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TV-Kritik: Anne Will : Krisentreffen der Botschafter

Gespaltenes Land: pro-russische Rebellen am Wrack des abgestürzten Flugzeugs MH 17 Bild: AP

Immerhin die offiziellen Gesandten Russlands und der Ukraine in Deutschland fanden den Weg ins Talkshow-Studio. Würden Anne Will & Co. ihnen Überraschendes zum Absturz in der Ostukraine entlocken können?

          Anne Wills Talkrunde zum ukrainisch-russischen Konflikt stand diesmal ganz im Zeichen der malaysischen Passagiermaschine, die mit fast dreihundert Menschen an Bord über der Ostukraine abgeschossen wurde. Der Talkmasterin waren Erschütterung und Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben. Anne Will versammelte im ARD-Studio zur Debatte über die Tragödie die Gesandten Russlands und der Ukraine in Deutschland, Oleg Krasnezki und Wasyl Chymynetz, sowie Harald Kujat, General und Ex-Generalinspektor der Bundeswehr, den CDU-Ukrainespezialisten Karl-Georg Wellmann und die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Cathrin Kahlweit.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu Beginn der Sendung laufen Aufnahmen aus dem Absturzort Grabowo, wo Schrebergärtnerinnen, in deren Beeten Leichenteile gelandet sind, hilflos ihre Trauer über die Tragödie und insbesondere über die getöteten Kinder kundtun. Und ganz allgemein darüber klagen, dass solche Katastrophen so oft die am Konflikt Unbeteiligten, Unschuldigen treffen. Anne Will erteilt zuerst  – und im Verlauf der folgenden anderthalb Stunden bevorzugt – dem Russen Krasnezki das Wort, der den Angehörigen der Toten sein Beileid ausspricht, aber auch die offizielle Linie vertritt, wonach Russland am ukrainischen Bürgerkrieg nicht beteiligt sei. Präsident Putin habe Waffenruhe und die Untersuchung der Unglücksstelle durch eine internationale unabhängige Expertenkommission gefordert, so Krasnezki. Wobei der Diplomat, wohl wissend, dass er für diese Position wenig Verständnis ernten wird, den Blick fatalistisch zu Boden senkt.

          Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen von der ukrainischen Botschaft, Wasyl Chymynez, der die Unterstützung des Kreml für die Söldner als Hauptgrund für den ukrainischen Bürgerkrieg hinstellt – wo sich doch das ukrainische Volk für die Integration in die europäische Familie ausgesprochen habe. Chymynez‘ Augen wandern suchend von einem zum andern, während sein Widersacher Krasnezki ein weiteres Mal an den Bruch des Viererabkommens der Ukraine mit Russland, Polen und Deutschland vom 22. Februar durch Kiew erinnert und daran, dass die Rebellen keine Luftwaffe hätten, und dass die Bombenangriffe der Regierung viel Leid über den Osten des Landes bringe.

          Die „faschistische Junta“ von Kiew

          Die Ursache des Absturzes der Boeing 777 sei offenbar ein Fehlschuss der Rebellen mit einem Luftabwehrsystem vom Typ „Buk“ gewesen, resümierten die deutschen Gäste den bisherigen Ermittlungsstand. Wobei CDU-Politiker Wellmann sich über die Moskauer Rhetorik von der „faschistischen Kiewer Junta“ entrüstet, mit der Moskau sich jenseits von Europa stelle. General Kujat, der Moskau vor allem einbinden will, wendet sich gegen eine Dämonisierung der Russen, weil eine Beilegung der Ukrainekrise nur mit ihnen, wie er betont, möglich sei, niemals gegen sie.

          Das Patt macht Anne Will noch bekümmerter. Ob er nicht den respektlosen Umgang mit den Toten auf dem Feld von Grabowo bedauere, fragt sie Oleg Krasnezki mit einem Anteilnahme heischenden Blick. Auch SZ-Redakteurin Kahlweit erinnert an jene angetrunkenen Freischärler, die die ersten Tage nach dem Absturz niemanden zu der Unfallstelle vorließen, dort herumballerten und offenbar die Toten ausplünderten. Doch Diplomat Krasnezki bleibt ruhig und reserviert. Er erinnert an die Bruchlandung des polnischen Präsidentenflugzeugs bei Smolensk vor vier Jahren; das sei ebenfalls entsetzlich gewesen. Immerhin habe die malaysische Delegation die zwei Flugschreiber zur Auswertung entgegengenommen, sagte Krasnezki. Doch die Kriegshandlungen gingen weiter. Donezk sei wieder bombardiert worden. Der Ukrainer Chymynez will freilich keinen innerukrainischen Konflikt erkennen, sondern nur eine russische Aggression.

          Ein Plan für die Ukraine

          Das will der Russe Krasnezki nicht hinnehmen; für einen Krieg wie für einen Tanz brauche es zwei Partner, erklärt er. Und wiederholt die Forderung nach Waffenruhe, einer Verfassungsreform und einer Föderalisierung des ukrainischen Staates. Auch Anne Will will wissen, warum der ukrainische Präsident Poroschenko keinen Waffenstillstand, sondern statt dessen eine Teilmobilisierung angeordnet hat. General Kujat, der sich ebenfalls für Waffenruhe ausspricht, fordert einen „Straßenplan“ für die Ukraine, von den europäischen Außenministern ausgehandelt. Weiter kommt man nicht.

          Diplomat Chymynez scheint es zu gefallen, wie die Deutschen Wellmann und Kujat die Möglichkeit einer Sicherung der ukrainisch-russischen Grenze und überhaupt eines Waffenstillstandes zwischen den Konfliktparteien durch Truppen der Vereinten Nationen erörtern – Hauptsache, sein Land muss sich nicht allein sich mit dem übermächtigen Nachbarn auseinandersetzen.

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