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TV-Kritik „Anne Will“ : Oh, wie steuerfrei ist Panama

Anne Will gibt Georg Mascolo zunächst die Fläche, die wichtigsten Erkenntnisse der Recherche zu präsentieren. Dieser ist seit dem Ende seiner Chefredakteursrolle beim „Spiegel“ und durch die enge Kooperation mit Fernsehkollegen inzwischen noch professioneller als früher darin, den Kern seiner Geschichte zu präsentieren. Im Anschluss – aber auch erst, nachdem sie mit Hilfe mehrerer Nachfragen ein ganzes Panorama geöffnet hat – lässt sie die Fachleute zu Wort kommen und bewerten.

Steuern optimieren

Dabei bilden sich letztlich zwei widerstreitende Pärchen heraus: Staatssekretär Meister ringt mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi um die Frage, ob nationale Alleingänge oder internationale Kooperationen besser geeignet sind, Steuerhinterziehern und Geldwäschern das Handwerk zu legen. Anwältin Simone Kämpfer und Rudolf Elmer, früherer Manager der Schweizer Bank Julius Bär, setzen sich darüber auseinander, ob es reicht zu sagen, jeder Bürger dürfe alles tun, was nicht verboten ist, um seine Steuern zu optimieren (Kämpfer: „Briefkastenfirmen sind nicht ehrenwert, aber auch nicht strafbar.“). Oder ob Banken noch effektiver daran gehindert werden müssten, ihren Kunden Kontakte zu so windigen Kanzleien wie Mossack Fonseca aus Panama zu verschaffen (Elmer: „Dass Uli Hoeneß ins Gefängnis muss, der Schweizer Banker aber nicht, ist unerträglich.“).

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Überraschenderweise finden beide Widersacherpaare nach einiger Zeit zueinander. Sie teilen die Auffassung, dass die internationale Staatenkooperation zu wachsender Transparenz über Steueroasen führe und damit den Druck auf sie erhöhe – und damit auch Enthüllungen dieser Art möglich mache. Auch den einst höchst umstrittenen Aufkauf von Steuer-CDs durch Regierungen sehen alle Gesprächspartner als wichtiges Instrument, um den Handlungsspielraum von Finanzinstituten, Privatpersonen und Unternehmen einzuengen.

Wozu braucht man eine Briefkastenfirma?

Gregor Gysi verbreitet zunächst sein Mantra, Briefkastenfirmen seien zu verbieten („Wozu braucht man eine Briefkastenfirma? Nur um zu verheimlichen.“). Im weiteren Verlauf gesteht er aber zu, dass sich das Unwesen von Offshore-Geschäften vor allem durch Vereinbarungen auf internationaler Ebene eindämmen lasse – und damit die Bundesregierung zumindest partiell auf einem richtigen Weg sei. So bleibt schließlich Meisters Kernaussage unwidersprochen: „Wir haben mit mehr als 90 Staaten einen Informationsaustausch vereinbart und einen Aktionsplan gegen aggressive Steuergestaltung getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland setzt sich massiv ein.“

Handwerklich war das also eine anständige Sendung. Durch kompetente Gesprächspartner, die etwas zur Sache zu sagen hatten, war sie auch unterhaltsam. Bleibt noch ein Wort zu sagen über die konzertierte Enthüllungskampagne: Es gab Zeiten, in denen hatte man das Gefühl, dass öffentlich-rechtliche Anstalten an zweifelhafteren Skandalgeschichten herumgedoktert haben. Wenn das Geld des Gebührenzahlers in echte Aufklärung investiert wird, ist das erst einmal nicht verkehrt. Und wenn die sehenswerteste der ARD-Talkshows zu diesem Zweck eingesetzt wird, scheint das nicht völlig illegitim. Ein schmaler Grat bleibt es allerdings, wenn die Öffentlich-Rechtlichen die Tatbestände selbst ermitteln, über die sie anschließend diskutieren lassen. Die Talkshow steht im Dienst der Enthüllung.

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