https://www.faz.net/-gsb-8fhfi

TV-Kritik „Anne Will“ : Oh, wie steuerfrei ist Panama

Anne Will Bild: dpa

Die Moderatorin lässt eine Stunde lang über die Enthüllung zu den „Panama Papers“ diskutieren. Es ist ein schmaler Grat, denn die Öffentlich-Rechtlichen haben die Tatbestände selbst ermittelt.

          4 Min.

          Wer schon am Freitag auf die Progammankündigung der Talkshow „Anne Will“ geschaut hat, konnte noch nicht viel ahnen: „Wenn das Geld in der Sonne liegt – Wer trocknet die Steueroasen aus?“ lautete der Titel. Solche Sendungen hat es immer mal wieder gegeben, seit auf Ebene der Industriestaatenorganisation OECD über einen besseren internationalen Informationsaustausch in Steuerangelegenheiten verhandelt wird. Gepflegte Sonntagabendroutine schien sich anzubahnen. Immerhin versprach die Sendung mit dem parlamentarischen Staatssekretär Michael Meister (CDU) sowie einer spezialisierten Anwältin und einem Schweizer Banker, der als Whistleblower selbst Ermittlungen in dieser Sache ermöglicht hat, eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Wer sich dagegen am Sonntag im Laufe des Tages über die wichtigsten Nachrichten informiert hat, kam an der aktuellen Enthüllung zu den „Panama Papers“ nicht vorbei. Ob über FAZ.NET, Spiegel Online oder die Internetseite der Tagesschau – überall konnte man etwas über ein Datenleck erfahren, das einigen europäischen Zeitungen und den führenden ARD-Anstalten erlaubt hat, Einblick in die Geschäfte geheimer Briefkastenfirmen zu nehmen, die zum Teil in kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Die Zeitungen – zu denen die „Süddeutsche Zeitung“, der „Guardian“ und „Le Monde“ zählen – berichten über die Verstrickungen von Fifa-Funktionären, Politikern wie dem argentinischen Staatspräsidenten Mauricio Macri, dem isländischen Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson, dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko sowie einem engen Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

          Da die „Süddeutsche Zeitung“ und die ARD-Anstalten WDR und NDR seit einiger Zeit einen gemeinsamen Rechercheverbund betreiben, hat das Erste diese Enthüllungen auch sehr prominent und umfangreich in ihren Fernsehsendungen und im Internet begleitet – so auch in Anne Wills Talkshow am Sonntagabend. Sie beruhen auf einem Datenleck in der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca aus Panama, die in der Vergangenheit zahllosen Menschen dabei geholfen hat, Briefkastenfirmen zu unterschiedlichen Zwecken aufzubauen.

          „Größtes Leck in der Geschichte“?

          Diese Frühkritik muss sich zwangsläufig zur Aufgabe machen, nicht den Gehalt dieser Enthüllungen zu prüfen, sondern den Umgang damit in einer Talkshow. Denn erst in einigen Wochen dürfte man beurteilen können, ob der weltweit vielleicht bekannteste Whistleblower Edward Snowden recht behält, wenn er sagt, dass es sich um das „größte Leck in der Geschichte des Daten-Journalismus“ handelt. Georg Mascolo, Chefkoordinator des Rechercheverbunds und damit eigener Mann der ARD, sprach in der Sendung von einjährigen Recherchen. Allein dieser Aufwand erklärt, warum die beteiligten Medienhäuser ihre Geschichte auf allen Kanälen ausführlich beleuchten. Schon an diesem Montag legt der Sender mit einer Dokumentation nach, in der die dubiose Verweigerung von Pensionszahlungen des insolventen früheren Schreibmaschinenherstellers Olympia an ehemalige Mitarbeiter mit Hilfe einer Briefkastenfirma beleuchtet wird. Nun heißt es erst einmal abwarten, was da im einzelnen alles an die Oberfläche gelangt.

          Bleiben wir also streng beim Format einer Talkshow – und vergessen vorerst einmal, dass sie hier als Teil einer konzentrierten Medienenthüllung benutzt wird. Es lässt sich festhalten, dass es der Moderatorin Anne Will wieder einmal gelingt, einen komplexen politischen Sachverhalt durch geschicktes Nachfragen, Ausbremsen wo nötig („Ich will noch einen Moment dabei bleiben, Herr Gysi, damit wir das erst verstehen“) und eine kluge Dramaturgie, den Zuschauer mit dem Eindruck zurückzulassen, einigermaßen sortiert und umfassend über die Sache informiert zu werden.

          Anne Will gibt Georg Mascolo zunächst die Fläche, die wichtigsten Erkenntnisse der Recherche zu präsentieren. Dieser ist seit dem Ende seiner Chefredakteursrolle beim „Spiegel“ und durch die enge Kooperation mit Fernsehkollegen inzwischen noch professioneller als früher darin, den Kern seiner Geschichte zu präsentieren. Im Anschluss – aber auch erst, nachdem sie mit Hilfe mehrerer Nachfragen ein ganzes Panorama geöffnet hat – lässt sie die Fachleute zu Wort kommen und bewerten.

          Steuern optimieren

          Dabei bilden sich letztlich zwei widerstreitende Pärchen heraus: Staatssekretär Meister ringt mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi um die Frage, ob nationale Alleingänge oder internationale Kooperationen besser geeignet sind, Steuerhinterziehern und Geldwäschern das Handwerk zu legen. Anwältin Simone Kämpfer und Rudolf Elmer, früherer Manager der Schweizer Bank Julius Bär, setzen sich darüber auseinander, ob es reicht zu sagen, jeder Bürger dürfe alles tun, was nicht verboten ist, um seine Steuern zu optimieren (Kämpfer: „Briefkastenfirmen sind nicht ehrenwert, aber auch nicht strafbar.“). Oder ob Banken noch effektiver daran gehindert werden müssten, ihren Kunden Kontakte zu so windigen Kanzleien wie Mossack Fonseca aus Panama zu verschaffen (Elmer: „Dass Uli Hoeneß ins Gefängnis muss, der Schweizer Banker aber nicht, ist unerträglich.“).

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Überraschenderweise finden beide Widersacherpaare nach einiger Zeit zueinander. Sie teilen die Auffassung, dass die internationale Staatenkooperation zu wachsender Transparenz über Steueroasen führe und damit den Druck auf sie erhöhe – und damit auch Enthüllungen dieser Art möglich mache. Auch den einst höchst umstrittenen Aufkauf von Steuer-CDs durch Regierungen sehen alle Gesprächspartner als wichtiges Instrument, um den Handlungsspielraum von Finanzinstituten, Privatpersonen und Unternehmen einzuengen.

          Wozu braucht man eine Briefkastenfirma?

          Gregor Gysi verbreitet zunächst sein Mantra, Briefkastenfirmen seien zu verbieten („Wozu braucht man eine Briefkastenfirma? Nur um zu verheimlichen.“). Im weiteren Verlauf gesteht er aber zu, dass sich das Unwesen von Offshore-Geschäften vor allem durch Vereinbarungen auf internationaler Ebene eindämmen lasse – und damit die Bundesregierung zumindest partiell auf einem richtigen Weg sei. So bleibt schließlich Meisters Kernaussage unwidersprochen: „Wir haben mit mehr als 90 Staaten einen Informationsaustausch vereinbart und einen Aktionsplan gegen aggressive Steuergestaltung getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland setzt sich massiv ein.“

          Handwerklich war das also eine anständige Sendung. Durch kompetente Gesprächspartner, die etwas zur Sache zu sagen hatten, war sie auch unterhaltsam. Bleibt noch ein Wort zu sagen über die konzertierte Enthüllungskampagne: Es gab Zeiten, in denen hatte man das Gefühl, dass öffentlich-rechtliche Anstalten an zweifelhafteren Skandalgeschichten herumgedoktert haben. Wenn das Geld des Gebührenzahlers in echte Aufklärung investiert wird, ist das erst einmal nicht verkehrt. Und wenn die sehenswerteste der ARD-Talkshows zu diesem Zweck eingesetzt wird, scheint das nicht völlig illegitim. Ein schmaler Grat bleibt es allerdings, wenn die Öffentlich-Rechtlichen die Tatbestände selbst ermitteln, über die sie anschließend diskutieren lassen. Die Talkshow steht im Dienst der Enthüllung.

          Weitere Themen

          „Prinzessin“ von Angola kaufte auch in Deutschland ein

          Korruptionsfall : „Prinzessin“ von Angola kaufte auch in Deutschland ein

          Die Ermittlungen gegen Isabel dos Santos offenbaren Verbindungen – auch in Deutschland kaufte die ehemalige Präsidententochter ein. Angolas größter Korruptionsfall zieht weite Kreise. Doch der heutige Präsident lässt viele Korrupte weitermachen.

          Zu viel des Guten

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Zu viel des Guten

          Sandra Maischbergers erste Sendung 2020 gerät zum wilden Ritt durch die Themen: Von den britischen Royals zu den iranischen Mullahs, von Buschbränden bis zum Dschungelcamp kommt alles vor. Mit teils erschreckenden Folgen.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.