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TV-Kritik: Anne Will : Nur einer feiert den Sieg der Demokratie

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Anne Will und ihre Gäste diskutieren über den gescheiterten Staatsstreich in der Türkei. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Auch viele von Erdogans Gegnern sind beim gescheiterten Militärputsch auf die Straße gegangen. Dessen Niederschlagung als Erfolg der Demokratie zu feiern, klingt nur zu schön, um wahr zu sein.

          Am Freitag noch plante Anne Will, über den Anschlag in Nizza zu debattieren. Dann aber hat der gescheiterte Putsch in der Türkei den Schrecken von der Côte d'Azure in den Hintergrund gedrängt. „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen.“

          Das Rezept des Geheimrats taugt auch 208 Jahre nach der Uraufführung. Kaum 48 Stunden nach dem dilettantischen Coup wächst die Sorge vor einem Gegenputsch Erdogans. Ob aus dem TV-Studio in Berlin-Adlershof Aufrufe zur Mäßigung in der Türkei fruchten, kann getrost bezweifelt werden. Aber es steht in deutscher Theater-Tradition. Man barmt. Alle Gäste folgen dem Skript. Nur Erdogans Verbündeter Fatih Zingal heroisiert den Widerstand der Massen als Sieg der Demokratie.

          In der Nacht zum Samstag haben die Sozialmedien eine Generalmobilmachung von Erdogans Anhängern ermöglicht. Cem Özdemir und Anwältin Seyran Ates zweifeln deshalb an Zingals Heroisierungsthese. Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, erinnert an das Einmaleins der Realpolitik. General a.D. Harald Kujat findet Gefallen daran, die Lage noch komplizierter zu machen.

          Der entfesselte Erdogan

          Symbolisch ist der Schaden unbestreitbar: Allein die Luftangriffe auf das Parlament reichten aus, die Putschisten völlig zu diskreditieren, von den 290 Toten und 1400 Verletzten ganz zu schweigen. Bilder von Lynchjustiz an einem bereits entwaffneten Soldaten erzählen nicht nur vom Volkszorn. Sie geben eine Idee davon, welchen Schrecken ein entfesselter Erdogan mit seinem Fußvolk in Gang setzen kann. An die Stelle des „tiefen Staats“ tritt für Erdogan und seinen Gefolgsmann Zindal die „Parallelstruktur“. Als Erzbösewicht hat Erdogan seinen langjährigen Verbündeten Fethullah Gülen ausgemacht, der Justiz und Militär unterwandert habe.

          Cem Özdemir setzt Fatih Zingals Heroisierungsthese entgegen, dass auf den Straßen vor allem Erdogan-Anhänger zu sehen waren. Dass quasi über Nacht so viele Justizbeamte suspendiert wurden, spricht dafür, dass die Regierung auf vorbereitete Listen zurückgreifen konnte. General Kujat vergleicht das mit dem Vorgehen eines totalitären Regimes, was Röttgen erschreckt zusammenzucken lässt. Erschwert der General der Kanzlerin das Geschäft mit der Türkei?

          Nach einem Putsch zu Mäßigung aufzurufen, mutet in der Lage, in der sich die Region befindet, wie ein tapferer Gesang auf dunkler Kellertreppe an. Was bewirkt ein Plädoyer für den Rechtsstaat, wenn der Putsch scheinbar alle Verschwörungsthesen Erdogans zu bestätigen scheint? Fatih Zingal weicht der Frage aus, worin die Parallelstrukturen bestehen. Er schweigt dazu, warum es zwischen den einstigen Verbündeten Gülen und Erdogan zum Bruch gekommen ist: Der Bruch trat ein, als die türkische Justiz mit Korruptionsermittlungen gegen Erdogans persönliches Umfeld begann. Das hätte an diesem Abend durchaus etwas deutlicher werden können.

          Erdogan bestimmt den Feind

          Cem Özdemir erinnert sich an andere Parallelstrukturen, die ihm sein vorerst letzter Besuch im Südosten der Türkei gezeigt habe. Im Gegensatz zu den sauber rasierten und adrett uniformierten Soldaten der türkischen Armee seien ihm unrasierte Bewaffnete in Jeans begegnet, die den Südosten kontrollieren. Keiner traue sich da, Fragen zu stellen.

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