der Botschaft, die Erdogan an sein deutsch-türkisches Publikum richtete, derselbe wie schon bei früheren Auftritten: Ihr bleibt Türken, auch wenn ihr nicht in der Türkei geboren seid oder wenn ihr einen deutschen Pass besitzt, lautete der Tenor seiner Ansprache. Der türkische Ministerpräsident rief seine Zuhörer zwar auf zur „Integration“ und dazu, die deutsche Sprache zu erlernen. Doch  was ihm als Ziel dabei vorschwebt, ist offenbar eher eine türkische Minderheit in der Diaspora, die ihm jederzeit zu Diensten steht. Und so nannte er die Deutsch-Türken im Tempodrom auch  „Europäische Türken“. Erdogan sagte: „Ihr seid europäische Türken. Ihr werdet der Türkei den Weg in die EU zeigen.“

          Und noch etwas hatte Erdogan im Tempodrom angekündigt: Das Amt für Auslandstürken werde sich in Zukunft noch intensiver kümmern als bisher. Diese Einrichtung existiert seit dem Jahr 2010. Vordergründig geht es der Regierung darum, die vielen Millionen in aller Welt lebenden Türken vor Rassismus zu beschützen. Tatsächlich aber gestaltet sie mit Hilfe des Amtes eine schlagkräftige Diaspora.  

          Themenwechsel zum Doppelpass

          Stoff, um über die Sinnhaftigkeit von Erdogans Wahlkampfauftritten zu diskutieren, wäre also da gewesen für die Gäste: Neben Seyran Ates, waren Ska Keller, die migrationspolitische Sprecherin der Grünen im Europa-Parlament da; außerdem hatte Anne Wills Redaktion Kenan Kolat, den Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. und den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann eingeladen. Doch bevor sie auf Ates’ Anregung eingehen konnten, wechselte Anne Will zum Thema doppelte Staatsbürgerschaft. Diese besitzt viel eindeutiger das Potential für Zoff, besonders jetzt, da Wolfgang Bosbach und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer gerade gesagt haben, der erfolgreiche Schulbesuch sei eine Bedingung für die Mehrstaatlichkeit.

          Wieder erwies Seyran Ates sich als die Besonnenste im Studio:  Man müsse sich einmal fragen, ob die viel gelobte Mehrstaatlichkeit tatsächlich ein Garant sei für mehr Integration. Schließlich sei Integration ein zweiseitiger, langwieriger Prozess. Die Migranten müssten sich Deutschland als Heimat gönnen, und die Mehrheitsgesellschaft diese Heimat den Migranten auch zugestehen.  

          Nicht nur ein Segen

          Ates appellierte, den Leuten klar zu machen, dass die Mehrstaatlichkeit nicht immer ein Segen sei. Man müsse bedenken, dass man dann immer den Gesetzen jenes Landes unterliegt, in dem man sich gerade befindet. Ates, die wegen islam- und türkeikritischer Buchveröffentlichungen jahrelang von türkischen Nationalisten mit dem Tode bedroht worden ist, weiß, wovon sie spricht. Bis vor einigen Jahren besaß sie selbst die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Entscheidung, die türkische abzugeben, fiel, als sie mit LKA-Schutz nach Istanbul zu einer Konferenz fahren wollte und die Türkei den bewaffneten LKA-Beamten die Einreise verweigerte. Der Grund: Ates sei schließlich auch türkische Staatsbürgerin. Ates sagt: „Da wurde mir klar: Als deutsche Staatsbürgerin bin ich einfach sicherer.“ Im Februar 2012 gab sie ihren türkischen Pass ab - aber nicht , wie sie sagt, ihre „türkische Identität“. Denn die Entscheidung für die deutsche Staatsangehörigkeit sei für sie keine Absage an die türkische Identität. Deutsche zu sein bedeute für Ates nicht, nicht auch Türkin zu sein.

          Zu einer Wahlveranstaltung von Tayyip Erdogan würde sie wohl trotzdem nicht gehen. Und wenn doch, dann höchstens als Demonstrantin.

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